Symbolische Linien des Kirchbaus
Über Jahrhunderte hinweg war der Kirchbau eine öffentliche und theologische Proklamation des christlichen Glaubens. Die großen Baumeister ließen sich nicht nur von der Liturgie leiten, sondern versuchten immer auch, das Lebens- und Frömmigkeitsgefühl der jeweiligen Epochen zum Ausdruck zu bringen. Gelungene Architektur beschränkt sich nie nur auf die Errichtung eines Funktionsbaus, sondern ist immer auch ein Stück weit gebauter Sinn. Sie versucht, eine Antwort auf existentielle Grundfragen des Menschen zu geben und macht die Kirchen zu einem Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Transzendenz und Immanenz. Einige große Linien, die sich durch ausgewählte Epochen der Kirchbaugeschichte ziehen, sollen im folgenden dargestellt werden, ohne damit den Anspruch der Vollständigkeit zu erheben. Die BasilikaDrei Jahrhunderte lang hatte die Kirche keine Kirchen. Die ersten Christen versammelten sich in Privathäusern oder in den Katakomben zum Gottesdienst. Zum einen war in der Zeit der Christenverfolgung der Bau großer Kirchen nicht möglich, zum anderen waren die ersten Christen der festen Überzeugung, daß sie zum Gottesdienst keine Kirchen brauchten. Den eigentlichen Tempel Gottes sahen sie in Jesus Christus selbst. Er ist der Tempel des heiligen Geistes, und die Gemeinde als Glieder an seinem Leib hat daran Anteil. Mit anderen Worten: die eigentliche Kirche ist eine Kirche aus lebendigen Steinen, ist die zum Gottesdienst um Christus versammelte Gemeinde. Dem entsprach auch das frühe liturgische Verständnis: Gottesdienst ist primär Versammlungsliturgie. Die heilige, um den Tisch des Herrn versammelte Gemeinde ist das vordringlichste sichtbare Zeichen für die Gegenwart Gottes in dieser Welt. Was macht nun die Kirche, wenn die Zahl der Mitglieder wächst, die Katakomben und Privathäuser für den Gottesdienst nicht mehr ausreichen und das Christentum nach und nach unter Konstantin zur Staatskirche avanciert? Es werden wie in anderen Religionen Sakralräume errichtet. Als Modell wählt man aber nicht die Synagoge oder den Tempel, vielmehr greift man auf das profane Modell der Basilika zurück. Die Basilika, die Königshalle, war in der profanen Welt eine Gerichts- und Audienzhalle. Vorne saß der weltliche Herrscher. Die Menschen versuchten, zu ihm nach vorne zu kommen, um bei ihm Gehör zu finden, Recht sprechen zu lassen oder auch ein Privileg zu erhalten. Dieses Modell übernehmen nun die Christen für ihren Sakralbau, deuten es aber neu. Vorne in die Apsis wird der Pantokrator gemalt, darunter die Kathedra für den Bischof und seinen „Hofstaat“, die Priester und Diakone, eingerichtet. Der eigentliche Herrscher der Welt ist für die Christen nicht mehr der König oder der Kaiser, es ist vielmehr Christus, der Weltenherrscher selbst, der für die Anliegen der Menschen ein Ohr hat. Er wird repräsentiert durch den Bischof, in Rom durch den Papst. Mit der Übernahme des Basilikasmodells verändert sich nun die Liturgie grundlegend. Aus der Versammlungsliturgie wird eine Prozessionsliturgie. Wie die Menschen früher zum weltlichen Herrscher nach vorne gingen, so finden jetzt in der Liturgie die großen Prozessionen zu dem statt, der dem Leben Halt, Trost und Ziel gibt: Zu Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dargestellt als Pantokrator in der Kuppel der Apsis. Die Basilika wird als Abbreviatur der antiken Stadt gesehen und als himmlisches Jerusalem gedeutet. Wer Gottesdienst in der Basilika feiert, kann jetzt schon ein Stück Himmel auf Erden erfahren! Die Basilika gibt somit Antwort auf zwei existentielle Grundfragen: ·Was gibt meinem Leben