Die Liturgie der Zukunft
Die Geschichte der christlichen Liturgie ist aufs engste mit der Geschichte der abendländischen Kultur verknüpft. Über die Jahrhunderte hinweg beeinflußten sich das Christentum und die Kultur gegenseitig. Die Liturgie bediente sich wie selbstverständlich der Symbole, der Kunst, der Riten und des Brauchtum, die sie im weltlichen Bereich und sogar in heidnischen Religionen vorfand. Dieser Inkulturationsprozeß war aber keine bloße Anpassung an den Zeitgeist. Immer galt es, die vorgefundene Kultur mit christlichen Werten und Inhalten zu durchdringen, bis dahin, daß die Inkulturation einer Kulturrevolution gleichkam. Wenn etwa die Christen aus der weltlichen Königshalle die Basilika machten und an die Stelle des weltlichen Herrschers den Pantokrator in die Apsis „setzten“, war dies eine provozierende Herrschaftskritik und eine Aushöhlung der kaiserlichen Macht. Und wenn sie den Weihrauch in die Liturgie übernahmen, führte das nicht nur zu einer Steigerung der Feierlichkeit und der heiligen Atmosphäre, sondern stellte auch den göttlichen Anspruch des römischen Kaisers in Frage. Nicht mehr ihm brachten sie das Weihrauchopfer dar, sondern ihrem, dem wahren Gott, der in Jesus Christus in die Geschichte der Welt eingetreten ist. Anpassung und Abgrenzung, Inkulturation und Profilierung gingen Hand in Hand. In dieser Spannung stand selbst dann noch, als das Christentum nach Konstantin längst zur Staatsreligion avanciert war. Es hatten sich zwar die Akzente verschoben, aber eine gewisse kritische Distanz zur „Welt“ und zum Zeitgeist blieb gewahrt. Im Barock hatte man keine Probleme, den Schlössern des französischen Sonnenkönigs gleichende prachtvolle Kirchen zu bauen, und doch sollte nach den schrecklichen Erfahrungen des 30-jährigen Krieges der Himmel mitten im Elend nicht allein den weltlichen Fürsten vorbehalten bleiben. Dem Thronsaal im Schloß wurde der Thronsaal des im Tabernakel gegenwärtigen Christus entgegengestellt, von dem die eigentliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft für das Volk ausging. Das ganze Volk, nicht nur der Fürst und der Adel, waren in das „himmlische Schloß Christi“ eingeladen. Die Barockkirche und die dort gefeierte himmlische Liturgie wurden damit auch gleichzeitig zum erlebten Kontrast gegenüber dem unendlichen Leid und der Not in der damaligen Zeit. Eine immer von neuem zu definierende Balance zwischen Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit bestimmen das Verhältnis von Kirchbau und Liturgie einerseits und der Kultur andererseits. Nur ein Kirchbau und eine Liturgie, die sich von dieser Spannung getragen wissen, entwickeln eine öffentlich relevante Symbolkraft. Von daher ist gerade auch im Blick auf die Weiterentwicklung der Liturgie im 21. Jahrhundert zu fragen, was das weltliche und das christliche Zeitverständnis bestimmt. Das weltliche ZeitverständnisDer Kalender beginnt immer mit dem ersten Januar. Das ist keineswegs selbstverständlich. Man könnte das Jahr auch nach Zeitrechnung der Muslime oder nach dem liturgischen Kalender der Christen beginnen lassen. Doch die weltliche Zeitrechnung hat den ersten Januar gewählt, hat also offensichtlich etwas mit dem römischen Gott Janus zu tun. Bis in unsere Tage hinein bestimmt er - wenn auch unbewußt - unser Zeitverständnis. Janus ist der Gott mit den zwei Gesichtern. Auf den Kultbildern oder als Marmorstatue wird er als Doppelkopf dargestellt. Mit dem einen Gesicht schaut er in sich gekehrt, gelangweilt in die Vergangenheit, mit dem anderen, gleichen Gesicht schaut er in die Zukunft. Die beiden Köpfe verschmelzen zu einer Einheit. Zwischen den beiden Köpfen ist kein Platz. Die Gegenwart