Wie repräsentiert man Gott? - Die Rolle des Vorstehers in der Eucharistiefeier
Wenn der Priester mit der Gemeinde Eucharistie feiert, so kennt er seine Aufgabe längst. Er weiß, daß er Vorsteher der Versammlung ist, er kennt den Aufbau und die Struktur der Meßfeier, und in den meisten Fällen hat er seinen Zelebrationsstil an die äußeren Gegebenheiten angepaßt: an den Kirchenraum, an die Gemeinde, an sein priesterliches Selbstverständnis. Er weiß auch, daß er in persona Christi handelt. Aber wie läßt sich das der Gemeinde erfahrbar machen: in persona Christi handeln? Wie repräsentiert man Gott? Wie kann man als Stellver-treter Christi auftreten, ohne ihn nach Art eines Schauspielers zu imitieren? Diese Fragen berühren das Wesen der Meßfeier und verlangen Antworten, die jeder Priester letztlich nur auf Grund seiner eigenen, tiefen Spiritualität selbst geben kann. Trotzdem gibt es Aspekte, die nicht allein in der Person des Priesters liegen, sondern sich aus dem Sinn und der Feierge-stalt der heiligen Messe ergeben. Einige wichtige Gesichtspunkte, die die Vorsteherrolle des Zelebranten1 bestimmen, sollen hier genannt werden.
Der Priester als Herold GottesDie Vorsteherrolle hat sehr unterschiedliche Facetten. Gleich zu Beginn des Gottesdienstes hat der Priester die Aufgabe, der Gemeinde zu versichern, daß Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr, in der Versammlung gegenwärtig ist. Er ruft der Gemeinde zu: „Der Herr sei mit euch“. Mit diesem Wunsch verbindet sich eine Glaubensüberzeugung, eine Fest-stellung. Jedenfalls schwingt sie wie in der lateinischen Ausgangsform des „Dominus vobis-cum“ mit: „Der Herr ist da, er ist unter euch, ihr müßt ihn nicht rufen, er ruft euch. In sei-nem Namen seid ihr versammelt!“ Dieser Zuruf verweist auf Wesentliches, Zentrales der Meßfeier. Was sich im Gottesdienst ereignet, ist nicht in erster Linie Leistung der Gemeinde oder einzelner Funktionsträger. Der Einladende, der eigentlich Handelnde ist der nicht sicht-bare und doch real anwesende Herr. Das der Gemeinde kundzutun, gleichsam als Herold Gottes aufzutreten, gehört zur Aufgabe des Vorstehers. Diese Aufgabe übernimmt der Priester im Verlauf der heiligen Messe immer wieder: am Beginn des Evangeliums, am Beginn des Hochgebets und vor der Entlassung. Als Herold zu überzeugen - das setzt voraus, daß man daran glaubt, was man verkündet. Wenn deshalb der Priester nach dem liturgischen Gruß fortfahren würde: „Ich lade Sie zu unserem heutigen Gottesdienst ein ... “, so wäre das nicht nur wenig sinnvoll, sondern geradezu kontraproduktiv. Das verstellt den Blick, widerspricht der Perspektive, die im liturgischen Gruß angeklungen ist. Denn Einladender ist nicht der Priester, sondern Christus. Der Priester spielt nicht Christus nach, er bleibt ganz persönlich er selbst. Er muß aber an das glauben, was er ausruft. Nur so kann er die Rolle des Herolds Gottes übernehmen.
Eine Gefahr, diese Rolle zu verwischen, besteht bei Gottesdiensten aus besonderen Anlässen. Wenn der Priester etwa bei einem Pfarrfest oder einem Jubiläum in der Begrüßung ganz auf dieses Geschehen abhebt, entsteht leicht der Eindruck, das äußere Fest und nicht mehr die Einladung Gottes führe die Gemeinde zusammen. Handelt es sich bei dem Fest um ein außer-kirchliches Ereignis, z.B. um ein Vereinstreffen der Feuerwehr oder des Schützenvereins, und wird dieses in den Mittelpunkt der Begrüßung gestellt, dann ist der Gottesdienst nicht mehr weit davon entfernt, lediglich noch einen Beitrag zum äußeren Rahmen und zur Abrundung dieses Festes zu liefern. Nur wenn der Vorsteher selbst die tiefe Überzeugung in sich trägt, daß in der Feier der Eucharistie Christus selbst handelt, und wenn er sich bei seiner Begrü-ßung von dieser Überzeugung leiten und sie als Herold Gottes zur Überzeugung der ganzen Gemeinde werden läßt, kann das Transzendente Raum greifen.
