Die Symbolkraft des romanischen Kirchbaus

Vorbemerkung:

Der nachfolgende Artikel ist eine leicht veränderte Wiedergabe des vom Autor stammenden Artikels “Den Himmel berühren” in dem Buch “Bieger, Blome, Heckwolf (Hg.), Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde - Kirche als Erfahrungsraum des Glaubens”, Verlag Butzon und Bercker, Kevelaer 1998. Dieses Buch versucht, die spirituellen und symbolischen Schätze der Kirchen für das heutige Lebensgefühl zu erschließen und will anregen, diese Schätze für die Glaubensverkündigung zu nutzen.

Im allgemeinen wird für die Stilepoche des romanischen Kirchbaus die Zeit zwischen dem Jahr 1000 und dem Jahr 1250 angegeben. Allerdings verläuft die Entwicklung in den verschiedenen Regionen und Ländern sehr unterschiedlich. In Frankreich beispielsweise beginnt die Ablösung der Romanik durch die Gotik bereits nach 1130, im deutschen Sprachraum erst gut hundert Jahre später. Mit dem Beginn ist es ähnlich. Auch da verlaufen die Übergänge fließend. Im Volksmund werden sogar oft schon Kirchbauten aus karolinischer oder ottonischer Zeit als frühromanische Kirchen bezeichnet. Die Symbolkraft der Romanik, die hier beschrieben werden soll, orientiert sich im wesentlichen an der Blütezeit vom Ende des 11. bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts. In diesem Zeitraum erstanden im germanischen Kulturraum z.B. die Kaiserdome in Mainz, Worms und Speyer, das Münster in Basel, die Klosterkirche in Maria Laach, St. Aposteln in Köln und die „Schottenkirche“ St. Jakob in Regensburg.

Der romanische Kirchbau ist die erste Baukunst seit der Antike, in der das christliche Abendland architektonisch als Einheit erscheint. Romanische Architekturmotive sind zwar schon in vorromanischer Kunst nachweisbar, doch dort fehlt die einheitliche Struktur des gesamten Baukörpers. Die Herausbildung der Romanik geht eng einher mit der Verlagerung der politischen und kirchlichen Machtverhältnisse von Italien in den Raum nördlich der Alpen. Im Zuge dieser Entwicklung weichen seit der Zeit Karls des Großen die germanischen Saalkirchen immer mehr dem im römischen Bereich entwickelten Basilika-Typus. Mit dieser Entwicklung wird die römische Liturgie nördlich der Alpen bestimmend. Sie hatte sich als Prozessionsliturgie entwickelt. Vorbild für den Sakralbau der frühen Kirche und für die dramaturgische Struktur der Liturgie waren profane Modelle. Die Basilika war die Abbreviatur der antiken Stadt mit ihrer Audienz- und Gerichtshalle, in der vorne der weltliche Herrscher saß. Zu ihm sind die Menschen hingezogen, um eine Audienz zu erhalten oder um ihn um eine Privileg oder um Rechtsprechung zu bitten. Als dieses Modell in den religiösen Bereich übernommen wurde, löste das Bild von Christus als dem Pantokrator mit dem darunter sitzenden Bischof und den Priestern in der Apsis den weltlichen Herrscher ab. In der Liturgie zogen jetzt Menschen nicht mehr dem Basileus, dem König oder dem Kaiser entgegen, sondern Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Er gibt die Richtung für das Leben an. Dieses Grundmodell hat man aufgegriffen und dem eigenem Empfinden gemäß neu akzentuiert. Jetzt sind der Bischof und die Priester als Stellvertreter des Pantokrators auf Erden nicht mehr die Audienzgeber und Rechtssprecher, zu denen man in Prozessionen hinzieht, jetzt sind sie vielmehr als Stellvertreter Christi die Herzoge, die dem Volk vorangehen und es siegreich zu Gott, dem Vater, führen. Wer dem Herzog, sprich dem Priester, folgt, darf sicher sein, daß er zum Ziel des Lebens, zur Auferweckung in die himmlische Herrlichkeit durch den Vater gelangt. Dieses Herzogenmodell hat sich im germanischen Raum seit der Karolinerzeit nach und nach durchgesetzt und in der Romanik endgültig verfestigt.