Halt und Geborgenheit? Dafür steht die angedeutete Kuppel der Apsis mit dem Pantokrator. Sie ist das Symbol für den Kosmos. Unter dem Himmelszelt gibt es viel Bewegung, aber auch eine große Ordnung. Unter dem Himmelszelt versammelt man sich, um sein Leben ordnen zu lassen. ·Die zweite Frage lautet: Was gibt meinem Leben eine Richtung und einen Sinn? Dafür steht der gerichtete Bau, in dem man eine Richtung-, eine Prozessionsliturgie feiert. Man geht nach vorne zum Pantokrator, der das Ziel des Weges ist und der dem Leben eine Richtung weist. Die romanische SchutzburgAls sich die politischen Verhältnisse ändern und sich die Machtzentren von Rom auf die nördliche Seite der Alpen verlagern, ändert sich auch der Kirchbau und die Deutung der Liturgie. Man greift zwar das Modell der Basilika und die dort stattfindenden Prozessionsliturgie zurück, setzt aber neue Akzente. Entsprechend dem nördlich der Alpen vorherrschenden Lebensgefühl, werden jetzt die Kirchen mehr und mehr nach außen gebaut und mit Türmen versehen. Das Modell der Basilika verbindet sich mit dem Modell der Burgen. Die romanische Kirche wird zur Schutzburg Gottes. Eine hervorragendes Beispiel dafür ist der Limburger Dom, der hoch über der Stadt auf einem Felsen errichtet wurde und von weithin sichtbar ist. Aber auch die Kaiserdome von Speyer, Worms und Mainz lassen die Symbolik der Schutzburg deutlich erkennen. Noch immer sind es, wie im ursprünglichen Basilikabau, Richtungskirchen. Dementsprechend wird auch darin weiterhin eine Prozessionsliturgie gefeiert, in ihrer Deutung aber neu akzentuiert: Man geht nicht mehr in erster Linie nach vorne, um von Christus, vertreten durch den Bischof und die Priester als dessen Repräsentanten, Trost und Zuspruch zu erhalten, vielmehr wird der Priester vornehmlich als „Herzog“ gesehen, der dem Volk vorangeht und es siegreich zur österlichen Auferstehung führt. Der Bogen über dem Eingang zum Altarraum wird als Triumphbogen gestaltet. Oft hängt von ihm ein Triumphkreuz herab, das den gekreuzigten Herrn bereits als österlichen Sieger darstellt, oder ein Radleuchter, der das himmlische Jerusalem symbolisiert. Gleichzeitig wird im Grundriß der Architektur die soziale Ordnung der damaligen Zeit sichtbar. Die weltliche und geistliche Macht, der Kaiser und die Kirche, galten beiden als Schutzmächte für den Glauben. Dementsprechend baute man für beide Mächte im Ostchor und im Westchor jeweils einen Altar. Dazwischen befand sich das Volk, sozusagen beschützt von der weltlichen und geistlichen Macht. Die dunklen Mächte, als Dämonen an der Außenseite des Westflügels dargestellt, bleiben draußen und können dem glaubenden Menschen nichts anhaben. Schließlich symbolisiert der Kirchenraum als ganzes ein Abbild der kosmischen Ordnung. Deshalb die wuchtigen, symmetrisch angebrachten Pfeiler, die dem Raum eine Harmonie geben, wie sie vom Kosmos erfahren wird. Wenn sich der Mensch in die kosmische Ordnung und zugleich in die von Gott gewollte soziale, weltliche Ordnung einfügt, dann findet er Geborgenheit. Wenn er Liturgie feiert und dem Priester als dem „Herzog“ hinterherzieht, dann findet er für sein Leben Richtung und letztlich das eigentliche Ziel, nämlich das himmlische Jerusalem, das ihm durch das gefeierte Kreuzesopfer am Altar bereitet ist. Die gotische KathedraleEine völlig neue Epoche deutet sich nach dem 11. Jahrhundert an, als die romanische Schutzburg durch den gotischen Kirchbau abgelöst wird. Das Ende der Balance zwischen geistlicher und weltlicher Macht, die in der sogenannten Zwei-Schwerter-Lehre niedergelegt war, deutet sich in vielen kriegerischen Auseinandersetzungen