Kirchenführung - Dom zu Worms

Der Dom zu Worms - Spirituelle Führung

 

  • Wurzel Jesse
  • Der Raum als Ganzes
  • Erste Grundsymbolik des Wormser-Doms
  • Zweite Grundsymbolik des Wormser Doms
  • Dritte Grundsymbolik des Wormser Doms
  • Westchor
  • Südportal
  • Nikolauskapelle mit Taufstein
  • Ägidien- bzw. Marienkapelle
  • Altarraum
  • Im Altarraum

 

1. Wurzel Jesse

Vielleicht wundern sie sich, dass ich die Führung durch den Wormser Dom ausgerechnet in einem Seitenschiff beginne, und dann auch noch vor einem Steinrelief, das ursprünglich gar nicht für den Innenraum bestimmt war. Die Wurzel Jesse befand sich früher wie die anderen Steinreliefs an dieser Wand mit den Szenen aus dem Leben Jesu im Kreuzgang. Diesen Kreuzgang gibt es heute nicht mehr, seine Spuren und seine Größe kann man aber noch erkennen an der südlichen Außenwand. Warum also der Beginn der Führung ausgerechnet hier? Im Bild der Wurzel Jesse sehe ich die Vorgabe für den roten Faden, der sich durch meine spirituell-theologisch angelegte Führung ziehen soll. Die Wurzel Jesse stellt den Stammbaum Jesu dar. Jesus, oben zusammen mit Maria dargestellt, wird in diesem Bild in die Geschlechterfolge der Könige Israel eingefügt, die sich auf den unten dargestellten Stammvater Jesse zurückführen lässt. Mit anderen Worten: Die Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt nicht erst mit Jesus. Jesus selbst ist Teil einer langen vorausgegangenen Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Auf diese Geschichte macht das Steinrelief aufmerksam. Und wie geht die Geschichte Gottes mit den Menschen nach der Geburt Jesu weiter? Das will dieser Kirchenraum erzählen, in dem Generationen von Menschen gebetet, gesungen und Liturgie gefeiert haben. Alle Epochen haben in diesen Kirchenraum ihre "Spuren" hinterlassen. Die Geschichte der Menschen wird in diesem Gotteshaus immer wieder als eine Geschichte des Glaubens gesehen. Ich möchte Sie zu einigen ausgewählten Punkten in diesem Gotteshaus führen und daran aufzeigen, wie existentielle Erfahrungen der Menschen zu unterschiedlichen Zeiten mit je neuen Akzenten von Gott her und auf Gott hin gedeutet wurden. Die Akzente, die einzelne Generationen dabei gesetzt haben, das Lebensgefühl, das sich mit ihrem Glauben verbunden hat, all das ist sehr vielfältig, so wie auch die Wurzel Jesse vielfältige Verzweigungen hat. Doch die Fundamente des Glaubens haben die Generationen, die an diesem Dom gebaut haben, nie aus den Augen verloren. Die Kultur des Abendlandes war über alle Jahr-hunderte hinweg wie selbstverständlich eine Kultur, in deren Zentrum die christliche Religion stand. Zumindest bis zur Aufklärung war die christliche Religion die Kernsubstanz der Kultur, die von allen Bereichen berührt wurde und die alle Bereiche berührt hat. Wenn man also den Dom als Kulturdenkmal sieht, muss man ihn, will man ihn richtig verstehen, immer auch als Denkmal der Glaubensgesichte des Christentums deuten.

Und das beginnt hier an diesem Steinrelief. Die Wurzel Jesse ist ein uraltes Bild aus dem Alten Testament. Jesse oder Isai, wie es eigentlich heißen müsste, wenn man der hebräischen Schreibweise folgt , ist der Vater Davids. Er hatte sieben oder acht Söhne. Der Bedeutendste davon war David, der das Königtum Israels groß gemacht hat. Im Alten Testament wird Isai stets im Zusammenhang mit David genannt, z.B. wenn David als Sohn des Isai bezeichnet wird. Um David also, weniger um die anderen Söhne Isais, geht es. Als das Geschlecht Davids nicht mehr zukunftsträchtig schien, hoffte man in Israel auf eine Neuschöpfung. Es gab eine messianische Hoffnung, eine Hoffnung auf den Erlöser, der das Volk Israel befreit und zu seiner endgültigen Blüte führt. Das Bild dafür war ein Reis aus dem Baumstamm Isais auf einem Spross aus der Wurzel. Beim Propheten Jesaja (Jes 11,1.10) heißt es: "Aus dem Baumstamm Isais wächst ein Reiß hervor, ein junger Trieb, dessen Wurzeln reiche Frucht bringen."

Dieses Bild benutzt Matthäus am Beginn seines Evangeliums. Das Matthäus Evangelium war wohl die Vorlage für diese Darstellung in Stein. Denn an der Spitze dieses gesamten Astwerks, dieser Geschlechterfolge, steht die Geburt Jesu. Jesus ist also derjenige, auf den die Geschichte des alten Bundes zuläuft, der einerseits in diese Geschichte eingebunden ist, mit dem aber andererseits auch ein neuer Abschnitt in der Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt. Jesus ist der neue König, der neue David, der über allen anderen Königen steht. Zu ihm schauen auf der linken Seite Petrus, der Patron dieser Kirche auf, vor ihm kniend der Stifter Bischof Dalberg und links daneben der Kirchenvater und Bibelübersetzer Hieronimus. Die Figuren auf der rechten Seite, die viel später hinzugefügt wurden, können nicht mehr klar identifiziert werden.