kommt in diesem Doppelkopf nicht vor. Die Vergangenheit und die Zukunft lassen der Gegenwart keinen Raum. Januszeit, heidnische Zeit, ist lineare Zeit. Im unendlichen Auf und Ab der Zeit gibt es kein Jetzt. Alle Jahre wieder kommt kein Christuskind! Die utopische Morgenröte kommt nie! Am ersten Januar schaut man zurück auf das alte Jahr: Termine, Konferenzen, Sitzungen. Und wenn man im Terminkalender nach vorne schaut: wieder Sitzungen, Konferenzen, Tagungen. Die Linearität der Zeit scheint nicht zu durchbrechen zu sein. Man versucht den Doppelkopf des Janus zu zerschlagen. Raketen, bunte Lichter fliegen in der Neujahrsnacht zum Himmel, Sektkorken knallen. Prosit Neujahr. Man will in die Gegenwart, in das Jetzt, in dem Augenblick, in den wenigstens dionysischen Rausch. Die tödlich institutionalisierte Langeweile, das ewige Gleiche der Alltäglichkeit soll aufgebrochen werden. Aber mehr als ein kurzfristiges Betören der Sinne bleibt nicht. Im Grunde gibt es in einem solchen Zeitverständnis weder wirkliche Vergangenheit noch Zukunft noch Gegenwart. Im ewigen Auf und Ab der Zeit gibt es keinen wirklich neuen Anfang. Und weil es nicht den „Zwischenraum“ des Jetzt, die Leerstelle zwischen den beiden Janusköpfen gibt, gibt es auch keine Vergangenheit und keine Zukunft, sondern nur das Fließen der Zeit. Dieses römisch-heidnische Zeitverständnis prägt die Moderne. Der Wandel aller nur denkbaren Lebensbereiche vollzieht sich in immer kürzeren Zeitabständen. Alles veraltet immer schneller. Man kann immer weniger dem trauen, auf das, worauf man in der Vergangenheit im Leben gesetzt hat. Niemand weiß, ob morgen das noch gültig ist, was über Generationen hinweg Bestand hatte. Die Fundamente zerbrechen. Und weil die Vergangenheit immer mehr wegbricht, gibt es auch keine wirkliche Zukunft. Ein junger Mensch, der heute einen Beruf erlernt, weiß nicht, ob er ihn in zehn Jahren noch ausüben kann. Entscheidungen, die heute getroffen werden, müssen u.U. schon morgen wieder revidiert werden. Die Ungewißheit wächst. Man will dieser Linearität entkommen, indem man alles zur Gegenwart macht. Erlebnisse sind angesagt: Erlebniskino, Erlebnisurlaub, Erlebnisbad, Erlebniseinkauf ... - alles wird zum Erlebnis, und ohne Erlebnis ist nichts. Aber im Grunde betrügt man sich durch diesen Versuch, die Gegenwart zu leben, selbst um die wirkliche Gegenwart, die die Zukunft gegenwärtig macht. Die Erlebnisse tragen nicht. Man macht ein bißchen Pseudotheater und sagt Vergangenheit und Zukunft. Aber mehr als ein wenig Show ist das nicht. Man braucht immer neue Erlebnisse, man hat immer schon wieder etwas für das Zukünftige im Jetzt zu tun, zu planen, zu verwalten. Man will dem ewigen Auf und Ab der linearen Zeit entkommen, gerät dabei aber nur in den dionysischen Rausch, der bald ernüchternd schon wieder nach dem nächsten, noch höheren Anreiz verlangt. War im ersten Jahr der Urlaub in Spanien noch ein Erlebnis, muß es im nächsten die Kreuzfahrt im Mittelmeer sein. Und wenn man auch diese schon kennt, dann steht der Tauchurlaub auf den Malediven im Programm. Eine solche weltlich heidnische Zeiterfahrung kann nicht das Modell für eine Liturgie der Zukunft der Zukunft abgeben. Es kann nicht um Erlebnisgottesdienste und Erlebniswelten gehen, die kurzfristig aus den Alltag aussteigen lassen und die Sinne betören. In der Liturgie geht es um eine Zeiterfahrung, die die Realität ernstnimmt und doch diesen „klebrigen“ Jaunusdoppelkopf aufbricht und in den Fluß des Auf und Ab der Zeit Gegenwart einbrechen läßt. In der Liturgie geht es um die „Fülle der Zeit“. Das Zeitverständnis der LiturgieWas meint Paulus, wenn er im Galaterbrief (Gal 4,4) von der Fülle der