Lebendige Gemeinde und (Kirchen-) Musik

1. Musik: Sprache des Glaubens

“Mehr als Worte sagt ein Lied”

... singen wir mit dem Gotteslob-Lied Nr. 270 in Anlehnung an Psalm 95. Singend können wir Menschen uns emotionaler, vielschichtiger und tiefer ausdrücken als allein im nüchternen, gesprochenen Wort. Das gilt beim Hören und erst recht, wenn wir selbst singen oder musizieren.

Konnte der Liederzyklus “Winterreise” nicht erst durch die Musik Franz Schuberts seine ergreifende Wirkung entfalten, wie es die ihm zugrundeliegenden Worte des nicht unbedingt herausragenden Literaten Wilhelm Müller alleine niemals vermocht hätten?

“Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade”

... heißt es im Kolosserbrief (Kol 3, 16c). Wo Menschen ihren Gott preisen wollen, erweist sich das nur gesprochene Wort als unzureichend. Nicht von ungefähr wirken “Gloria”, “Halleluja” oder “Sanktus” nur authentisch, wenn sie gesungen werden.

Schon das biblische Buch der Psalmen ist ein Liederbuch. Bis heute sind die Psalmen wesentlicher Bestandteil unserer Gottesdienste. In ihnen bringen wir unser Leben klagend, sehnsüchtig, suchend, zweifelnd, aber auch preisend und freudig zum Ausdruck. Auch Neue Lieder sind immer ein Spiegel lebendigen Glaubens. Die singende Gemeinschaft trägt den Einzelnen gerade dort, wo Worte versagen.

“Der Glaube kommt vom Hören” (Röm 10, 14-17)

Gott offenbart sich in der Heiligen Schrift. Das geschriebene Wort bedarf eines Menschen, der ihm Stimme verleiht. So kann es im Gottesdienst je neu den Menschen erreichen.

Geschriebene Musik ist zunächst tote Musik. Sie bedarf der Musiker, die sie hörbar machen. Nur so kann sie die Menschen erreichen.

In dieser tiefen Wesensgemeinschaft liegt das Geheimnis dafür begründet, dass gerade die Musik der Schlüssel für ein existentielles Verständnis des Wortes Gottes sein kann. Durch die Musik wirkt Gottes Wort plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern trifft in unser Herz. “Da berühren sich Himmel und Erde”, wenn ein Komponist den Buchstaben Klanggestalt gegeben hat, die über das Gehör in den Herzen der Menschen Resonanz hervorruft.

Der Glaube braucht Menschen, Musiker, die diese vermittelnden Dienste in den konkreten Gemeinden übernehmen.

2. Zur Situation der Kirchenmusik in unseren Gemeinden

Die Musik innerhalb und außerhalb der Gottesdienste in den Gemeinden des Bistums Mainz ist von großer Vielfalt geprägt. So gibt es neben den “klassischen” Diensten und Gruppen wie: Organist, Kantor, Erwachsenenchor und -schola häufig weitere Gruppierungen wie z.B.: Jugendchöre und -bands, Kinderchöre und -scholen, Vokalensembles, Gospelchöre, Singkreise, Instru-mentalgruppen etc. Die traditionellen Erwachsenenchöre sind oft stark überaltert und teilweise in ihrer Existenz gefährdet. Die neu entstandenen Ensembles sind meist nicht streng einer Gemeinde zugeordnet, selten einem Dekanat oder Pfarrverband.

Die Qualität der Musik selbst ist sehr unterschiedlich. Sie ist abhängig vom Grad der liturgiemusikalischen Ausbildung der Ausführenden. Der Gemeindedienst wird von insgesamt ca. 1.100 neben- und ehrenamtlichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern versehen, darunter viele kirchenmusikalisch ungeschulte Helfer. Leider begnügt man sich vielerorts mit dem geringsten Niveau. Die Möglichkeiten der Kirchenmusik für die Gestaltung der Liturgie, aber auch für Gemeindeaufbau und Verkündigung bleiben dadurch ungenutzt. Mancherorts sind motivierte Musiker auch aufgrund besserer finanzieller Möglichkeiten in Nachbardiözesen oder benachbarte Evangelische Landeskirchen abgewandert.