Wenn Sie nachzählen, sind es in den Astwerken 12 Könige, 12 Repräsentanten der Geschlechter Israels, plus Isai als schlafender Stammvater unten und Jesus mit Maria oben. Das scheint zunächst überraschend. Denn wenn man den Matthäus Evangelium folgt, müssten es eigentlich 14 Generationen sein. Denn Matthäus endet die Aufzählung des Stammbaums Jesu mit dem Satz: "Im ganzen sind es also von Abraham bis David 14 Generationen, von David bis babylonischen Gefangenschaft 14 Generationen und von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus 14 Generationen (Matth 1,17)."

Matthäus legt also offensichtlich großen Wert auf die Zahl 14. Wenn wir aber die aufgeführten Namen in der letzten der drei von Matthäus erwähnten Geschlechterfolgen nachzählen, sind es keine 14. Und deshalb sind es auch hier in diesem Bild bis Jesus keine 14 Geschlechter. Warum legt dann Matthäus in seiner Zusammenfassung am Ende trotzdem so großen Wert auf die Zahl 14?

Das lässt sich nur erklären, wenn man weiß, dass Zahlensymboliken im Altertum eine große Rolle spielten, und wenn man berücksichtigt, dass im Hebräischen die einzelnen Buchstaben immer auch einen Zahlenwert verkörperten. Zahlen hat man sozusagen mit Buchstaben aus-gedrückt. Zählt man nun den Zahlenwert der Buchstaben aus dem Namen "David" zusammen, kommt man auf die 14. Damit wird deutlich, um was es in diesem Bild geht: Jesus ist der neue David, Jesus ist der neue König, der Messias, den das Volk Israel nach dem Niedergang des davidischen Reichs so sehnsüchtig erwartet hat. Die Geschichte, die mit Jesus neu beginnt, ist eine Geschichte, in der die messianische, die heilsbringende Zeit endgültig anbricht. Also einerseits Einwurzelung Jesu in die Geschichte des Volkes Israels und gleichzeitig Neubeginn eines heilsgeschichtlichen Abschnitts. In Jesus Christus, dem Messias, findet die Gesamtgeschichte Gottes mit den Menschen ihren Mittel- und Höhepunkt.

Gleichzeitig wird das Ganze als Baum dargestellt, der Baum ein Zeichen für Leben, die Geschichte mit Gott sozusagen eine Geschichte des Lebens und der Erfüllung. So verzweigt die Geschichte auch ist, so vielfältig die Gestalten, die sie prägen, so unterschiedlich die Epochen, letzten Endes ist diese ganze Geschichte in Jesus Christus gebündelt, läuft auf ihn zu und wird von ihm getragen.


2. Der Raum als Ganzes

Platznehmen im hinteren Teil der Kirche

Wie kann der Himmel die Erde berühren? Wie kann die Unendlichkeit Gottes in der Endlichkeit der Welt erfahren werden? Wie kann ich als zeitliches Wesen mit der Ewigkeit in Berührung kommen? Alle Religionen haben sich mit diesen existentiellen Fragen auseinandergesetzt. Sie versuchen darauf eine Antwort zu geben. Und die Antwort, die das Christentum gibt, versucht der Kirchbau, zumindest der große und bedeutende Kirchbau wie hier in Worms in Architektur umzusetzen. Gelungener Kirchbau ist immer mehr als nur Funktions-bau. Kirche und Kirchenraum sind immer auch Sinnbauten. Sie sind öffentliche Symbole, eine öffentliche Proklamation des christlichen Glaubens. Das gilt auch und in ganz besonderer Weise für den Wormser Dom, für das zentrale Gotteshaus in einer geschichtsträchtigen Stadt.

Wenn wir den Dom verstehen wollen, reicht es nicht aus, ihn nur unter kunsthistorischen oder baugeschichtlichen Daten zu erfassen. Er erzählt immer auch eine Glaubensgeschichte, eine Geschichte, die versucht, auf existentielle Grundfragen des Menschen im Licht der Transzendenz eine Antwort zu finden. Welche Symbolik steckt in diesem Raum? Wenn Sie nach vorne blicken, so ist es zunächst einmal eine lang gezogene Basilika, genauer: eine dreischiffige Basilika mit dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen. Klar, dass man hier, wo ursprünglich einmal der Jupitertempel stand, als sich sehr früh die Römer in Worms ansiedelten, dieses Kirchbaumodell aus dem römisch-hellenistischen Raum zum Vorbild nimmt. Der Sak-ralraum für den höchsten römischen Gott lösen die Christen mit dem Sakralraum für ihren Gott ab. Was ist eine Basilika?