Die Begrüßung ist ein sehr sensibler Teil im Meßgeschehen, bei dem die Weichen für die gesamte gottes-dienstliche Feier gestellt werden. Je nachdem, wie er Vorsteher seine eigene Rolle definiert, ordnen sich auch die Rollen der anderen Beteiligten zu. Nimmt er nicht die Rolle des Herolds Gottes wahr, sondern beispielsweise die Rolle des Einladenden, dann wird die Gemeinde zu seinen Gästen und nicht mehr zu den gemeinsam mit Christus Feiernden. Oder würde er etwa an Fastnacht der Gemeinde „Helau“ oder „Alaaf“ zurufen, dann machte er sich zum Büttenredner und die Gemeinde zu den Fastnachtsnarren. Die Begrüßung und Einführung in den Gottesdienst ist jedenfalls von erheblicher Bedeutung, denn ohne Rolle kann der Vorsteher nicht bleiben. Unabhängig davon, ob er seine Rolle selbst reflektiert hat und definiert, die Art und Weise, wie er der Gemeinde entgegentritt und was er inhaltlich sagt, gibt ihm immer eine Rolle - vielleicht eine, die er gar nicht haben will. Es reicht deshalb nicht aus, „nur“ die Rolle des Vorstehers in dem Sinne wahrzunehmen, daß der Priester sich verantwortlich fühlt, die Dynamik des Geschehens voranzutreiben. Das ist nur ein Teil der Vor-steherrolle, entscheidender ist, wie und mit welchen Inhalten dieses Vorantreiben geschieht.
Die Rolle des Erlösten und zugleich Erlösungsbedürftigten
Ein zweiter Rollenaspekt, der ebenfalls in der Eröffnung grundgelegt wird, deutet sich an, wenn die Gemeinde auf das „Der Herr sei mit euch“ des Priesters antwortet: „Und mit deinem Geiste“. Sie bekennt damit nicht nur, daß sie an die Anwesenheit Christi in ihrer Mitte glaubt, vielmehr bringt sie auch zum Ausdruck, daß zu der um Christus versammelten Gemeinde der Vorsteher gehört. Alle, Gemeinde und Priester, sind von Christus eingeladen. Der Priester ist nicht allein ein Gegenüber der Gemeinde, er ist auch und in erster Linie Teil der Gemeinde. Ein Wir wird hier aufgebaut. Es vertieft und verfestigt sich im Verlauf der Eröffnung. Es geht dabei um die Erfahrung, daß wir alle, Priester und Gemeinde, unter das Kreuz Christi treten dürfen, ohne dafür Vorleistungen bringen zu müssen. Bereits am Beginn der Feier wird der ganzen Gemeinde mit dem Priester Erlösung zugesagt. Der erste Höhepunkt der Meßfeier ist ein Akt der Gnade. Sie bleibt Thema während der gesamten Feier. Diese Gnade gilt jedem, auch wenn er sich in seiner existentiellen Erfahrung anders fühlt: etwa als jemand, dem nicht alles im Leben gelungen ist, als Sünder, als Überforderter, als einer, der versagt hat. Jeder darf mit dem, was er mitbringt, mit Gelungenem und Mißlungenem im Leben eintreten und bekommt durch den gekreuzigten und gegenwärtigen Herrn Erlösung zugesagt.
Diese Spannung zwischen Erlöstem und gleichzeitig Erlösungsbedürftigen teilt der Vorsteher mit der Gemeinde. Die Möglichkeiten der liturgischen Ordnung tragen dieser Spannung Rechnung. Die Akzente können unterschiedlich gesetzt werden. Tritt der Bußakt in den Vordergrund, dann wird der Gesichtspunkt der Erlösungsbedürftigkeit stärker hervorgehoben. Wird auf ein ausformuliertes Schuldbekenntnis verzichtet, an seiner Stelle ein Bußlied gesun-gen oder Stille gehalten und danach ein mehrgliedriger Kyrie-Ruf und ein feierliches Gloria gesungen, dann liegt der Schwerpunkt auf dem Aspekt der Erlösung. Doch in beiden Fällen ist die Spannung nicht aufgehoben. Besonders deutlich wird dies im Kyrie, das einerseits Ge-meinde und Priester als Begrüßungs- und Huldigungsruf an den gekreuzigten Herrn richten, das anderseits aber auch die Bitte um Erbarmen enthält.
