Lebendige Gemeinden – und caritatives Engagement

„Wir steigen in den selben Fluss, und wir steigen nicht in den selben Fluss.“ Diese Erkenntnis des griechischen Philosophen Heraklit, dass Wandel und Entwicklung immer passieren werden und notwendig sind, fordert auch heute lebendige Gemeinden und ihren Caritasverband1 heraus. Der Bistumsprozess ist selbst Ausdruck des Wandels in Kirche und Gesellschaft. Um entscheiden zu können, welche Organisationsformen und Strukturen notwendig sind, braucht es die Vergewisserung unseres Auftrags und unserer Botschaft. Missionarisch Kirche sein, bedeutet auch, sich selbst zu vergewissern, wofür wir eintreten. Heil und Befreiung zu verkünden und zu wirken ist Kern jesuanischen Handelns. Caritas sucht in seiner Nachfolge diese Mission für heute erfahrbar werden zu lassen.

Die gesellschaftliche Situation, in der Menschen in Deutschland leben, ändert sich - und wird geändert. Stichworte wie prekäre (Teilzeit-)Arbeitsverhältnisse, die dazu führen, dass es auch in Deutschland sog. „working poor“ gibt,

  • sich zunehmend auseinander entwickelnde Lohn- und Einkommensverhältnisse: Die Zahl der Armen wächst, ebenso die Zahl der Reichen2.
  • ungleiche Bildungszugänge und damit einhergehende Ausgrenzung von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten,
  • Entmischung von Wohngebieten und Bildung von sog. Ghettos,
  • die Spaltung in Gewinner und Verlierer,
  • und die Steuerungsmacht der internationalen Finanzmärkte

skizzieren die soziale Landschaft. Dieser Umbruch macht sich für Einzelne – für Arme genauso wie für Teile der Mittelschicht - ganz konkret bemerkbar. Er greift aber auch tief in die caritative Arbeit ein und betrifft sie in ihrem Selbstverständnis. Als kirchlichem Verband3 geht es der Caritas nicht nur um eine Dienstleisterfunktion gegenüber dem Sozialstaat, sondern in erster Linie um die Verwirklichung des Reiches Gottes gerade mit und bei den Armen und in Not Geratenen.

Für dieses Engagement braucht es sehende Augen, offene Ohren und tatkräftige Hände glaubender und begeisterter Menschen. Es geht um das caritative Engagement der ganzen Kirche: Welche Chancen und Möglichkeiten haben wir, für die „Verlierer“ einzutreten und gemeinsam den Wandel zu gestalten?

Im folgenden sollen aus dem weit gefächerten Engagement der kirchlichen Caritas einige exemplarische Handlungsfelder dargestellt werden, die Gemeinden und Caritasverbände herausfordern, sowie enthaltene Chancen und mögliche Lösungsansätze aus Sicht des Caritasverbandes für die Diözese Mainz e.V. aufgezeigt werden:

1. Caritatives Engagement in den Pfarrgemeinden

Ehrenamtliches caritatives Engagement (in) der Pfarrgemeinde kennt viele Formen und Themen. Angerührt von den Begegnungen und Nöten, die im Alltag sichtbar werden oder sich sogar aufdrängen, greifen Einzelne oder Gruppen solche Herausforderungen auf und suchen mit denen, die Hilfe und Solidarität brauchen, nach Lösungen. Sie brauchen die Unterstützung der Pfarrgemeinden gerade in Engagementfeldern für besonders verletzliche Personengruppen wie z.B. Wohnungslose, Suchtkranke, Verschuldete, Asylsuchende, Menschen mit Behinderungen.

Die Caritasverbände und ihre Gemeindecaritas Mitarbeiter/innen arbeiten an solchen Themen gerne mit den Gemeinden zusammen. Wenn es im Bistumsprozess zu Pfarrgruppen und Pfarreienverbünden kommt, können die caritativ Engagierten in gemeinsamen Gruppen ihr Engagement gestalten und z.B. in einem Caritasausschuss bündeln. Gemeinsame Anliegen und solidarisches Handeln schaffen Gemeinschaft über bisherige Grenzen hinweg.

2. Die Pfarrgemeinde und ihre Kindertageseinrichtung

Kindertageseinrichtung künden in vielen Pfarrgemeinden vom gelebten Glauben, dass Gott sich allen Menschen zuwendet und dass Leben in gemeinsamer Verantwortung besser gelingt. 15 000 Kinder gehen werktäglich in kath. Kindertagesstätten im Bistum Mainz. Ihnen und ihren Eltern und Geschwistern bietet Kirche ihr diakonisches und missionarisches Engagement, sowie im Alltag vielfältige Chancen in der Gemeinde mitzuwirken und sie mitzugestalten. Oft geraten die Chancen vor lauter Hürden und Schwierigkeiten, die sich auf allen Seiten auftun, aus dem Blick. Das Handeln Jesu ermutigt, Hürden zu umgehen oder zu überspringen, uns dem Nächsten/Fremdem zuzuwenden. In katholischen Kindertagesstätten ist das alltägliche Erfahrung. In der lebendigen Beziehung mit ihren Kindertageseinrichtungen kann in Pfarreienverbund und Pfarrgruppe erfahrbar werden, was Familien und Kinder brauchen und kann dies gemeinsam ermöglicht werden. Gerade im Pfarreienverbund trägt die gemeinsame Verantwortung für mehrere Kindertageseinrichtungen zur Entlastung von Verwaltungsaufgaben bei. Inhaltliche und konzeptionelle Schwerpunktbildung und Zusammenarbeit unter den Einrichtungen trägt zu einer profilierteren Wirkung nach außen bei. Hinweise finden sich dazu auch in den Pastoralen Richtlinien für Kindertageseinrichtungen im Bistum Mainz.