an. Die soziale Ordnung als Abbild der gottgewollten kosmischen Ordnung zu sehen, wird nach und nach fragwürdiger. Die Verbindung zwischen weltlicher und kosmischer Ordnung, wie sie noch harmonisch in der romanischen Schutzburg symbolisiert wurde, entspricht nicht mehr dem Lebensgefühl und der konkreten Lebenserfahrung. Das Vertrauen in eine objektive Ordnung wird abgelöst durch die Mystik, die darauf setzt, Gott in der Tiefe der Seele zu begegnen. An die Stelle einer Frömmigkeit, die auf die Gotteserfahrung in der „objektiven“, kosmischen und sozialen Ordnung setzt, tritt zunehmend eine Spiritualität der inneren Schau. Das schlägt sich im Kirchbau nieder. Es werden mystische Räume gebaut, die sich zum Himmel erheben und die etwas von der Größe und Herrlichkeit Gottes erahnen lassen. Die Wände treten zurück, große Fenster durchbrechen sie und lassen durch ihre bläulich-violetten Farben, oft mit Kupfer- oder Goldfäden durchzogen, mystisches Licht einströmen. Die Säulen verlieren an Wuchtigkeit. Der Grundriß ist nicht selten in Kreuzform angelegt, wobei der Altarraum zur Achse des Hauptschiffs leicht abgewinkelt ist. Er symbolisiert den mystischen Leib Christi mit seinem gesenkten Haupt am Kreuz. In den Tympana über dem Westportal sind meist Weltgerichtsszenen dargestellt. Der Gläubige tritt so, gleichsam die Schwelle des Gerichts überschreitend, in den Himmel ein und wird Teil des mystischen Leibes Christi, dessen Tod und Auferstehung am Altar gefeiert wird. Die gotische Kathedrale spiegelt in vielfacher Weise die mystische Frömmigkeit des Mittelalters wider und schafft zum inneren Schauen eine äußere bauliche Entsprechung. Ähnliches gilt für die Verehrung der Reliquien, die in der Epoche der Gotik in den Hauptraum der Kirche geholt werden und nicht mehr, wie es in der Romanik noch üblich war, in der Krypta oder in Confessio, einer Grabhöhle unmittelbar unter dem Altar, verbleiben. Ein Wallfahrtswesen ohne bisher bekanntes Ausmaß mit Verehrung der Reliquien setzt ein. Hunderttausende aus allen Schichten und Ständen machen sich jedes Jahr auf den Weg zu den vielen heiligen Orten in ganz Europa. Die ursprünglich vom inneren mystischen Schauen geprägte Frömmigkeit wird mehr und mehr zu einer äußeren Schaufrömmigkeit. Das schlägt sich in der Liturgie nieder. Das Mysterium wird hervorgehoben, der Kommunionempfang tritt zurück und das Schauen der konsekrierten Hostie wird durch entsprechende Zeigegestik und begleitende Riten erleichtert. Die Entwicklung der Schaufrömmigkeit setzt sich durch das gesamte Mittelalter fort und erhält im Zuge der Reformation und Gegenreformation in der katholischen Kirche zusätzliche Akzente. Die vielfachen Gegenwartsweisen Jesu Christi in der Feier der heiligen Messe werden mehr und mehr auf die dauerhafte und sakrale Realpräsenz Christi eingeengt. Damit profiliert sich die katholische Kirche gegenüber dem Protestantismus, der der Betonung der Gegenwart Christi im Sakrament die Gegenwart in seinem Wort entgegenstellt. Der himmlische Thronsaal des BarocksDie im Mittelalter grundgelegte Entwicklung zur Schaufrömmigkeit erreicht im Barock einen Höhepunkt. Der Altar verliert seine primäre Funktion als Tisch des Mahles und wird mit dem darauf sich befindenden Tabernakel zum Thron Gottes. Die gesamte Architektur lenkt den Blick auf den Altar mit dem Tabernakel. Dem Schloß des Sonnenkönigs gleich im profanen Bereich baut man einen Thronsaal für den eigentlichen Herrscher der Welt, für Jesus Christus. Damit der Blick auch tatsächlich auf den im Tabernakel anwesenden Herrn gerichtet wird, verschwinden Seitenschiffe, die barocke Kirche wird zum