Die Inkulturration des germanischen Lebensgefühls in die als Vorbild wirkende römische Liturgie findet auch ihren Niederschlag in der sakralen Architektur. Der Basilikatyp wird immer mehr nach außen gebaut, er orientiert sich immer stärker am Modell der Schutzburg. Die Kirchen erhalten in der Romanik mehr Türme und erscheinen in einer Zeit schrecklicher Kriege als Bollwerke gegen die äußeren Feinde und die Mächte des Bösen. Die Vierungstürme im Osten werden durch Nebentürme ergänzt, und auf der gegenüberliegenden Seite entstehen mächtige Westwerke, ebenfalls mit Vierungstürmen und Nebentürmen. Die Dome von Hildesheim, Mainz, Worms und Speyer haben z. B. sechs Türme, der Limburger Dom - auf einem weithin sichtbaren Felsrücken über der Stadt erbaut - sogar sieben. Diese Türme verschmelzen zu einer Einheit mit dem gesamten Bau und machen die Kirche zur himmlischen Gottesburg. Das bereits in ottonischer Zeit sich andeutende Prinzip der Gruppierung rechteckiger und runder sowie längs- und quergerichteter Teile fügen sich jetzt in der Romanik zu einem harmonischen und monumentalen Ganzen. Der Kirchbau wird zu einem Abbild der Harmonie des Kosmos, wo der einzelne Schutz und Geborgenheit finden kann. Gleichzeitig weisen die Türme dem Leben die Richtung: Wirklicher Schutz und wirkliche Geborgenheit gibt es nur durch die Verankerung in der Transzendenz des Himmels. Diese in der Gotik bis zur Vollendung weiterentwickelte Symbolik wird mit dem Turmbau bereits grundgelegt. Allerdings wird sie in der Romanik noch von dem Gedanken der Schutzburg beherrscht, die in der Gotik der Idee vom gebauten Himmel auf Erden weicht.

Die kosmische Verankerung des mittelalterlichen Menschen zeigt sich in der Romanik auch in dem sich durchsetzenden „Vierungsschematismus“: Das Gundmaß der Vierung - immer häufiger wird es zum Quadrat - gibt den Abstand der Säulen vor und bestimmt auch die Maßeinheit für die sich in der Romanik herausbildenden gerundeten Deckengewölbe. Die Vierung ist die Kreuzungsstelle von Längs- und Querhaus. Indem die dort vorherrschende Maßeinheit sich sowohl im Altarraum wie im Kirchenschiff und in den Querschiffen fortpflanzt, durch Säulenabständen deutlich markiert, entsteht der Eindruck eines mächtigen, harmonischen Gebäudes, ein Spiegel der Harmonie der kosmischen Ordnung. In diesem Kosmos findet der Mensch seinen Platz, wenn er sich in die Ordnung einfügt. Die Zahl „vier“ der vier Ecken des rechteckigen bzw. des quadratischen Grundmaßes deutet die kosmologische Dimension bereits an: Denn die Vier steht für die vier Himmelsrichtungen, ist also Symbol des irdischen Kosmos. In der Vierung hängt nicht selten ein gewaltiger Radleuchter, ebenfalls ein Symbol des Kosmos, aber des himmlischen Kosmos, dargestellt durch die 12-Tore des himmlischen Jerusalems. Die Vierung wird zum Grenzort zwischen Himmel und Erde und zum Zielort der Völkerwallfahrt. Auf dem Fundament der durch Christus gewirkten Heilsgeschichte - er selbst ist in der Kreuzform des Grundrisses symbolisiert - ziehen die Völker aus Ost und West, aus Nord und Süd dem himmlischen Jerusalems entgegen. Nicht selten wird dieser Gedanke durch die Verwendung des Octagons verstärkt. Seine acht Ecken symbolisieren die Seligkeiten bzw. die Vereinigung von irdischen und himmlischen Kosmos (zweimal vier!) und deuten somit die Ewigkeit und die Unendlichkeit an. Die querliegende Ziffer 8 ist heute noch das Zeichen für „unendlich“. Die Acht ist der Bereich jenseits der Sieben, der Zahl, die für die Vollendung und Harmonie zwischen Göttlichem (die Drei) und des Irdischen (die Vier) steht.

Ein für den romanischen Kirchbau typisches Stilelement ist die Herausbildung eines zweiten Chores. Der durch Apsis und Querhaus betonte Altarraum im Osten erhält in großen Domen auf der Westseite eine Entsprechung. Oft findet sich im Westwerk des Stiftergrab. Der Ostchor ist der Ort der geistlichen Macht, der Westchor das symbolische Zentrum für die weltliche Macht. Für das Lebens- und Frömmigkeitsgefühl in der Zeit der Romanik war es selbstverständlich, daß weltliche und kirchliche Macht als Beschützer des Glaubens zu gelten haben. Dazwischen findet sich das Volk, das von beiden Mächten beschützt wird und gleichzeitig dem Priester als den Stellvertreter Christi auf Erden wie einem Herzog folgt, um das Leben im himmlischen Jerusalem siegreich zu vollenden. Es zieht durch den „Triumphbogen“ - eine entsprechend gebaute Rundung vor dem Altarraum deutet ihn an - hin zu Christus, dem Auferstandenen. Ein Triumphkreuz, gehalten von Engeln, hängt nicht selten vom Triumphbogen, dem Eingang zum Ostchor, herab. Es stellt nicht den leidenden Christus dar, sondern durch reiche Verzierung mit Edelsteinen den siegreich auferstandenen Christus. Durch alles Leid, durch alle Barrieren des Lebens, selbst durch den Tod hindurch leuchtet schon das Licht des Osternmorgens auf.