 

Erste Grundsymbolik des Wormser-Doms

 

Um ihre Symbolik zu verstehen, müssen wir einen kleinen Blick in die Kirchbaugeschichte werfen. Drei Jahrhunderte lang hatte die Kirche keine Kirchen. Drei Jahrhunderte lang haben die Christen ihren Gottesdienst in Privathäusern oder Katakomben gefeiert. In einer Zeit der Christenverfolgung wäre es anders gar nicht denkbar gewesen. Was passiert nun, wenn die christliche Gemeinde größer wird und wenn das Christentum nach und nach zur Staatsreligion avanciert? Was übernimmt man, wenn man aus seiner Hauskirche heraustritt und an die Macht gelangt? Zunächst einmal müsste man vermuten, die ersten Christen bauen ihre Kirche nach dem Modell des jüdischen Tempels. Aber die Christen nehmen weder den Tempel noch andere Sakralbauten, die sie kennen, als Modell für ihre Kirche. Sie wählen die Basilika . Die Basilika war ursprünglich ein profaner Bau. Der Name sagt es. "Basileus" heißt "König, welt-licher Herrscher", "Stoa", der zweite Teil des Wortes, heißt "Wandelhalle". Die Basilika war ursprünglich die Audienz- und Gerichtshalle des weltlichen Herrschers. Ganz vorne sitzt der Kaiser oder König, der weltliche Herrscher, umgeben von seinem Hofstaat. Zu ihm drängen die Menschen nach vorne, um dort eine Audienz oder ein Privileg zu erhalten. Eine Audienzhalle war es, und vorne wurde Recht gesprochen.

Dieses Modell übernehmen nun die Christen und gestalten es als ihre Kirche. Dort, wo der Kaiser saß, malt man in die Apsis den Pantokrator. Ob dies auch hier in Worms noch der Fall war, weiß man nicht. Aber ganz sicher gab es auf der Apsiswand ein Christusmotiv. Von der Grundidee her ist es klar. Der eigentliche Herrscher, der eigentliche Basileus, ist der auferstandene Christus. Und unter den Pantokrator stellt man die Cathedra, den Sitz des Bischofs, der von Priestern und Diakonen, sozusagen von seinem himmlischen Hofstaat umgeben wird. Man wählt also eine Symbolik, die man in der römischen Kultur vorfindet, die dort aus sich heraus verständlich war, weil man wusste, was die Basilika ist. Und man "tauft" dann dieses Modell gleichsam christlich. Heute würde man von Inkulturation sprechen. Die christliche Überzeugung, dass Jesus Christus selbst der eigentlich Herr und Herrscher dieser Welt ist, wird eingepflanzt in die römische Kultur. Das war keineswegs ungefährlich. Denn mit dieser "christlichen Taufe" der römischen Basilika war gleichzeitig eine massive Kulturkritik verbunden. Jeder einigermaßen gebildete römische Kaiser fühlte sich als Repräsentant der Götter. Ein Cäsar hatte die Venus wie selbstverständlich in seiner Ahnentafel. Und wenn Sie die Dar-stellungen der römischen Kaiser kennen, so sind sie mit göttlichen Insignien, wie dem Lorbeerkranz oder dem Streitwagen des Mars, ausgestattet. Der römische Kaiser war nach eigenem Verständnis der Repräsentant der Götter hier auf Erden. Nun sagen die Christen nicht mehr: du römischer Kaiser bist der eigentliche Herr der Welt, der eigentliche Herr der Welt ist Jesus Christus, der auferstandene und erhöhte Herr. Entsprechend verweigern sie später dem Kaiser den Weihrauchkult, weil der Weihrauch ja ein Zeichen der göttlichen Verehrung war. Sie übernehmen den Weihrauch in ihren Gottesdienst. Manche mussten für die Verweigerung des Weihrauchs ihr Leben lassen. Sie sehen schon, wie hier das, was wir später Investitursturstreit nennen, in frühester Zeit grundgelegt wird. Gerade hier in Worms, wo durch das Worm-ser Konkordat 1122 dieser Streit beendet werden sollte, ist es höchst interessant, den Dom unter diesem Aspekt zu sehen. Also noch einmal: der Wormser Dom - Modell Basilika - mit der Ausrichtung nach vorne. Die Basilika, gedeutet als Antwort auf die Frage: Was gibt mei-nem Leben Richtung? Und die Antwort: Richtung für dein Leben findest du, wenn du dich auf den Weg machst nach vorne, hin zum Pantokrator, hin zu Christus, dem auferstandenen Herrn, dessen Leben, Tod und Auferstehung in der Liturgie am Altar gefeiert wird.

 

 

Zweite Grundsymbolik des Wormser Doms

 

Ich vermute, dass dieses Modell bereits den Vorgängerkirchen hier in Worms zu Grunde lag.