Zeit spricht, in der Jesus geboren wurde? In Jesus bricht der verborgene Gott aus der Ewigkeit in die Zeit ein. In ihm wird die Ewigkeit in der Zeit erfahrbar. Die Ewigkeit ist nicht mehr die Zeit, die nach der Zeit kommt, die Zeit, die man seinen Jahrzehnten auf Erden anhängen kann. Ewigkeit ist das, was immer schon ist und auch immer sein wird. Ewigkeit ist unendlich ausgedehnte Zeit. Ewigkeit ist nicht Vertröstung auf ein neues Leben nach dem Tod. Ewigkeit ist im Jetzt, in der Gegenwart. Als die Ewigkeit in die Zeit einbrach, ereignete sich Weihnachten. Als die Fülle der Zeit kam, als das durchbricht, was in Liebe immer schon der Fall war, da tangiert die Ewigkeit die Weltzeit. In einer Liturgie der Zukunft kann es nicht allein darum gehen, das Gewachsene zu verwalten nach dem Motto: Laß uns ein paar neue Etiketten machen, dann läßt sich auch die Krise meistern. Nein, Liturgie feiert die Gegenwart Gottes. Zukünftige Liturgie muß also gegenwärtig sein, aktuell, modern, aber nicht als Punktualität auf der Janus-Zeitschiene. In der Liturgie muß die Präsenz von Ewigkeit erfahrbar sein, die die Dimensionen von Vergangenheit und Zukunft aufgesprengt. Liturgie der Zukunft ist eine Liturgie der Gegenwart, und eine Liturgie der Gegenwart ist eine Liturgie der Zukunft wie der Vergangenheit. Die Liturgie muß etwas vom Himmel verbergen und entbergen. Liturgie ist inszeniertes Jenseits im Heute. Sie sind heutig und gleichzeitig allgemein gültig. Heutig, das heißt: die Zeiterfahrung der Januswelt darf, muß, im liturgischen Geschehen vorkommen, und der Kirchenraum hat dafür Platz zu bieten. Aber Liturgie ist keine Veranstaltung, die auf eine punktuelle Zeiterfahrung zielt, bei der man sich einmal am Sonntag oder an Feiertagen ein besonderes Erlebnis gönnt. Das wäre das heidnische Liturgiemodell, dem im Sakralbau der Tempel entspricht. Das Fanum wird abgegrenzt vom Profanum. Im Tempel und im Kult des Tempels geschieht das Eigentliche, in der Welt, im Pro-fanum, das, was mit dem Heiligen nichts zu tun hat. Dagegen setzt das christlich-biblische Zeitverständnis auf die Spannung von Fanum und Profanum. Das Heilige lebt im Bezug zum „Unheiligen“. Die Liturgie transzendiert den Alltag und bleibt doch Teil des alltäglichen Lebens. Das Heutige gibt es nur mit seiner Geschichte und mit all dem, was im Jetzt existiert. Die Januszeit gehört mit zu dem, was in der Liturgie inszeniert und gleichzeitig in die Zukunft hinein transzendiert wird. Die großen Epochen der Liturgie, haben den Versuch gewagt, zukünftig zu sein, ohne das Jetzt zu leugnen. Trotz oder gerade wegen des Elends, das man nicht mehr ertragen kann, baut der Barock den Himmel auf die Erde herunter, und entwickelt eine Musik, die den Gottesdienst zum himmlischen Fest macht. Zu diesem Fest versammelt man sich unter dem Kreuz mit dem Schmerzensmann, von dem aus man sich anschauen läßt und gleichzeitig in seinem Gesicht das eigene Leid gegenliest. Wer die Kontingenz nicht verdrängt, sondern ihr ins Auge blickt, hat den ersten Schritt getan, hinter dem Dunkel das Licht zu entdecken. In der Gotik entwickelt man eine mystische Liturgie, die die Mannigfaltigkeit des Himmels aufscheinen läßt. Himmlische Zukunft läßt sich erahnen und im Jetzt zumindest anfanghaft erfahren. Eine Liturgie der Zukunft ist eine Liturgie der Gegenwart. Und diese Gegenwart ist am Ende des 20. Jahrhunderts von einer Individualisierungsdynamik und von einer unüberschaubaren Ausdifferenzierung der Gesellschaft geprägt. Das Streben nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit bestimmen das Lebensgefühl. Vieles spricht dafür, daß sich die Linien der Moderne mit Individualismus, Pluralismus, wachsender Mobilität, Erlebnishunger u.