Konsequent ist es in diesem symbolischen Denken, daß die Romanik die bereits in früher Zeit begonnene Ostung der Kirchen fortsetzt. Im Osten geht die Sonne auf, dort ist es hell. Dort erscheint die neue Sonne der Gerechtigkeit, wie die frühen Christen den Auferstandenen bezeichnen in Abgrenzung von der alten römischen Kultur der Verehrung des Sonnengottes. Die Kirche als Vertreterin der geistlichen Macht hat das Vermächtnis dieses Christus am Altar zu feiern. Ihr ist der Osten zugeordnet. Die Entsprechung in diesem Denken findet sich in der Ansiedlung der weltlichen Macht im Westen. Im Westen, dort wo die Sonne untergeht, herrschen die Mächte des Dunklen und Dämonischen. Diesen Mächten muß ein Bollwerk entgegengestellt werden. Auffallend häufig befinden sich am Äußeren der Westfassade Steinskulpturen mit Darstellungen von Dämonen, Drachen, Sirenen, Tieren und Fabelwesen. Sie erinnern an die Bedrohung des Menschen durch die Macht des Bösen und der Sünde, die es durch ein Bollwerk abzuwehren gilt. Das Taufbecken, das sich ebenfalls meist im Westbereich befindet, unterstützt den Gedanken: Durch das Wasser der Taufe wird der Mensch von der Macht der Sünde befreit und erhält Anteil an der Auferstehung Jesu Christi.

Schließlich findet sich seit der Karolingerzeit im westlichen Eingangsbereich die Darstellung des Kampfes zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen. In der Romanik ist es gelegentlich auch eine Michaelskapelle. Wer ist Michael? Michael heißt wörtlich übersetzt: Wer ist wie Gott? Der Drachen ist dagegen das Ungeheuer, das das Weltmeer bewohnt, am Rand der Welt. Der Drache steht für das Prinzip des Bösen, das das Leben und die Freiheit des Menschen bedroht. In der Zusammenschau macht dieses Bild deutlich, daß das Böse ohne Kampf nicht zu besiegen ist. Doch die Mittel dazu sind nicht primär aggressive Waffen. Michaels Waffe ist die Frage: Wer ist Gott? Der Drache oder auch Luzifer, der Lichtträger, der in sein eigenes Licht so sehr verliebt ist, daß er immer nur um sich selbst kreist und nichts mehr als sich selbst sieht, wird mit der Frage konfrontiert: Wer ist wie Gott? Und Gott steht für das Leben, die Liebe, die Freiheit, für die Selbstlosigkeit und für das Unbedingte. Der Sieg Michaels über den Drachen deutet schon am Eingang in den romanischen Dom an, daß das Leben letztlich über den Tod, die geschenkte Freiheit über die vermeintlich selbst zu machende Freiheit des Menschen siegt. Mit der Frage des Michael an den Drachen bzw. an den Lucifer „Wer ist wie Gott?“ verbindet sich für den, der in die Kirche eintritt, die Frage: Wie hältst Du es mit Gott? Was ist Dein Gott? Was ist Deine Freiheit? Ist es die Freiheit, die der Liebe und dem Leben zum Durchbruch verhilft, oder ist es die Freiheit, die nur noch die eigene Autonomie und nicht mehr die Autonomie des anderen sieht?