Von entscheidender Bedeutung ist, daß der Priester sich selbst in diese Doppelrolle von Erlöstem und Erlösungsbedürftigen mit einordnet, sich selbst zum Teil des Wir der gesamten Gemeinde macht und ihr nicht etwa als Richter und Ankläger gegenübertritt. Er muß den Anwesenden nicht erklären, was Sünde ist. Es geht nicht darum, den Gottesdienstteilnehmern ein schlechtes Gewissen zu machen. Er ist nicht einer, der besser oder schlechter ist als die Mitfeiernden. Er ist vielmehr einer, der der Gnade Gottes gewiß sein darf und sie gleichzeitig auch nötig hat. Insofern wäre es wenig sinnvoll, hier eine Distanz aufzubauen, die ihn von der Gemeinde abhebt, etwa durch moralisierend formulierte Bußrufe oder gar Anklagen. Die Aufgabe des Vorstehers ist vielmehr, sich selbst in die Gemeinde einzureihen und mit ihr zusammen als Erlöster und Erlösungsbedürftiger zugleich vor den Herrn zu treten. Deshalb ist auch die Vergebungsbitte in der Meßfeier als Wir- bzw. Uns-Bitte gehalten und nicht an ein Du gerichtet, wie dies bei der Lossprechung in der Beichte der Fall ist.
Der Vorsteher als Hörender
Dieses Wir, das sich in der Eröffnungsphase konstituiert, wird während des Wortgottesdiens-tes bis zum Ende des Evangeliums beibehalten. Auch hier ist der Vorsteher kein Gegenüber der Gemeinde, sondern ein Teil von ihr. Freilich geht es im Wortgottesdienst nicht mehr pri-mär um die Rolle des Erlösten und Erlösungsbedürftigen, sondern vielmehr um die Rolle des Hörenden. Mit der gesamten Gemeinde läßt sich der Vorsteher vom Wort Gottes ansprechen. Zeichenhaft wird dies deutlich, indem er sich setzt, also dieselbe Körperhaltung einnimmt wie die Gemeinde. Er hält sich ganz und gar zurück, überläßt anderen Funktionsträgern das Ver-künden des Wortes Gottes im Vortrag der Schriftlesung und im Gesang von Psalmen. Es ist Aufgabe des Lektors, nicht des Vorstehers, die Lesungen vorzutragen, und es ist Aufgabe des Kantors, den Wechselgesang beim Antwortpsalm und den Halleluja-Ruf anzustimmen. Der Vorsteher bleibt Hörender, in feierlichen Gottesdiensten, in denen eine Diakon mitwirkt, sogar noch während des Evangeliums. Wenn die Messe in Konzelebration mehrerer Priester gefeiert wird und kein Diakon anwesend ist, empfiehlt sich deshalb, daß einer der Konzelebranten und nicht der Hauptzelebrant das Evangelium vorträgt, um dieses Wir von Vorste-her und Gemeinde beim Hören der Schrifttexte deutlich werden zu lassen.
Nur wenn kein Diakon anwesend ist, sieht die liturgische Ordnung ein Durchbrechen dieses Prinzips vor und weist dem Vorsteher die Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums zu. Damit wird der besonderen Stellung des Evangeliums im Wortgottesdienst Rechnung getragen. Wenn freilich der Vorsteher das Evangelium verkündet, dann wechselt hier seine Rolle grundlegend.
Der Vorsteher als Verkünder
Der Wandel in der Zelebrationsrolle beim Evangelium ist radikaler als etwa der bereits oben angedeutete Wandel vom Herold Gottes zum Erlösten und Erlösungsbedürftigten. Denn bei der Verkündigung des Evangeliums spricht der Priester nicht mehr sein eigenes Wort. Er redet jetzt als ein anderer als er selbst. Er bekommt die Autorität, sich zu einem Gegenüber zu verhalten, das anders ist. Die Autorität macht den Unterschied der Rollen des Sprechenden und des Hörenden aus. Weil er im Namen eines Mächtigen und nicht im eigenen Namen spricht, folgt aus dem Hören Gehorsam. Für die praktische Wahrnehmung dieser Rolle ergeben sich daraus eine ganze Reihe von Konsequenzen. Die Macht und Autorität, die dem Priester als Verkünder verliehen ist, kommt dadurch zum Ausdruck, daß das Evangelium an einem herausgehobenen Platz, am Ambo, vorgetragen wird, an einem Ort also, der den Sprechenden bewußt isoliert von der Gemeinde, ihn dadurch abhebt und ihn zu einem Gegenüber macht. Eine zweite Konsequenz ist, daß der Vortragsstil sich nicht von der Überzeugungsrede leiten läßt, sondern davon, daß der Sprecher die Autorität eines anderen in Anspruch nimmt. Die Verkündigung hat zwar lebendig zu sein, dazu gehört auch ein gelegentlicher Blickkontakt mit der Gemeinde, aber es kann im Normalfall nicht darum gehen, den Text im Vortrag zu dramatisieren und evtl. mit reicher Gestik zu unterstreichen. Der Vorsteher hat sich als eigene Person zurückzunehmen und sich leiten lassen von der Überzeugung: „Ich rede nicht im eigenen Interesse, ich diene mit Respekt der Mitteilung eines Nicht-Sichtbaren“. Es geht bei der Verkündigung des Evangeliums nicht um das Ich des Sprechers, sondern um das Ankommen der Botschaft beim Hörer. Der Blick zu den Angesprochenen ist nicht bestimmt vom Selbstmitteilungsbedürfnis, er kommt von innen, von dort, wo der erfahren wird, für den der Verkünder spricht. Im Sprechen muß eine gewisse Objektivität zum Ausdruck kommen, was nicht mit einem unnatürlichen Leseton gleichzusetzen ist. Entscheidend ist, daß der Vorsteher sich beim Vortrag des Evangeliums selbst zurücknimmt und den Text so vorträgt, daß er beim Sprechen gleichzeitig selbst Hörer des Wort Gottes wird.