ä. in die Zukunft hinein verlängern werden. Denn sie entspringen einem langen geistesgeschichtlichen Prozeß, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen und der durch die Aufklärung seine eigentliche Akzentuierung erhielt. Die Aufklärung war angetreten, den Menschen von der Fremdbestimmung zu befreien und ihm Selbstbestimmung zu ermöglichen. Jeder sollte selbst sein Lebensglück bestimmen können und die Verantwortung dafür übernehmen. Die Verwirklichung dieser Ziele setzt eine Ausdiffernzierung der Angebote auf allen nur denkbaren Gebieten voraus. Denn nur dann hat der einzelne die Möglichkeit, selbst das wählen zu können, was er für sein Lebensglück für notwendig wähnt. Erst der technische und naturwissenschaftliche Fortschritt macht diese Ausdifferenzierung möglich. Da diese Entwicklung eine geistesgeschichtliche Basis hat, wird sie nicht zu stoppen sein - trotz aller Schattenseiten, die am Ende des zweiten Jahrtausends immer deutlicher offenbar werden. Anforderungen an eine Liturgie der ZukunftLiturgie wird an der Wende vom 20. ins 21. Jahrhundert in diesem kulturellen Umfeld gefeiert. Inkulturation der Liturgie heißt, dieser Ausdifferenzierung und Freiheitssehnsucht Rechnung zu tragen. Wir brauchen sehr viel mehr Liturgien als nur die Eucharistiefeier. Die Engführung auf die Eucharistiefeier, wie sie vielerorts nach dem II. Vatikanischen Konzil zu beobachten ist, ist liturgisch und soziologisch eine Fehlentwicklung. Liturgisch, weil die Eucharistiefeier ihres Charakters als Höhepunkt beraubt wird. Die Eucharistiefeier ist eine Verdichtung des religiösen Lebens auf eine Mitte hin, die ein religiöses Praxisfeld um sich herum braucht. Wo Gottesdienst gleichgesetzt wird mit Meßfeier, wo es nur noch eine liturgische Feierform gibt, wird alles eingeebnet, da lassen sich keine Höhepunkte mehr finden. Soziologisch ist eine solche Entwicklung bedenklich, weil die Kirche ihre Relevanz für die Gesamtgesellschaft verliert. Die Liturgie spricht nur noch einen begrenzten Kreis von Menschen an. Sie bekommt einen gewissen Exotenstatus. Die soziologische Relevanz ist an die Vielfalt geknüpft. Wallfahrten, Bittprozessionen, Gebetsgottesdienste, Maiandachten, Meditationsstunden, Hausliturgien, das Stundengebet und vieles andere mehr prägten über Jahrhunderte hinweg die liturgische Vielfalt neben der Eucharistiefeier. Viele dieser Formen sind in der Moderne weggebrochen, weil sie einem anderen Lebensgefühl entspringen. Doch eine Liturgie der Zukunft kann auf eine solche Vielfalt mit zeitgemäßen Formen nicht verzichten. Wenn dieses Umfeld fehlt, wenn man also nur noch das Eigentliche feiern will, dann wird dies zur Feier eines kleinen Kreises, weil die andern nicht mehr kommen. Deshalb bedarf es kreativer neuer Formen. Dazu gehören vor allem auch kleinere Formen. Der moderne Zeitgenosse liebt Angebote zum Testen, zum Probieren, Appetit finden. Das Alles-oder-nichts-Prinzip ist ihm verdächtig. Er tut sich schwer, sich auf eine dauerhafte Verpflichtung einzulassen. Seine Zeiterfahrung ist schnellebig, von kurzen Abständen geprägt. Die Kirche kann nicht mehr damit rechnen, daß alle Menschen jeden Sonntag zum Gottesdienst kommen. Es muß auch eine „geistige Nahrung“ geben für die, die nur noch gelegentlich mit der Kirche in Kontakt kommen. Auch Liturgien mit Gruppen sind zuzulassen, vorausgesetzt sie bleiben prinzipiell für andere offen und werden nicht zu Sektenliturgien. Was früher etwa die Bruderschaften waren, können heute ganz andere Zielgruppen sein. In einer Liturgie, die heutig ist, muß sich wie im gesamten kirchlichen Leben etwas von der Pluralität der Gesellschaft positiv