Die gesamte Fülle der Symbolkraft des romanischen Kirchbaus zeigt sich nicht nur in der Gesamtarchitektur, sondern auch, wie das Beispiel des Michael zeigt, in vielen Einzeldarstellungen. Dazu gehört vor allem auch die Krypta, die für die Romanik typisch ist. Die Krypta, die sich als eigener Raum unterhalb des Altars aus der Confessio, einem nicht begehbarem Märtyrergrab unmittelbar unter dem Altar, entwickelt hat, ist der Ort, wo die Reliquien von Heiligen aufbewahrt und verehrt werden. Dieser Ort greift die Idee Roms auf, wo schon in früher Zeit die Kirchen über den Gräbern der Aposteln und Märtyrer errichtet wurden. Die Krypta ist aber nicht nur der Raum des Todes, für die Christen ist er gleichzeitig ein Geburtsort. Im Tod wird der Mensch vom Diesseits ins Jenseits entbunden, er erlangt Anteil an der Auferstehung Jesu Christi, am neuen und vollendeten Leben. Deshalb steht über der Krypta der Altar, an dem das Geheimnis und das Vermächtnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi in der Eucharistie gefeiert wird. Die Einrichtung einer Krypta ermöglicht den Menschen die Verehrung von Heiligen und trägt dem Wallfahrtswesen Rechnung, das sich in der Romanik langsam entwickelt und in der Gotik ihren Höhepunkt findet. Die Christen müssen nicht mehr den Altarraum betreten, um die Reliquien von Heiligen zu verehren. Sie können das in der Krypta als eigenem Raum tun. Der Altarbereich, der Bezirk des Allerheiligsten, bleibt so den Klerikern vorbehalten. In der weiteren Entwicklung wird die Abgrenzung des heiligen Bezirks immer mehr betont. In Kloster- und Domkirchen werden Lettner errichtet, die den Altarraum als Ort für die Klerikerliturgie vom Schiff als Ort der Volksliturgie trennen.

Diese Entwicklung führt zu einem Liturgieverständnis, das über Jahrhunderte hinweg das Kirchenvolk in die Rolle des Zuschauers drängt und allein den Kleriker zum Feiernden des Opfers Jesu Christi macht. Die Gläubigen dürfen sich im Gebet, in frommen Schauen üben und sich an der Musik erfreuen, sie sind aber keine Träger der Liturgie. Erst das II. Vatikanische Konzil hat diese Sichtweise korrigiert und die Feier der Liturgie wieder zur Sache der gesamten Gemeinde gemacht, wie dies in der Urkirche der Fall war. Das in der Romanik vorherrschende Frömmigkeitsgefühl war anders. Es zeigt sich nicht nur in der Errichtung einer Krypta für die Reliquienverehrung, sondern auch in den Seitenaltären, wo die Gläubigen „ihre“ Heiligen anrufen und die Zünfte „ihre“ Feste feiern konnten. Das führte auf der einen Seite zu einer Differenzierung der Liturgie, auf der anderen Seite, zu einer einseitigen Schaufrömmigkeit, die dann in der Zeit der Gotik zum vollen Durchbruch kommt und später in der Zeit der Reformation angeprangert wird. Die ursprüngliche Idee, die in Klosterkirchen Karolinerzeit mit der Vermehrung der Altäre im Kirchraum verbunden war, wird in romanischer und später vor allem in gotischer Zeit durch das Frömmigkeitsgefühl dieser Epoche völlig überlagert und schließlich verdrängt. Ursprünglich sollte mit der Vermehrung der Altäre ein Abbild Roms geschaffen werden. Dort wird an verschiedenen Stellen der Stadt Liturgie gefeiert, doch immer als Teil der einen großen Liturgie verstanden und nicht als „selbstständige“ Liturgien, wie in romanischen und gotischen Kirchen.

Die wachsende Heiligenverehrung führt schließlich zu einem Wallfahrtswesen, dem sich immer mehr Menschen anschließen. Um die Pilger aufnehmen zu können, bilden sich deshalb in der späteren Romanik umlaufende Epochen und sogar Trifonien heraus. Das in der Reliquien- und Heiligenverehrung sowie im Wallfahrtswesen zum Ausdruck kommende Frömmigkeitsgefühl verbindet sich mit dem Gedanken, daß der Mensch Schutz vor den bösen Mächten findet und als Ziel seines Lebens die Vollendung im himmlischen Jerusalem erreichen kann, wenn er sich demutsvoll in die von Gott gegebene kosmische Ordnung einfügt. Die massive Wuchtigkeit und die relative Dunkelheit der Räume bei gleichzeitig hoher Harmonie des romanischen Kirchbaus spiegelt diese Spiritualität und Weltsicht. Gleichzeitig symbolisiert der romanische Dom einen Ort des Kontrastes zu den Kriegen und ein Ort des Schutzes vor bösen Mächten. Und schließlich steht der romanische Kirchbau auch für die damalige soziale Ordnung, die sich aus der Spannung und gleichzeitig aus der Verbindung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht ergibt. Daß diese Symbolkraft geschaffen werden konnte, hängt wesentlich mit den Fortschritten in der Bautechnik und Baukunst zusammen, vor allem mit der Erfindung der Einwölbung der Decken. Doch umgekehrt hat man die neu entdeckten Möglichkeiten der Baukunst nicht allein für funktionale Zwecke verwendet, sondern sie konsequent für die symbolische Ausdrucksstärke des Kirchenraums genutzt.

Wolfgang Fischer