Ein Dramatisieren des Textes ist bestenfalls dort angemessen, wo der Text selbst von seinem Genre her dramatisch angelegt ist. Wenn man diese Eigenart des Textes zum Ausdruck bringen will, dann sollte man auch konsequenterweise die Rollen auf mehrere Sprecher/innen verteilen und die Dramatisierung nicht allein dem vortragenden Priester überlassen. Das mag vor allem bei längeren Texten wie der Passion zur Erhöhung der Aufnahmefähigkeit des Hö-rers sinnvoll sein, doch die Gefahr eines Mißverständnisses bleibt: Es kann der Eindruck entstehen, daß die Erstsituation, die der Text beschreibt, „nur“ nachgespielt wird, daß der Text „nur“ an ein historisches Ereignis erinnern möchte. Doch darum geht es dem Evangelium nicht. Wenn es im Gottesdienst verkündet wird, spricht vielmehr Gott selbst zur Gemeinde - ganz real und ganz aktuell, und nicht nur im Sinne einer geschichtlichen Erinnerung.
Der Vorsteher in der Rolle der Selbstdarstellung
Eine weitere Zäsur im Rollenverständnis des Vorstehers setzt die Predigt. Die Rolle des Pre-digers ist gänzlich zu unterscheiden von der Rolle des Verkünders im Evangelium. In der Pre-digt hat der Vorsteher keine andere Autorität als seine eigene. Hier kann er sich nicht mehr auf eine ihm durch einen anderen verliehene Macht verlassen. Hier tritt er als Persönlichkeit vor die Gemeinde, hier muß er selber überzeugen. In der Predigt geht es nicht mehr primär um einen objektiven Wahrheitsanspruch. Hier kommt es ganz wesentlich auf das persönliche Glaubenszeugnis an. Als Vorsteher bringt der Prediger mit zum Ausdruck, wie er selbst vom eben gehörten Wort Gottes getroffen wurde, was es für seine Existenz und für seinen Glauben bedeutet. Authentizität der Person ist hier gefragt. Mit ihr ist der Zuhörer, sprich die Ge-meinde, zu gewinnen. Deshalb sind in der Predigt auch eine lebendige und unterstützende Gestikulation sowie ein dauerhafter Blickkontakt mit der Gemeinde am Platz. Der Wechsel in der Sprechgeschwindigkeit, die Variation in der Lautstärke, die Bandbreite der Artikulation sind in der Predigt viel größer als in anderen Gottesdienstabschnitten. In keinem anderen Teil der Meßfeier steht der Zelebrant so sehr für seine eigene Person wie in der Predigt, auch wenn sich daraus nicht etwa ein reiner Subjektivismus oder eine Beliebigkeit in den Inhalten ableiten läßt. Der Prediger überzeugt als einer, der in der Glaubenstradition der Kirche steht, der sich selbst von der Gemeinschaft der Getauften mitgetragen weiß. Es wäre ein schlechter Stil des Predigers, so zu tun, als ob er die Wahrheit selbst sei und deshalb die anderen zur Rechenschaft ziehen müsse. Moralisierende Vorwürfe oder Erziehungsgespräche haben in der Predigt keinen Platz. Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis ist nicht angebracht. Prediger und Ge-meinde sind gemeinsam Gläubige, die vom Wort Gottes leben. Wenn ein Prediger in dieser Haltung der Gemeinde gegenübertritt und seine Betroffenheit vom Wort Gottes in Sprache und Gestikulation lebendig, nach Möglichkeit in freier Rede und im Blickkontakt mit der Ge-meinde, aber nicht gespielt, sondern authentisch vorträgt, wird sein Glaubenszeugnis zur Ver-kündigung.