Einheitsbau. Gleichzeitig greift man die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften auf. Die Mathematik hat die Kurvenberechnung entwickelt, ganz neue Konstruktionen werden möglich. Was bei der Barockkirche so leicht und geschwungen aussieht, ist in Wirklichkeit exakte und durchdachte Planung. Die im Kosmos gefundenen Naturgesetze werden in bauliche und statische Konstruktionen umgesetzt, der Thronsaal Gottes wird so zur Repräsentation der göttlichen Schöpfung. Der Barock entwickelt sich nördlich der Alpen relativ bald nach dem 30-jährigen Krieg. Man müßte annehmen, daß die Menschen damals andere Sorgen hatten, als großartige Kirchen zu errichten. Zum Lebensgefühl der Zeit gehörte die Überzeugung, daß Leid und Elend nur eine Seite des Lebens ausmachen und daß zum ganzen Leben auch ein Stück Himmel gehört. Mitten im Elend der Zeit gibt es Orte, wo ein Stück Himmel, ein Stück Paradies erfahren werden kann. Die Deckengemälde der Barockkirchen zeigen häufig Szenen der himmlischen Herrlichkeit und sind so ausgemalt, daß sich aus der Perspektive des Betrachters der Raum weit höher erscheint, als er in Wirklichkeit ist, und daß er sich sozusagen nach oben öffnet. Wieder wird das über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Weisen entfaltete Motiv deutlich: Der Himmel wird schon hier auf Erden erfahrbar, wenn der Mensch sich auf Jesus Christus hin ausrichtet, dessen Kreuzesopfer in der Liturgie gefeiert und der im heiligen Brot gegenwärtig ist. Die AufklärungEinen Einschnitt für die Symbolik des Kirchbaus setzt die Aufklärung. Ihr Versprechen, der Mensch könne sein eigenes Lebensglück schaffen, wenn er auf seine eigene Kraft und vor allem auf die Vernunft setze, ist im Ergebnis die Absage an einen Glauben, der sich in der Transzendenz verankert weiß. Die Spannung zwischen Diesseits und Jenseits wird aufgehoben, der Himmel wird entleert und das Paradies ganz in die Immanenz verlagert. Die christlich verfaßte Religion verliert in der Linie dieses Denkens ihre zentrale Stellung für die Kultur. Sie ist nicht mehr Kernsubstanz, die alle Bereiche der Gesellschaft berührt, sondern nur noch ein Sektor neben anderen. Damit ist der Weg zum Pluralismus, auch im Bereich der Religion, geebnet. Für den Kirchbau hat dies zur Folge, daß es nach der Aufklärung keine einheitliche Symbolik, wie sie sich in früheren Epochen herausgebildet hatte, mehr gibt. Ob man der These folgen mag, daß es ohne Transzendenz keine große Symbolik mehr gibt, sondern nur noch funktionale Prachtbauten, bleibt dahingestellt. Tatsache ist, daß es trotz vieler gelungener Einzelversuche in den letzten zweihundert Jahren nicht mehr möglich war, eine einheitliche Symbolik des Kirchbaus herauszubilden. Der Klassizismus bemüht noch einmal die Formensprache der Antike, man versucht im Zuge der Neogotik und Neoromanik die Symbolik früherer Epochen wieder zu beleben, aber ein eigenständiger Baustil entwickelt sich daraus nicht. In der Liturgie sind zwar im Zuge der Aufklärung neue, vor allem katechetische Akzentuierungen zu beobachten, in der großen Linie aber verändert sie sich nicht. Sie bleibt der großen Tradition der Richtungs- bzw. Prozessionsliturgie in Verbindung mit der sich im Mittelalter herausgebildenden Schaufrömmigkeit und Betonung der Realpräsenz treu. Die Herausforderungen nach dem II. Vatikanischen KonzilEinen Paradigmenwechsel leitet erst das II. Vatikanische Konzil ein. Man besinnt sich auf die Urkirche zurück und sieht jetzt in der um den Altar, um Christus selbst, sich versammelnden Gemeinde das zentrale Zeichen für die Gegenwart Gottes unter den Menschen. Aus der Richtungsliturgie wird eine