widerspiegeln. Gleiches gilt für den Kirchbau. Die Architektur kann sich nicht mehr allein von der Feier der Eucharistie leiten lassen. Mehrliturgienräume mit heiliger Atmosphäre, durchaus in den ästhetischen Mustern der Moderne, sind notwendig, um der Vielfalt Rechnung zu tragen. Was in der Gotik die Seitenkapellen für die Zünfte waren, müßte in eine der heutigen Zeit gemäße Architektur umgesetzt werden. In einer Kultur, die auf eine letzte Transzendenz verzichten zu können glaubt, ist die eigentliche Herausforderung für eine Liturgie der Zukunft freilich, Räume zu schaffen, die etwas vom Einbruch der Ewigkeit in die Zeit erahnen lassen. Dem rein auf Funktionalität ausgerichteten architektonischen Prunk der modernen Tempel von Banken und Versicherungen und den auf dionysischen Rausch zielenden Erlebniswelten ist etwas entgegenzustellen, das diesen Zeitgeist hinterfragt und das die Ungeister, die sich hinter diesem Denken verbergen, entlarvt. Inkulturiert werden kann nur dort, wo es eine Kultur gibt. Wo Barbarei und Kulturlosigkeit zur Kultur erhoben werden, ist eine Transzendenzerfahrung nicht zu vermitteln. Dort ist eine „Gegenliturgie“ gefragt. Die erreichte Freiheit und die Vielfalt der Möglichkeiten für die Ausgestaltung des Lebensentwurfs in der Moderne hat auch ihre Kehrseiten. Die unüberschaubaren Angebote erzeugen einen maßlosen Orientierungsbedarf. Ganz neue Abhängigkeiten entstehen. Ist man der Sozialkontrolle durch die Großfamilie entkommen, so begibt man sich heute in die Kontrolle der Sozialsysteme und Versicherungen mit all ihren ökonomischen und politischen Risiken. Eine Wirtschaft, die auf Gewinnmaximierung setzt, erzeugt nicht nur Gewinner, sondern auch eine immer größere Zahl von Verlierern. Millionen von Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen, oft ihrer Würde und ihres Selbstwertgefühls beraubt - auch sie gehören zur Realität der modernen Gesellschaft. Eine Liturgie, die heutig ist, kann nicht über diese Menschen hinwegsehen. Je größer die Verwundungen in unserer Gesellschaft werden, desto mehr brauchen wir Heilungsliturgien, die etwas vom Wirken Gottes und seines Geistes im Heute, von der Berührung der Ewigkeit in der Zeit erfahrbar machen. Da geht es um eine Freiheitserfahrung, um Überraschendes, Plötzliches, um Geschenktes, das der einzelne nicht selbst machen muß. Das II. Vatikanum hat die Bedeutung der ganzen Gemeinde für die Feier der Liturgie wiederentdeckt. Die nachvatikanische Liturgie betont den Versammlungscharakter des Gottesdienstes und entsprechend die Kirche als Versammlungsraum. Aber wer gehört zu dieser Versammlung, zu diesem Wir? Dieses Wir beschränkt sich nicht nur auf einen exklusiven Zirkel. In der Liturgie geht es um ein Wir der Freien und Erlösten. Das ist die Präsenzerfahrung des Geistes Gottes. Das ist der ursprüngliche Sinn von Ekklesia, von einer Kirche, wo sich alle herausrufen lassen als Freie zum Wir. Dieser Geist ist jenseitig, nicht immer greifbar, aber auch anwesend als Werke stiftend, als Festgemeinde erzeugend, als heilend. Um dieses Wir geht es in der Moderne. Ein solches Wir sucht der Mensch, als selbstverantwortliches Individuum und doch Freiheit erfahrend in der Beziehung mit anderen. Wo kann ich einmal mit den andern sein, unmanipuliert, unverzweckt, eigenständig? Wo wird mir eine eigene Unmittelbarkeit zur Liebe, zu Gott gegönnt? Wo können wir miteinander Feste feiern? Wo ist jeder zugelassen? Wo dies erfahren werden kann, da wird der lineare Verlauf der Januszeit durchbrochen. Eine solche Liturgie kann freilich nicht isoliert für sich stehen. Heilungsliturgien, Wir-Liturgien erfordern eine Einbettung in eine Heilungspastoral. Es braucht