Eine zweite Symbolik zeigt die Verwobenheit des Glauben mit den Erfahrungen der Natur und des Kosmos. Abgesehen davon, dass die Kirche in einer Ost-West-Achse gebaut wurde, wodurch sich schon die kosmische Verankerung andeutet, wird der ganze Raum als Abbild des Kosmos verstanden. Wenn Sie den Raum auf sich wirken lassen, so hat er trotz aller Mächtigkeit und Wuchtigkeit eine schlichte, aber große Harmonie. Sie wird gewonnen, indem man das Maß der Vierungsfläche nimmt und mehrmals nach hinten und nach vorne fort-pflanzt. Die Säulen sind so gestellt, dass sie diese Fläche mehrmals wiederholen. Man ver-suchte, die Harmonie des Kosmos nachzuempfinden und nachzubilden, so dass der ganze Dom zu einer Abbreviatur des göttlichen Kosmos wird. Die Grundannahme war, dass die Welt nach bestimmten Baugesetzen geschaffen war, in denen sich die göttlichen Gesetze of-fenbaren. Wenn man diese Gesetze für die Architektur zugrunde legt, würde der Bau die Harmonie des Kosmos widerspiegeln. Schon Augustinus hat darüber in Anlehnung an Plato und Pytagoras lange Traktate geschrieben, hat Größen- und Zahlenverhältnisse interpretiert und in der Geometrie etwas Ewiges gesehen. Die irdische Welt unterscheidet sich nach dieser Vorstellung von der himmlischen also nicht durch ihre Konstruktionsprinzipien, sondern nur durch ihre Materialität. Die ewig gültigen Maße sind durch den Schöpfer der Materie eingeformt. Und die Architektur hat diese beim Kirchbau zu beachten. So wird gerade dieser Wormser Dom zu einem Abbild des himmlischen Kosmos. Über dem Kreuz, dem Grundriss der Kirche,  öffnet sich der himmlische Kosmos. Der Mensch erfährt sich als kosmisches Wesen, als ein Wesen, das darum weiss, dass es in seiner Einmaligkeit und Individualität in enger Beziehung zum göttlichen Kosmos steht, mit ihm verbunden ist, wenn er sich auf den "Boden des Kreuzes", auf Jesus Christus stellt.

 

Dritte Grundsymbolik des Wormser Doms

 

Eine dritte Grundsymbolik kommt hinzu, die die Romanik geprägt hat. Was passiert, wenn sich die Machtverhältnisse in Europa verlagern, wenn die Machtzentren von Rom nach Norden, nördlich der Alpen, wandern? Natürlich nehmen die Christen das Modell Basilika mit. Aber sie verbinden es mit einem neuen, im germanisch-gallischen Raum verankerten Denken. Basilika wird nach außen gebaut. Man erweitert sie mit Türmen. Sie erhält mächtige Westwerke. Hier in Worms werden die Vierungstürme, die Türme über Ost- und Westchor, flankiert von weiteren Türmen. Das Ganze bekommt so die Symbolik einer Burg. Und damit er-hält die Kirche hier eine Antwort auf eine weitere existentielle Grundfrage: Was gibt meinem Leben Sicherheit, was gibt ihm Geborgenheit? Der Dom verkündet sozusagen: Wenn du dich in diese Kirche einfügst, wenn du hier Platz nimmst, dann kannst du Geborgenheit und Sicherheit für dein Leben erfahren. Gleichzeitig kannst du dich ausrichten und auf den Weg machen nach vorne. Und genau so wird jetzt auch die Liturgie verstanden, die hier in diesem Raum gefeiert wird. Repräsentierte ursprünglich einmal der Priester als Vertreter Gottes auf Erden denjenigen, der Trost gibt, denjenigen, der für Recht und Gerechtigkeit steht, derjenigen, zu dem man nach vorne kommen kann, um sein Leben von ihm her ausrichten zu lassen, so betont jetzt das neue Verständnis den Priester als Repräsentant Gottes, der in der Liturgie wie einem Herzog gleich dem Volk voranzieht und es zum Sieg des Lebens führt. Deshalb hing hier am Triumphbogen, am Übergang von Schiff zum Altarraum, in der Kirche einmal ein Triumphkreuz herunter. Christus wird an diesem Kreuz nicht als der Leidensmann, sondern als der triumphierend Auferstandene dargestellt. Will heißen: Wenn du dem Priester als Vertreter Jesu Christi folgst, dann gelangst du in den Altarraum, in das himmlische Jerusalem, unterm Kreuz hindurch, den Triumphbogen durchschreitend, hin zum Ziel deines Lebens. Der Wormser Dom, ein Richtungsbau und eine Gottesburg, eine Antwort auf die existentiellen Fragen:

- Was gibt meinem Leben Geborgenheit?
- Was gibt meinem Leben Richtung, Perspektive, Ziel?
- Was macht mich zu einem kosmischen, zu einem endlich-unendlichen Wesen?

Ich möchte sie nun einladen, diesen Raum noch einmal auf sich wirken zulassen und wenn sie wollen, sich während der jetzt folgenden Musik selbst noch einmal zu fragen:

Woran richte ich mein Leben aus, was gibt meinem Leben eine sinnvolle Perspektive?
Was macht mein Himmel, mein Kosmos aus?
Auf welche Basis stelle ich mein Leben, was gibt mir Sicherheit ?

