"Turbo-Kapitalismus" stoppen Betriebsseelsorger Hans Zinkeisen fordert Umdenken in der Gesellschaft
"Das Geld als Mittel ist zum Götzen geworden" kritisiert Hans Zinkeisen. Er fordert einen Umdenkungsprozess.
Hans Zinkeisen ist überall dort, wo es gerade "brennt". Der katholische Betriebsseelsorger ist unterwegs von einer Firma zur anderen - ob Mitsubishi in Trebur, Fagro in Groß-Gerau oder Schreiber in Nauheim. Einen Flächenbrand erlebt er gerade bei Opel. Inmitten Tausender Opelaner hat er die Betriebsversammlung miterlebt. "Für viele war es ein Schock." Die Menschen hätten die katastrophalen Nachrichten vom Stellenabbau erstaunlich gefasst aufgenommen. Keiner sei laut geworden, niemand habe etwas von seinen Gefühlen herausgelassen.
"Kämpfen muss gelernt sein", sagt der Seelsorger. Doch das hätten viele heute verlernt. Die Macht gemeinschaftlichen Handelns werde verkannt, der Sinn von Gewerkschaften sei fast in Vergessenheit geraten. "Da fangen wir wieder bei Adam und Eva an." Die Tragweite der wirtschaftspolitischen Entwicklung werde vielen erst allmählich bewusst.
Manager der mittleren Führungsebene hätten bis vor kurzem noch geglaubt, sie seien unentbehrlich. Mancher jung-dynamische Geschäftsführer eines mittleren Unternehmens habe angesichts seiner rigiden Personalpolitik gegenüber dem Kirchenmann lapidar die Parole "Fressen und gefressen werden" ausgegeben. So sei das eben heute in der Wirtschaft. Zwischenzeitlich sei er selbst "gefressen" worden.
Heute stimmten auch Führungskräfte leisere Töne an. Ihnen werde schlagartig bewusst, "oh, ich könnte auch darunter sein". Für einige der "Macher" um die 50, die sich mit ihrem Beruf stark identifizierten, kippe plötzlich das ganze Leben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. "Die kriegen das nicht geregelt." Auf die Menschen komme ein "sozialer Absturz sondergleichen" zu.
"Das lässt mich Tag und Nacht nicht los." Zinkeisen ist zum Streetworker geworden, wie er sagt. Überall in der Stadt werde er angesprochen. In Einzelgesprächen ließen Opel-Mitarbeiter ihren Gefühlen auch schon mal freien Lauf. Angst, Zorn, Enttäuschung - jeder verarbeite die Situation anders. Die Menschen bangten um ihre Existenz. Mancher habe ein Haus abzubezahlen, die Kinder seien noch in der Ausbildung. Zunächst einmal kann der nur zuhören.
Doch Hans Zinkeisen will etwas tun, aktiv werden, einen dringend notwendigen "Umdenkungsprozess" in der Gesellschaft anstoßen. Er arbeitet eng mit seinem evangelischen Kollegen Volkhard Guth und den Betriebsräten zusammen, bietet Informations- und Fortbildungsveranstaltungen an, hat ein Solidaritätskomitee auf den Weg gebracht, war bei der großen Demonstration der Opelaner dabei und versteht seine Aufgabe als Brückenschlag zwischen Kirche und Arbeitswelt. In einer ökumenischen Aktion wurden allein in den Kirchen 4 000 Solidaritätsunterschriften für die Opelaner gesammelt.
"Ich will prophetisch wirken und rufen, aber nicht alleine." Allzu oft würden seine Rufe nach Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, die den Menschen zum Zentrum wirtschaftlichen Denkens und Handelns machen, als marxistische Thesen abgetan. Dabei handele es sich hier um die Grundsätze der katholischen Soziallehre. "Eigentum verpflichtet", betont der Seelsorger. Stattdessen schöpften heute oftmals weitgehend anonyme Kapitaleigner Gewinne im großen Stil ab, es finde eine Umverteilung von unten nach oben statt.
Der Papst habe schon vor Jahren vor den Auswirkungen des "Turbo-Kapitalismus" gewarnt. "Heute haben wir sie", sagt Zinkeisen. Die Menschen müssten lernen, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen. "Der real existierende Sozialismus hat versagt, aber der real existierende Kapitalismus ist auch nicht das Gelbe vom Ei." Es fehlten Verantwortungsbewusstsein, Kontrolle und Moral. Hauptziel müsse eine gesellschaftliche Veränderung sein. "Wir müssen neue Formen finden." Jeder Mensch habe ein Recht auf ein Ein- und Auskommen. "Arbeit ist ein Stück des Lebens."
Es sei nicht akzeptabel, dass zehn Prozent der Weltbevölkerung den Rest dominieren. Ein Schritt in die richtige Richtung sei eine europäische Sozialgesetzgebung. Arbeitnehmer hätten angesichts von Hartz IV, Kanzler-Konzept 2010 und Kochs Sparpaket noch einen steinigen Weg vor sich.
Mainspitze v. 11.12.04 / Susanne Wildmeister
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