Räume, wo Arbeitslose, Menschen mit zerbrochenen Beziehungen, Kinder aus kaputten Familien sich eingeladen fühlen, sich austauschen können, auch zum Zweck, gegen das Unrecht anzugehen. Wo es solche Räume gibt, lassen sich dann auch entsprechende Liturgien feiern. Für die Architektur heißt dies, daß Kirchenbauten zu „Mehrzweckbauten“ werden, nicht im Sinne einer besseren wirtschaftlichen Nutzung, auch nicht im Sinn einer Profanierung des Heiligen. Es geht gerade um die Erfahrung des Heiligen im Wir, aber nicht isoliert, sondern eingebettet in das gesamte pastorale Umfeld. Kirchen, die mit Gemeindezentren verbunden sind, weisen in diese Richtung - freilich nur, wenn sie tatsächlich auch für die „Verwundeten“ der Gesellschaft offen stehen und wenn dort eine Atmosphäre herrscht, in der sich diese Gruppen wohl fühlen. Solche Räume brauchen Gemeinden und Liturgien, die signalisieren, daß die Freiheit des anderen und des Andersdenkenden zum Wir der Freien hinzugehört. Wo diese Freiheit aufleuchtet, da wird die Liturgie zu einem Symbol der Ewigkeit in der Zeit und zu einem Symbol, das die Geister des Mammons und des Baals, der nur auf die Perfektion technokratischer Verläufe setzt, als Ungeister entlarvt. Inkulturation und Kulturkritik kommen in die Balance. Zusammenfassende Thesen1.Liturgie muß ihre Symbolkompetenz wieder zurückgewinnenEin erster Schritt der Profilierung kirchlicher Liturgie steht in ihrer Professionalisierung. Im Zuge der Liturgiereform des zweiten Vatikanums und als Reaktion auf die zum Ritenkult verkommene vorvatikanischen Liturgie sind Gottesdienste immer mehr text- und korpflastig geworden. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise zum Positiven gewendet. Dennoch neigen viele Gottesdiensten, vor allem Kinder-, Jugend- und Familiengottesdienste, zum Katechetisieren. Dieser Verzweckung der Gottesdienste muß ein Ende gesetzt werden. Gottesdienst ist in erster Linie Feier und kein Ersatz für Moralpredigten oder Religionsstunden. Statt dessen gilt es, die Symbolkompetenz wiederzugewinnen. Die Inszenierung von Symbolen, die einmal spezifisches Kennzeichen der Liturgie war, ist heute an die Markenartikelindustrie und Werbung abgegeben worden. Diese Kompetenz gilt es gerade für die Gottesdienst neu zu entdecken. 2.Liturgie muß zu einem Ort der Freiheit werden und Freiheit erfahren lassenIm Gegensatz zur säkularen Religion in der Gesellschaft setzt die Liturgie nicht auf eine Freiheit, die der Mensch allein schaffen muß, vielmehr auf die Freiheit, die von Gott garantiert und durch seine Liebe, durch den Kreuzestod Jesu Christi, ein für allemal sichtbar geworden ist. Die große Sehnsucht nach Freiheit, auf die die Gesellschaft setzt, macht auf etwas spezifisch Christliches in der Liturgie aufmerksam, nämlich auf die Notwendigkeit der Inszenierung von Freiheit. Gottesdienst ist in erster Linie das Handeln Gottes für uns Menschen und erst in zweiter Linie Antwort des Menschen an Gott. Gott lädt zur Liturgie alle ein, unabhängig wie sie sich fühlen, unabhängig davon, ob und wieviel der Einzelne geleistet hat. Die Liturgie muß sich davon leiten lassen, diese Erfahrung zu vermitteln. 