Der Vorsteher in der Rolle des Repräsentanten Christi
Der wohl schwierigste Teil der Vorsteherrolle kommt im eucharistischen Teil, vor allem im Hochgebet, zum Tragen. Hier tritt der Priester mit seiner Persönlichkeit am stärksten zurück. Der Priester handelt zwar während der gesamten Meßfeier in persona Christi, doch während in der Eröffnung und im Wortgottesdienst dabei immer auch noch andere Rollenaspekte mitschwingen, sind diese im Hochgebet nur noch bedingt gefragt. Der Priester bleibt zwar auch im Hochgebet er selbst, er wird nicht zum Schauspieler, der Christus nachspielt. Aber seine Persönlichkeit als Zelebrant tritt zurück. Seine Aufgabe ist eine doppelte: Auf der einen Seite handelt er als Stellvertreter Christi und tritt so der Gemeinde gegenüber, auf der anderen Seite ist er gleichzeitig Stellvertreter der Gemeinde, der für sie und mit ihr betet und sich an den Vater wendet. Insofern muß sein Beten, sein Sprechen für die Gemeinde vernehmbar und verstehbar bleiben, damit sie innerlich mitbeten kann, auf der anderen Seite muß das Sprechen so sein, daß die Gemeinde spürt: Der Vorsteher spricht hier für Christus. In diesem Sprechen ereignet sich Verwandlung, Erlösung, die zwar nicht sichtbar, beim Beten aber erfahrbar wird. Das Beten des Priesters muß so überzeugend sein, daß sich für die Gemeinde ein Raum der Transzendenz, des Heiligen, des letztlich Nicht-Fassbaren und Unverfügbaren öffnet. Nichts stört dabei mehr, als wenn sich der Zelebrant als konkreter Mensch in dieses Geschehen einmischt. Äußerste Zurücknahme in der Sprache, größte Zurückhaltung in der Gestikulation, größtmöglicher Verzicht auf das Aufdrängen eines persönlichen Stils kennzeichnen die Rolle, die der Priester im eucharistischen Teil, vor allem im Hochgebet einnimmt. Der ganzen Gemeinde soll Kontakt zum Transzendenten, zum anwesenden Gott ermöglicht werden. Wenn der Priester als Person die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, wird dieser Kontakt nur gestört. Und fast unerträglich sind hier irgendwelche Kommentare, etwa die Er-innerung an die letzte Beerdigung beim Totengedenken oder sonstige Erklärungen. Es kommt auch auf das richtige Sprechtempo an, und jedes Herumgehen der Meßdiener oder sonstiger Mitwirkender ist zu vermeiden. Dem Geschehen ist, soweit als möglich, Objektivität zu verleihen. Im Hochgebet ereignet sich Wandlung, Erlösung, Heil - nicht sichtbar und doch ganz konkret zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf. Hier geht es darum, dem Intimen, dem Verborgenen und dem Heiligen Raum zu geben. Wie dies geschehen kann, das läßt sich nicht in einzelnen konkreten Regelungen festlegen. Entscheidend ist aber, daß der Priester selbst an seine Rolle und vor allem daran glaubt, daß der eigentlich Handelnde Gott selbst ist - im Hochgebet in ganz besonderer Weise.
Vielfältig sind die Rollenaspekte, die dem Vorsteher in der Feier der heiligen Messe zukommen: Herold, erlöster Erlösungsbedürftiger, Hörer, Verkünder, mit Autorität Sprechender, Repräsentant Christi und darüber hinaus auch noch Initiator, der die Dynamik des Gesche-hens vorantreibt und die Fäden in der Hand hält. Mag sein, daß diese Aufzählung die Rolle des Vorstehers nur unzureichend beschreibt, doch sie macht deutlich, daß seine Aufgabe im Gottesdienst hochkomplex ist, höchste Anstrengung erfordert und nicht einfach durch ein „Abspulen“ des vorgegebenen Ritus mit Leben gefüllt werden kann. Auch schauspielerische Kompetenz reicht dafür nicht aus. Der Priester ist als Person im gesamten Spektrum seiner Existenz gefordert. Letztlich geht es um eine Spiritualität, die sich von der Erfahrung und Überzeugung getragen weiß, daß man den Gottesdienst nicht „machen“, sondern nur dem Transzendenten, dem Unverfügbaren, letztlich Gott selbst Raum geben kann.
Wolfgang Fischer |