In einer der nächsten Ausgaben der Informationen zum Bistumsprozess werden die Kindertagesstätten noch einmal eigens Thema sein.

3. Die Bistumsinitiative „Netzwerk Leben“

Die Bistumsinitiative „Netzwerk Leben“ startete im Januar 2001 als diözesanweites Kooperations-Projekt für Frauen in Schwangerschaft und Notsituationen. Anlass war die Neuordnung der Schwangerschaftsberatung im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus dem staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung mit Beratungsnachweis und die Stärkung des Lebensschutzes im Bistum. Ziel ist die Gestaltung des Miteinanders des seelsorglichen und caritativen Bereichs im Sinne einer diakonischen Pastoral. Dabei zeigt sich wie in den vg. Bereichen die Notwendigkeit der Integration der Thematik in eine zu entwickelnde Gesamt-Pastoral des Bistums. Seit Bestehen der Initiative konnten sich in neuen Kooperationen zwischen Pfarrgemeinden und der verbandlichen Caritas weitere konkrete Hilfeangebote für Frauen in Schwangerschaft und in Notsituationen entwickeln.

Eine große Bandbreite an personenbezogener Zusammenarbeit von unterschiedlicher Intensität und Verantwortlichkeit zeigt die Vielfalt der Hilfen auf. Mit dem Bistumsprozess können sich hier neue Chancen zu solidarischer Hilfe ergeben. Netzwerk Leben kann ein wesentlicher Baustein zum gemeinsamen Engagement auf Dekanats-, Pfarrgruppen- und Pfarreienverbundsebene sein. Hilfen für Frauen in Schwangerschaft und in Notsituationen lassen sich gemeinsam zuverlässiger organisieren und tragen zum Charakter der Gemeinde als „diakonisch und missionarisch“ bei.

4. Caritas-Zentren im Sozialraum oder die Zukunft der Beratungsarbeit

Beratungsarbeit wird in den Caritasverbänden in vielen spezialisierten Fachdiensten und Einrichtungen geleistet. Zukünftig sollen die unterschiedlichen Beratungsstellen, wie z. B. Allgemeine Lebensberatung, Erziehungsberatung, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Schwangerenberatung, Schuldnerberatung und Migrationsberatung stärker zusammenwirken und exemplarisch in „Caritas-Zentren im Sozialraum“ zusammen geführt werden. Seit Frühjahr 2005 wird dies an mehreren Modellstandorten erprobt.

Das Ziel dieser Umstrukturierung der Beratungsarbeit der Caritasverbände ist einerseits, die z. T. von Stellenabbau betroffenen und sich wandelnden Hauptamtlichendienste neu zu profilieren und Ressourcen gemeinsam zu nutzen.

Andererseits geht es um die Orientierung an den Not- und Problemlagen der Menschen. In den fachübergreifenden Teams soll das Expertenwissen in unterschiedlichen Konstellationen für alle abrufbar sein und nutzbar gemacht werden.

Eine wesentliche Funktion der Caritasarbeit ist es, Beziehungen zu stiften, um Partizipation und Zugänge zu den Ressourcen und Möglichkeiten in größer werdenden Räumen für alle zu fördern. Im sozialen Zusammenleben vor Ort kann damit verhindert werden, dass große Räume nur als kalt und anonym erlebt werden. Auch in der zukünftigen Struktur von Pfarrgruppen und Pfarreienverbünden wird es darauf ankommen, gerade den Menschen zum Zugang zu den Möglichkeiten der größeren Strukturen zu verhelfen, die dies nicht aus sich selbst vermögen. Ehrenamtliche und Selbstorganisationen in Pfarrgemeinden und alle Menschen guten Willens sind dabei wesentliche Bundesgenossen.

5. Alte und kranke Menschen auf dem Gebiet der Pfarrgemeinden

Begegnung zu ermöglichen trägt zur Entfaltung des Lebens bei – eine Herausforderung, die auch für die Pfarrgruppen und Pfarreienverbünde im Umstrukturierungsprozess des Bistums zutrifft.