3.Liturgie heißt dem Heiligen Raum gebenLiturgie ist nicht etwas, was Menschen machen können, sondern läßt etwas feiern, was Gott mit den Menschen macht. Liturgie muß deshalb in erster Linie Raum dafür schaffen, daß das Heilige, das Mysterium (nicht zu verwechseln mit dem Mysteriösen!), das Unverfügbare Platz greifen kann. Es ist damit zu rechnen, daß sich das Heilige nicht abspielt, sondern mitten in die Gemeinde einbricht. Das ist der Paradigmenwechsel des Konzils: Das Eigentliche, das Mysterium, wird nicht mehr nur in weiter Ferne allein vom Kleriker im Altarraum vollzogen, vielmehr feiert die ganze Gemeinde. In ihrer Mitte ereignet sich die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Das heißt mit anderen Worten: Liturgie muß mit dem Leben verbunden werden. Modernes Leben lebt von und mit Bildern, Symbolen, Logos, Piktogrammen, Plakaten, kurz mit Bildern, die Geschichten erzählen. Geschichten, in denen ich vorkomme, in die ich mich hineinversetzten kann. Jesus selbst war Geschichtenerzähler. In Gleichnissen und Parabeln füllte er ebenfalls kleine Lebensgeschichten, die den Zuhörer hineinverwickeln, einbeziehen und zur Entscheidung fordern. Sie sind unterhaltend, spannend, anschaulich, mit provozierenden Pointen. Sie verstehen sich als Angebote, sind deutungsoffen, schreiben den Repräsentierten die Lösung nicht vor, und geben trotzdem eine Richtung. Daran muß sich die Liturgie wieder orientieren: für das Heilige offen und doch so lebensnah, daß Gott in das Leben des Einzelnen wieder einbrechen kann. Menschen von heute sind für das Heilige wieder sensibel, wenn sie spüren, daß es dabei um sie geht, um ihr Leben, um ihre Erfahrung vom geschenktem Heil. 4.Liturgie muß die Engführung auf die Eucharistiefeier überwindenDie Eucharistiefeier als Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens kann diese Funktion nur erfüllen, wenn es daneben auch andere Gottesdienstformen gibt. Wo Gottesdienst gleichgesetzt wird mit Eucharistiefeier, wird alles eingeebnet, dann gibt es keine Höhepunkte mehr. Der Reichtum der Liturgie muß zurückgewonnen werden. Ein erster und klassischer Ansatz dafür liegt im Wiederentdecken des Stundengebetes. Gerade das Stundengebet ist für Ausgestaltung auch im Blick auf den modernen Zeitgenossen hin sehr offen. Ist es in einer Gemeinde erst wieder einmal lebendig, läßt es sich neben der traditionellen Form weiterentwickeln und zu Lebensbezügen des modernen Menschen in Beziehung setzen. 5.Liturgie braucht nicht nur die großen Formen, sondern auch die kleinen FormenKatholisch ist fast ein Synonym für das „Alles-oder-nichts-Prinzip“. Wir kennen zwar die Hierarchie der Wahrheiten, aber wir tun uns schwer damit, wirklich die Menschen selbst entscheiden zu lassen. Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber ärgern uns, wenn ausgerechnet an Weihnachten die Fernstehenden zur Kirche kommen und die Plätze wegnehmen. Wir freuen uns, wenn jemand bei einer Gottesdienstvorbereitung mitwirkt, aber dann soll er es doch gefälligst regelmäßig tun. Unsere Liturgie ist weitgehend vergleichbar mit einem vornehmen Speiselokal, in dem ein 4-Gänge-Menü serviert wird, einen McDonald für den kleinen Hunger zwischendurch haben wir aber kaum zu bieten. Die Mannaerzählung könnte uns eine Richtung weisen: Hier wird das „Brot des Lebens“ in kleinen Stückchen verteilt. Es liegt sozusagen auf der Straße herum. Allgemeingut für jeden, der Hunger hat. Verderblich und vergänglich, für den alsbaldigen Verzehr bestimmt. Ausreichend für einen Tag, nicht mehr. Das macht satt. Oder nehmen wir die Brotvermehrung: Aus der Not geboren sind es gerade einmal zwei Fische und fünf kleine Brote, die geteilt und gebrochen werden. Da sind kein Tafelsilber, keine Kerzen, kein Kelch dabei. Es ist eine Mahlzeit, die man mit den Händen ißt. Wenn Krümel auf die Erde fallen, dann schadet es nicht. Mit anderen Worten: In einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft braucht es auch eine Pluralität an liturgischen Formen. Dabei geht es nicht nur um eine unterschiedliche Gestaltung bereits bekannter Formen, z. B. ob die Eucharistiefeier als Jugendmesse oder als Orchestermesse gefeiert, vielmehr bedarf es auch der Anstrengung, ganz neue Formen zu entwickeln, die dem Lebensgefühl und den Verwunderungen in der Gesellschaft Rechnung tragen. Dazu gehören nicht zuletzt Heilungliturgien. 