Orgelmusik

 

 

Westchor

 

Wir befinden uns jetzt in dem für mich schönsten romanischen Teil des Domes. Wenn wir von vorne nach hinten schauen, lässt sich hier die Entwicklung der Romanik ablesen. Vorne ist alles noch schlicht und wuchtig, nicht verziert, und je weiter wir nach hinten kommen, löst sich nach und nach die Wuchtigkeit auf und findet hier in der Ausgestaltung des Westchores ihren Abschluss und Höhepunkt. So schön dieser Ort ist, seine symbolische Deutung ist schwierig und keineswegs eindeutig. Die Doppelchörigkeit, Ostchor und Westchor, ist ein allein für die bedeutenden Kirchen der Romanik vorbehaltendes architektonisches Gestaltungsmittel. Wenn man der Deutung des 19. Jahrhunderts folgt, dann sind die beiden Chöre Symbole für die geistliche und weltliche Macht. Der Ostchor, der Ort der geistlichen Macht, der Westchor Ort der weltlichen Macht. Diese These ist unter Kunsthistorikern heute zwar umstritten, sie lässt sich nicht durch irgendwelche schriftlichen Zeugnisse aus dem Mittelalter belegen, doch ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht. Ob die Doppelchörigkeit schon beim zweiten Dom aus der Karolinerzeit und beim ersten Dom aus der Merowingerzeit vorhanden war, ist fraglich. Auf jeden Fall ist sie heute gegeben und Tatsache ist, dass der Westchor der Bestattungsort von Konrad dem Roten war, dem Großvater der Salier und Staufer. Beim Kampf mit den Ungern ist er 955 am Laurentiustag auf dem Lechfeld gefallen. Deshalb ist der Ostchor auch dem Hl. Laurentius geweiht. Oben an der Decke ist er abgebildet. Die Tatsache, dass man Konrad dem Roten hier in einem Hochgrab beilegte, könnte dafür sprechen, dass dies ein symbolischer Ort weltlicher Macht ist. Das würde auch dem Verständnis der damali-gen Zeit Rechnung tragen, wonach sowohl der weltliche wie der geistliche Herrscher, sprich Kaiser bzw. König einerseits und Bischof andererseits, als Verteidiger des Glaubens galten. Das ganze Mittelalter war zwar geprägt von der Auseinandersetzung darüber, wer die Vor-rangstellung in der Verteidigung des Glaubens einzunehmen hat, wer also letztlich Repräsentant Gottes auf Erden ist, aber an dem Grundsatz, dass sowohl Kaiser als auch Bischof bzw. die Kirche Verteidiger des Glaubens sind, hat man nicht gezweifelt. Die sogenannte Zwei-Schwerte-Lehre oder Zwei-Gewalten-Lehre war im Gottesstaat des Augustinus festgelegt. Auf ihn hat man sich bezogen. Außerdem gibt es außen am Dom nochmals die Verschrän-kung von weltlicher und geistiger Macht. Über dem ekklesialen Ostchor befindet sich der Reichsadler und über dem imperialen Westchor das Kreuz. Und schließlich hatte der Dom früher nur zwei Eingänge, nämlich der die Eingänge durchs Süd- und durchs Nordportal. Bei festlichen Einzügen konnte so der Kaiser bzw. König einerseits und der Bischof andererseits gleichzeitig einziehen und so ihre Gleich-Bedeutung unterstreichen. Wenn wir dieser symbolischen Erklärung folgen, dann bekäme auch das Volk seinen besonderen Platz, wie es der sozialen Ordnung und dem entsprechenden Verständnis des Mittelalters entsprach. Das Volk, das sich im Schiff einfügt, wird (symbolisch in diesem Bau dargestellt) beschützt und zu-sammengehalten von geistiger und weltlicher Macht. Die Gottesburg, die einerseits Abbild des himmlischen Kosmos ist, ist gleichzeitig das Bild für die gottgewollte soziale Ordnung. Wer dieses Gotteshaus betritt, kommt sozusagen in die himmlische Festung, findet für sein Leben Richtung und Sicherheit, die durch Kirche und Kaiser garantiert sind, wenn sie sich als Wahrer und Verteidiger des wahren Glaubens an Jesus Christus verstehen. Die gesellschaftliche Ordnung gedeutet im Licht des Glaubens als eine von Gott gewollte Ordnung! Der Mensch hat sich demutsvoll in diese Ordnung einzufügen, dann findet er Sicherheit und Richtung für sein Leben.

Eine andere Deutung für die Zweichörigkeit sind die zwei Patrozien. Das Patrozium des Hei-ligen Petrus einerseits und das Patrozium des Laurentius andererseits. Beiden Patronen will man einen Ort errichten. Von beiden Patronen geht der Schutz aus. Auch in dieser Symbolik gibt die Kirche eine Antwort auf die existentielle Grundfrage: Was gibt meinem Leben Sicherheit? Das Volk wird beschützt vom Segen der beiden Patrone Petrus und Laurentius. Mit ihnen geht es seinen Weg durchs Leben. Wir können in unserem Leben nach vorne schauen und nach vorne gehen, dorthin, wo uns der Sieg der Auferstehung verheißen ist, da uns einer den Rücken deckt, uns schützt, alle Feinde und alles Dunkel, alles Dämonische abwehrt von uns. Das Opfer, das am Altar des Hl. Laurentius gefeiert wird, hält uns den Rücken frei, damit wir weiter dem Ziel unseres Lebens in Sicherheit entgegen gehen können. Weil uns einer im Westen den Rücken freihält, können wir getrost nach Osten gehen.