Alte Menschen, die (noch) in ihrer häuslichen Umgebung wohnen, gehören genauso zur Gemeinde wie ihre (pflegenden) Angehörigen. Zurückgezogenheit und Vereinsamung droht allen, die nicht an der Mobilität ihrer Umgebung – z. B. aus Gebrechlichkeit, Angst oder Überforderung - teilnehmen können. Hier gilt es gerade im Umstrukturierungsprozess mit den größer werdenden Bezugsräumen im Blick zu behalten, den Kontakt auch u.a. für alte, kranke, behinderte Menschen und deren Angehörigen zu ermöglichen. Fahr-, Begleit- und Besuchsdienste, Gesprächskreise, offene Mittagstische sind in einigen Pfarrgemeinden bewährte Angebote, die auch in gemeinsamer Verantwortung in Pfarreienverbünden und –gruppen zu organisieren sind.

In der Zuwendung zu den armen, schwachen und ausgegrenzten Menschen erweist und bewährt sich die Glaubwürdigkeit des christlichen Verkündigung.

6. Arbeit und Arbeitslosigkeit

Das Caritas-Jahresthema rückt am Caritassonntag verstärkt in den Blick: „Arbeitslose brauchen Chancen statt Vorurteile“. Auch in den neuen Strukturen wird es darauf ankommen, die eigenen Chancen für diejenigen zu öffnen, die sie brauchen. Anregungen zum Umgang mit dem Jahresthema 2005 finden sich in einem eigenen Kapitel in den „Gottesdienstbausteinen für den Caritas-Sonntag 2005“. Diese können unter Tel. 06131-2826-255 oder info@caritas-bistum-mainz.de nachbestellt werden oder im Internet unter http://www.dicvmainz.caritas.de/575.asp heruntergeladen werden.

Selbsthilfegruppen von Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, haben in Pfarrgruppen und Pfarreienverbünden die Chance zu größerer Anonymität und zum Schutz vor den verletzenden Blicken unbeteiligt bleiben wollender Mitmenschen.

Auch diejenigen, die (noch) Arbeit haben, kennen vielfache Nöte und Schwierigkeiten: Überlastung, stressbedingte Krankheiten, Ängste, Mobbing, fehlende Zeit für Familie und Freunde sind nur einige Themen, die sich hinter scheinbar problemlosen Arbeitsbiografien verstecken können.

Im Prozess des Zusammenwachsens der verschiedenen Pfarrgemeinden ist deshalb auf eine Gesprächssituation zu achten, die von Ehrlichkeit, Fehlerfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Diskretion geprägt ist. Pfarrgruppen und Pfarreienverbünde, sie auf solche Weise einladend wirken, sind ein Zeugnis christlicher Caritas.

 

Ausblick

Die „72 Stunden-Aktion“ von BDKJ, Caritasverbänden und Pfarrgemeinden, zwischen Jugend-, Caritas- und Gemeindepastoral hat neue Impulse zum gemeinsamen Handeln gesetzt. Diese Erfahrungen können die weitere Gestaltung des caritativen Engagements in Lebendigen Gemeinden inspirieren. Es gilt im Bistumsprozess Themen und Anliegen des caritativen Engagements und der Vernetzung von Gemeinden und caritativen Diensten zu verankern.

Gelebte Caritas trägt dazu bei, auf Menschen zuzugehen und als Gemeinschaft und Gemeinde attraktiv zu sein und so als diakonische Gemeinde im wahrsten Sinne des Wortes „missionarische Gemeinde“ zu sein.

Domkapitular Hans-Jürgen Eberhardt,
Dezernent für Caritas und Soziale Arbeit

Wenn Sie weitere und andere Ideen haben, wie caritatives Engagement in heutiger Zeit und unter den gegebenen kirchlichen und gesellschaftlichen Bedingungen gewirkt werden kann, wenden Sie sich an den:

Caritasverband für die Diözese Mainz e.V. ,
Referat Gemeindecaritas, Ute Strunck, Tel. 06131/2826-267,
Referat Kindertagestätten, Barbara Thum-Gerth, Tel. 06131/2826-298,
Referat Familienhilfe, Helga Feld-Finkenauer, Tel. 06131/2826-282
Projekt: Caritas-Zentren im Sozialraum, Axel Geerlings-Diel, Tel. 06131/2826-270
Referat Alten- und Gesundheitshilfe, Brigitte Lerch, Tel. 06131/2826-258
Email: info infoat-Zeichencaritas-bistum-mainz.de

Wir kommen gerne mit Ihnen ins Gespräch.

Anmerkungen:

1 Mit der neuen Satzung des Caritasverbandes für die Diözese Mainz e.V. und seiner Gliederungen sind die Pfarrgemeinden Mitglieder der Bezirkscaritasverbände und bestimmen über Delegierte die Verbandspolitik des Diözesancaritasverbandes mit.

2 Im Jahr 2004 lebten laut „World Wealth Report“ (im Auftrag der Unternehmensberatung Capgemini und der Investmentband Merril Lynch) in Deutschland 760.00 Einkommensmillionäre (kurzfristig verfügbares Barvermögen über 1 Mio €), 4400 mehr als im Jahr 2003.

3 Hier skizzieren wir nur einen Ausschnitt aus dem Handeln des Caritasverbandes für die Diözese Mainz e.V.. Wesentliche sozialwirtschaftliche und diakonische Bereiche wie die Krankenhäuser und Altenheime haben wir für diese Aufgabe zurückgestellt.