Versammlungsliturgie, wobei die über die Jahrhunderte hinweg sich herausgebildeten Formen der Prozessionsliturgie integriert werden. Für den Kirchbau bedeutet dies, daß gerichtete Kirchen durch Versammlungskirchen, z.B. Rundkirchen, abgelöst werden. Und für die Liturgie stellt sich die Frage, wie in den alten, auf einem anderen Liturgieverständnis basierenden Kirchen, die „neue“ Liturgie gefeiert werden kann. FazitAuch wenn der oben skizzierte Überblick über symbolische Linien in der Geschichte des Kirchbaus und der Liturgie nur sehr unvollständig bleiben konnte und viele Detailentwicklungen während einzelner Epochen unerwähnt blieben, so zeigen sich bei allem Wandel einige durchhaltende Motive: ·Großer Kirchbau war stets der Versuch, den Menschen eine Antwort zu geben auf ihre Fragen: Wie kann im Diesseits ein Stück Himmel erfahren werden? Den Himmel erfahrbar zu machen war leitend für die Symbolik, wenngleich dabei unterschiedliche Ausprägungen hervorgehoben wurden. Insofern ging der gelungene Kirchbau stets über seine bloße Funktion, einen geeigneten Raum für den Gottesdienst bereitzustellen, hinaus. Kirchbau kann als symbolischer Versuch, die Inkarnation darzustellen, gedeutet werden, ohne daß dabei die Spannung zwischen Immanenz und Transzendenz aufgehoben wird. ·Neben der symbolischen Aussage, die sich im Kirchbau verbirgt, spiegelt die Architektur immer auch die jeweilige Kultur der Zeit wider. Trotzdem geht sie im „Zeitgeist“ nicht einfach auf, sondern setzt immer auch „kulturkritische“ Akzente. Theologie und Zeitgeist, profane Architektur und sakrale Architektur beeinflußten sich stets gegenseitig und standen in einer Wechselwirkung. ·Die Veränderungen im Kirchbau gingen fast immer mit Veränderungen des Liturgieverständnisses einher. Maßgebend war über die Jahrhunderte hinweg eine Richtungs- und Prozessionsliturgie, der in der Architektur der gerichtete Kirchenraum entsprach. Nach einer langen Tradition hat in diesem Punkt erst das II. Vatikanische Konzil einen Paradigmenwechsel eingeleitet, dem auch ein Paradigmenwechsel in der Symbolik der Architektur folgen muß. ·Kirchbau und Liturgie geben auf Sinnfragen Antwort. Sie zielen auf zwei existentiellen Grunderfahrungen des Lebens: Wie finde ich Halt, Geborgenheit? Was gibt meinem Leben Richtung und Ziel? ·Sakrale Architektur und christliche Liturgie hatten stets einen öffentlichen Anspruch. Kirchen wurden in die Zentren der Städte und Dörfer gebaut, überragten sie mit ihren Türmen und wurden so zu einem öffentlichen Machtsymbol - durchaus in der Ambivalenz dieser Symbolik, d.h. im Sinne von Macht als Herrschaft über Menschen, aber auch im Sinne von Orten für die Gegenwart eines Mächtigen. Die Herausforderung für den Kirchbau der Zukunft ist die Frage, wie diese Linien weiterentwickelt und auf der Basis des gewandelten Liturgieverständnisses zu neuen öffentlichen und symbolischen Dimensionen ausgestaltet werden können. Die Architektur steht dabei vor dem großen Problem, wie sie die Frage nach Gott als der letzten Transzendenz symbolisch offenhalten kann in einer Kultur, die vom Individualismus und Pluralismus geprägt ist und die sich immer mehr mit mittleren und kleineren Transzendenzen zufrieden gibt. Verankerung in einem Glauben an Gott ist für viele moderne Zeitgenossen abgelöst worden durch die Verankerung in Transzendenzen, die lediglich den Alltag ins Außeralltägliche überschreiten, aber letztlich der Immanenz verhaftet bleiben. Wie kann hier eine Balance zwischen Kultur und Zeitgeist einerseits und Kulturkritik bzw. Eschatologie und Reich-Gottes-Theologie andererseits gefunden werden? Wolfgang Fischer |