Schließlich eine dritte symbolische Deutung, die sich auf den St. Gallener Dombauplan stützt. Dort gilt der Osten als Ort der Menschwertung Gottes. Im Osten geht die Sonne auf. Christus ist die neue Sonne der Gerechtigkeit. Deshalb setzen die Christen auch das Weihnachtsfest auf den ursprünglich höchsten römischen Feiertag, nämlich auf den Tag des unbesiegbaren Sonnengottes. Die Menschen machen die Erfahrung, dass die Tage nach dem 21. Juli immer mehr abnehmen, die Nacht immer mehr zunimmt, doch das Dunkel behält nicht seine Oberhand. Am 21. Dezember tritt die Wende ein. Das Fortschreiten des Dunkels wird zerbrochen. Von Osten her kommt immer mehr Licht. Das war das Fest der Römer, das Fest des unbesiegbaren Sonnengottes, des Sol invictus. Die Christen "taufen" dieses Fest und deuten es neu: Durch Christus, kommt das eigentliche Licht, er ist die eigentliche Sonne der Welt. Und der Westen ist im St. Gallener Dombauplan der Ort der Auferstehung, der Wiederkunft und des Gerichtes Gottes, im Westen, dort wo es Dunkel ist, im Westen, im Ort des Tobringenden, dort gibt es neue Hoffnung. Der Tod wird überwunden durch die Auferstehung, der Kreuzes-tod Christi war nicht Ende, sondern Anfang neuen Lebens. Am Kreuz hat sich der Himmel geöffnet, Christus ist auferstanden und ist uns den Weg in die himmlische Herrlichkeit vorausgegangen, in das Reich des unvergänglichen Lichtes zurückgekehrt.

Wenn wir dieses symbolische Verständnis nehmen, ist der Wormser Dom gleichsam ein Ewigkeitsraum und zugleich ein Raum der Geschichte, der Zeit. Der ewige Gott zeitigt sich. Der ewige Gott tritt an Weihnachten aus dem verborgenen Ursprung ein in die Welt und kehrt am Karfreitag bzw. an Ostern in den verborgenen Ursprung wieder zurück. Die Zeit wird durch diesen Gott von der Ewigkeit berührt. Der Mensch kann sich in diesem Raum als zeitlich, überzeitliches Wesen erfahren.

Welche Deutung auch immer die richtige sein mag, vielleicht haben alle drei Deutungen et-was für sich, sie zeigen jedenfalls, dass große Architektur nie nur reine Funktionsbauweise ist, sondern immer auch gebauter Sinn und gebaute Theologie. Sinn kommt vom intergermanischen "sinan" und heißt so viel wie "gehen" oder "schreiten". Sinti ist im Isländischen der Weggefährte, "sentire" heißt im Lateinischen "fühlen", "spüren". Sinnerfahrungen sind Ver-gewisserungserfahrungen im Unterwegssein, Erfahrungen, die man mit dem Herzen und mit dem Gefühl macht. Der Dom - ein Ort des Lebenssinns, der einlädt, sich auf den Weg zu ma-chen in der Gewissheit, Schutz und Geborgenheit in Gott zu haben, um dem Ziel des Lebens, der Ewigkeit entgegenzugehen.

Etwas von diesen Gedanken findet sich in einer kleinen Meditation von Andrea Schwarz, die zwar nicht auf den Dom hier in Worms hin geschrieben ist, die aber etwas von der Sinnhaftigkeit dieses Baues zum Ausdruck bringt.

Mensch, wo bist Du?
Wer bist Du?
Ausgespannt
Zwischen Himmel und Erde,
zwischen Dunkel und Licht,
zwischen Chaos und Ordnung,
zwischen Anfang und Ende,
zwischen Vergangenheit und Zukunft,
zwischen Verzweiflung und Hoffnung,
Trauer und Sehnsucht,
Grenze und Kraft,
Ausgespannt
in Raum und Zeit,
Kopf, Herz und Hand
im Kreuz vereint,
heiliges Land, heilige Zeit
ausgespannt,
im Innersten berührt,
Zusage,
Gewissheit,
als ein Abbild schuf er sie,
himmlisches Jerusalem
Wisst ihr nicht,
dass ihr ein Tempel Gottes seid,
auf Gott hin ausgerichtet,
der Welt verbunden
wird Leben geheiligt.



Südportal

 