Es hat sich herausgestellt, dass dort, wo in den vergangenen Jahren Regionalkantorenstellen eingerichtet wurden (z.Zt. 8), die Zahl der Absolventen einer kirchenmusikalischen Ausbildung deutlich gestiegen ist. Dort hat sich auch die von der Deutschen Bischofskonferenz geforderte “sachverständige Hilfe, ohne die künftig keine Gemeinde sein darf” (Leitlinien 1991), bereits se-gensreich ausgewirkt. Für die vier Dekanate, in denen es eine solche Hilfe z.Zt. nicht gibt, soll ein gerade beginnender interner Strukturprozess eine Lösung bringen.

3. Neue Strukturen: Chancen für die Kirchenmusik

“Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete”

So wie das tägliche Beten zum Grundvollzug jedes Christen gehört, ist die Kantillation, das Singen seit alters her die Ausdrucksgestalt gemeinsamen Betens, wenn “zwei oder drei in seinem Namen” zusammenkommen.

Der Strukturprozess sucht zu recht Kooperationen und öffnet Pfarreigrenzen, damit die Menschen in ihrem gemeinsamen Anliegen zusammenrücken. Gleichzeitig bleibt es notwendig, in den kleinen Gebetsgemeinschaften vor Ort den Glauben lebendig zu erhalten. Liturgisch-musikalisch bedeutet dies, die Formen schlichten, aber kontinuierlichen Betens und Singens zu fördern. Kirchenmusiker können helfen, dem alltäglichen, gemeinschaftlichen Gebetsleben eine Feierform zu geben. Ohne diese Kontinuität gefeierten Glaubens droht auch die sonntägliche Eucharistiefeier (in größerer Gemeinschaft) zu vertrocknen.

“Damit der Glaube nicht verstummt!”

Für die musikalische Arbeit in größeren Gruppen und Formen gibt es an vielen Orten schon wegweisende Beispiele gelingender Kooperation. Auch wenn mancher Zusammenschluss von Chören “aus der Not” geboren ist, ist die Erfahrung des gemeinsamen Singens und Feierns eine mutmachende. Die möglichen Vernetzungen sollten in den einzelnen Regionen gewissenhaft ge-prüft werden: vom Kindergarten bis zum Seniorenheim, vom Schulmusiker bis zur Jugendband, von religiöser Jugendarbeit bis zur Kantorei, vom Singspiel bis zum Oratorium. Auf diese Weise können Kompetenz und Knowhow effektiv gebündelt werden.

Kirchenmusik in all ihren Facetten ist wichtig für das Leben in den Gemeinden und neuen pastoralen Einheiten. Ihr Beitrag für den Gottesdienst, die Verkündigung und den Gemeindeaufbau ist erheblich. Entsprechend muss eine ausreichende personelle und finanzielle Ausstattung bei der pastoralen Planung vorgesehen werden.

Kirche darf auf die ansteckende Wirkung der Musik vertrauen. Jede noch so kleine Gemeinde sollte ihre Möglichkeiten prüfen und nutzen.


Liturgische Kommission des Bistums Mainz

Unterkommission „Musik im Gottesdienst“
Domdekan Heinz Heckwolf, Vorsitzender

Ansprechpartner:

Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz
Diözesankirchenmusikdirektor Thomas Drescher
55116 Mainz, Adolf-Kolping-Str. 10
Tel. 06131-234032, Fax 06131-236352
Email:  Thomas.Drescherat-ZeichenBistum-Mainz.de
oder  kirchenmusikat-ZeichenBistum-Mainz.de 

 

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