6.Liturgie braucht KooperationEine Ausdifferenzierung der Liturgie und Pastoral, die durch die plurale Gesellschaft immer mehr erforderlich wird, kann bei gleichseitigem und wachsendem Mangel an Hauptamtlichen im kirchlichen Dienst nicht geleistet werden, wenn an dem Prinzip festgehalten wird, eine Territorialgemeinde habe dies alles allein zu machen. Warum schließen sich Gemeinden nicht zusammen und setzen für sich Schwerpunkte? Warum soll es nicht möglich sein, daß sich eine Gemeinde im Dekanat Bergstraße-Mitte z.B. auf Jugendpastoral und Jugendliturgie spezialisiert, eine andere ihren Schwerpunkt auf dem caritativen Feld entwickelt und Liturgien mit den am Randstehenden feiert? Warum soll es nicht eine Gemeinde im Dekanat geben, die eine Liturgie feiert, von der sich besonders die Menschen angesprochen fühlen, die sich für klassische Kunst interessieren. Profilierung heißt: Sich auf weniger Angebote zu konzentrieren, diese aber zu professionalisieren. Mit anderen Worten: Eine Weiterentwicklung der Liturgie setzt voraus, daß neben das territoriale Prinzip ein überterritoriales Kooperationsprinzip tritt. 7.Liturgie muß ihre öffentliche Dimension zurückgewinnenDas Christentum verstand sich von seinen Anfängen so, daß die Botschaft von dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi allen ausgerichtet werden muß, nicht nur einem kleinen Teil. Deshalb hat die Kirche auch immer betont, daß der Gottesdienst grundsätzlich für alle offen sein muß. Diese Überzeugung gilt heute noch. Doch ist diese Überzeugung in der Praxis nicht zur Ideologie erstarrt? Wird der Gottesdienst nicht letztlich nur noch von einem uniformen Milieu besucht? Orientiert er sich in seiner Gestaltung nicht wesentlich an den Menschen, die sich in ihrer Lebensgestaltung eher von einem „objektiven“ Weltbezug leiten lassen? Werden nicht de facto die Menschen ausgeschlossen, die sehr stark vom Gedanken der Selbstverwirklichung und des Ich-Bezugs geprägt sind? Wenn der Gottesdienst wirklich offen sein soll, setzt dies auch Formen voraus, zu denen andere Milieus einen Zugang haben und die ihren Anspruch auf Offenheit auch in die Öffentlichkeit hineintragen. Das freilich bedeutet, daß „uniforme“ Gemeinden nicht nur ein Angebot für andere entwickeln können, sondern dies mit anderen tun müssen. Warum soll z. B. eine Gemeinde „Maria Himmelfahrt“ nicht um das Marienfest eine Werkwoche veranstalten zum Thema „Wie finden Frauen ihren Himmel?“. Wenn eine solche Werkwoche von Anfang an mit verschiedene Frauengruppen, auch z. B. mit Frauengruppen der „Grünen“, geplant und die Vorbereitung von Liturgien mitberücksichtigt wird, erzeugt das nicht nur Kreativität, sondern schafft auch Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Eine Öffnung der Liturgie bedeutet auch Öffnung der Gemeinde für neue Gruppen und ein Herstellen von Freiräumen, selbst wenn das gelegentlich mit dem Risiko eines Flops verbunden ist. Zusammenfassend:Die Weiterentwicklung der Liturgie in der modernen Gesellschaft erfordert nicht ein bloßes Preisgeben bisheriger Traditionen und ein Anpassen an den Zeitgeist, vielmehr gilt es, gewachsene Traditionen offensiv so zu profilieren und professionalisieren, daß sie in die heutige Gesellschaft inkulturiert werden können; nicht allein im Sinne der Zeitgemäßheit, sondern durchaus auch im Sinne der Unzeitigkeit, und vor allem aus einer Spiritualität, die darum weiß, daß Liturgie nicht „gemacht“, sondern „nur“ als Geschenk eines anderen gefeiert werden kann. Wolfgang Fischer |