Ein anders Lebensgefühl, das eine andere Generation in eine anderen Zeitepoche in diesem Gotteshaus hinterlassen hat, deutet sich hier über dem Südportal an. Gerade in der Gotik war es üblich, über dem Haupteingang, bei gotischen Kathedralen meist im Westen, ein sogenanntes Tympanon anzubringen. Vielfach sind darauf Weltgerichtszenen dargestellt. Hier ist es nicht eine Szene des Weltgerichts, aber auch eine himmlische Szene, nämlich die Krönung Mariens. Wenn wir die Bedeutung hier für den Wormser Dom erfassen wollen, müssen wir einen kleinen Exkurs in diese Zeit der Gotik, in die Veränderung des Lebensgefühls machen. War die Zeit der Romanik noch durch und durch von der Überzeugung geprägt, dass sich der Mensch demütig in die kosmische Ordnung einzufügen habe und dass die soziale Ordnung Teil dieser kosmisch-gottgewollten Ordnung sei, so wandelt sich diese Überzeugung in der Zeit der Gotik. Die zunehmende Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst, zwischen kirchlicher und weltlicher Macht, die vielfachen Kriege, die Zuspitzung des Investiturstreit, der hier in Worms durch das Wormser Konkordat 1122 beendet werden sollte, lassen die Menschen zweifeln, ob die weltliche Ordnung, wie sie sie erfahren, tatsächlich gottgewollt sein kann und Teil des himmlischen Kosmos ist. Zunehmend wird deshalb die Frage, wo ich Gott begegnen und für mein Leben Richtung gewinnen kann, neu beantwortet. Die Scholastik und mit ihr einhergehend die Mystik setzen zunehmend auf eine Begegnung Gottes in der Seele, im inneren Schauen. Gott wird immer weniger in der äußeren, der objektiven Ordnung festgemacht, sondern vielmehr in der inneren Schau. Wenn du in die Tiefe deiner Seele blickst, kannst du Gott begegnen, kannst du dein Herz mit Gott vereinen. Auf den Kirchbau, wir alle kennen es von den großen Kathedralen her, hat dies eminente Auswirkungen. Die Idee, die Kirche als Ort des Himmels auf Erden zu bauen, wird nicht aufgegeben. Die Vereinigung von Himmel und Erde wird jetzt aber neu gedeutet. Die großen Kathedralen werden in die Höhe gebaut und mit Fenstern versehen, die mystisches Licht einstrahlen lassen. Die Kirche wird zum mystischen Himmel auf Erden.

Wenn wir auf diesem Hintergrund, also auf dem Hintergrund des Lebensgefühls in der Zeit der Gotik, dieses Tympanon betrachten, erschließt sich sein Sinn. Schon am Eingang wird dem Besucher signalisiert: Wenn du diese Schwelle überschreitest, trittst du ein in den Him-mel. Dir ist das verheißen, was Maria schon vorweg erfahren hat. Dein Leben wird durch Gott gekrönt, du hast Anteil an der Auferstehung, an neuem, unbesiegbaren Leben. Diese Symbolik wurde noch dadurch unterstützt, dass früher hier eine große Schwelle war, die man überschreiten musste. Ursprünglich war ja das Gelände viel höher, so dass man gleichsam auf ei-ner heiligen Straße auf die Kirche zuging, und dann erinnerte die Schwelle, dass man jetzt in den Himmel, in das himmlische Jerusalem, eintritt. Die zu überschreitende Schwelle ist nicht mehr erkennbar. Der Barock hat die Schwelle weggenommen.

Das Südportal verrät noch mehr. Was ist Vorbedingung, was ist die rechte Haltung für den Eintritt in dieses Gotteshaus? Das wird dargestellt in Tugenden auf der rechten Seite, Caritas und Fides, Nächstenliebe und Glaube. Darunter die "negativen" Alternativen: Synagoge und Frau "Welt".
 
Auf der linken Seite sehen wir die vier Evangelisten. Das Evangelium gibt die Richtschnur für das Leben in der Tugend an. Umgeben ist das Tympanon mit zwei Archevolten, wobei im inneren Bogen Szenen aus dem Alten Testament, dem alten Bund, dargestellt sind. Im äußeren Bogen jeweils die dazu entsprechenden Szenen des Neuen Testaments, des neuen Bundes. So z.B. Gott Vater, der die Weltkugel in der Hand hält, der als Schöpfer der Welt hier dargestellt wird, und parallel dazu die Verkündigungsszene: Gabriel bei Maria, wo der Engel Maria verheißt: Du wirst den Gottes Sohn empfangen und gebären. Die alte grundlegende Schöpfung des Menschen und die Neuschöpfung durch Jesus Christus. Oder weiter oben der Brudermord durch Kain wird verglichen mit der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten, um der Verfolgung durch Herodes nicht anheim zu fallen. Oder auf der anderen Seite dargestellt Jona im Fisch und die entsprechende Szene aus dem Neuen Testament: Die Frauen am leeren Grab. Jona wurde von einem Fisch verschlugen, nach der Schilderung im Alten Testament und nach drei Tagen wieder lebendig ausgespieen. Ein Symbol für die Auferstehung Jesu Christi. Jesus wurde ins Grab gelegt. Aber dort blieb er nicht, er fand neues Leben bei Gott, nach drei Tagen ist er auferstanden: die Szene, die das Bild mit den staunenden Frauen am leeren Grab zeigt.

Oder nehmen Sie ein anderes Motiv: Die Himmelfahrt des Propheten Elija wird gleichgesetzt mit der Himmelfahrt Jesu.

In diesen Archevolten wird das Alte Testament auf der Basis des Neuen Testaments gedeutet, eine typisch mittelalterliche Schriftauslegung. Aber gleichzeitig wird in den beiden Archevol-ten angedeutet: der gesamte Verlauf der Geschichte ist eine Geschichte mit Gott. Wenn du also in diese Kirche eintrittst, wenn du die Schwelle zum Himmel überschreitest, dich an den Evangelien und Tugenden ausrichtest, dann fügst du dich in die gesamte Heilsgeschichte ein, die Gott mit seinem Volk geht. Die gesamte Geschichte ist Teil der Ewigkeit. Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, heißt es in der Bibel. Aus seiner Perspektive lässt sich die ganze Geschichte, wie in einem Punkt verdichtet, überschauen. Der Dom wir als Ewigkeitsraum gedeutet, der den gesamten Verlauf der Zeit gleichsam punktualisiert und in das Licht Gottes stellt.

Und die gesamte Darstellung über dem Südportal findet ihren Höhepunkt in dem Gegensatzpaar der Frau Welt und der personifizierten Ecclesia. Die Frau Welt als Luxuria, die auf ihre Macht setzt, die einen Adelsorden verleiht, die aber gleichzeitig, wie man von hinten sieht, von Gewürm und Maden angefressen wird. Der Gegensatz dazu oben: die personifizierte Ecclesia oder auch die Maria, reitend auf einem Fabelwesen, dessen Kopf und Beine die vier Symboltiere für die vier Evangelisten verkörpern Adler, Stier, Löwe, Engel. Der Besucher wird gleichsam schon beim Eintritt in diese Kirche mit der Frage konfrontiert: Womit hältst du es, mit der Frau Welt, die allein auf ihre Macht, auf Luxus, Ansehen setzt, oder gehst du auf dem Weg der Kirche, der Ecclesia, die sich vom Evangelium getragen weiß. Wenn du mit der Kirche gehst, dann ist dir das verheißen, was Maria bereits erfahren hat, nämlich die Auf-nahme in die himmlische Herrlichkeit, der Empfang der Himmelskrone. Und diese Himmelsschwelle darfst du jetzt überschreiten, vorauskostend darfst du in den Himmel, sprich: in dieses Gotteshaus, eintreten.


Nikolauskapelle mit Taufstein

 

Wo aber, wenn die Kirche als Raum den Himmel darstellt, zumindest den anfanghaften Himmel, wo erhält man die Eintrittskarte zum Himmel? Für Christen ist das die Taufe. In der Tau-fe beginnt die Beziehungsgeschichte mit Gott. Aus diesem Grund hat man hier in Worms, dem italienischen Vorbild folgend, früher ein eigenes Baptisterium vor der Kirche gebaut. Die Taufe als Eintrittskarte für den Himmel ist sozusagen symbolisch die Voraussetzung, um in die Kirche eintreten zu können. Man muss zuerst "eingeweiht" sein in das Geheimnis Christi, bevor man das himmlische Jerusalem betritt. Weil es kein Baptisterium mehr gibt, hat man diesen spätgotischen Taufstein hier in die Nikolauskapelle gestellt, was sehr sinnvoll ist. Denn Nikolaus ist u.a. der Patron der Schiffer und Seeleute. Er hat etwas mit dem Wasser zu tun. Überall, wo man größere Flüsse findet, findet man auch Nikolauskapellen oder Nikolauskirchen.

Das Wasser, das in der Taufe verwendet wird, setzt freilich einen anderen Akzent als das Wasser, das mit der Symbolik des Nikolaus verbunden wird. Wer getauft wird, kommt in den Strom der Lebens, in den Strom des Glücks, der Freiheit, der Gnade. Der Künstler hat es im Boden schön dargestellt in Anlehnung an die Geheime Offenbarung des Johannes. Man taucht ein in das Wasser des Lebens, man wird sozusagen entbunden aus dem Strom des Unheils, aus dem Strom missglückter Familiengeschichte, missglückter Geschichte des Volkes in den Strom derer, die auf dem Weg zur Erlösung sind.

Und man wird gereinigt. Dafür steht der Taufbrunnen. Wir werden befreit aus unserer Verhaftetheit in Sünde und Erlösungsbedürftigkeit. Wir werden herausgerufen in die Freiheit der Kinder Gottes, in die Freiheit derer, die sich als Kirche, als ekkalein, d.h. als Herausgerufene von Gott befreit wissen. Wasser also durchaus ein Symbol im doppelten Sinn: das Todbringende einerseits, wir kennen es von Überschwemmungen her, und Wasser als das Lebensspendende andererseits. Die Bibel sagt: Wir werden getauft auf Christi Tod und Auferstehung. Deshalb hat man früher bei der Taufe die Menschen untergetaucht. Untertauchen und Auftauchen - Erfahrung von Tod und Leben.

Getauft sein auf Tod und Leben Jesu Christi- das hat der Künstler sehr schön im Deckel dar-gestellt. Aus dem Lamm fließt das Blut mitten in das Kreuz. Das Lamm ist ein uraltes Zeichen für den gekreuzigten Jesus Christus. Das Paschamahl hat Christus als seinen Tod und seine Auferstehung gedeutet. Das Lamm, das am Paschamahl geschlachtet wird, ist in der Bibel Christus selbst. Auch er wird sozusagen am Kreuz geschlachtet. Die vier Füße des Lamms zur Eins zusammengebunden korrespondieren mit dem Geviert des Kreuzes, an dem der eine Christus, der eine Herr der Welt, kruzifiziert wird. Aber das Kreuz ist nicht Ende, sondern Beginn neuen Lebens, der Auferstehung. Das Blut des Lammes besprengt die Erde, den Deckel, der seinerseits als Kreuz gestaltet ist. Hinter allem Leid, hinter allen Barrieren, an denen wir immer wieder Scheitern, hinter allen Kreuzen, die wir zu tragen haben, leuchtet die Auferstehung auf, die uns durch das Blut Christi, durch seine Lebenshingabe geschenkt ist. Wir haben Anteil an Christi Tod und an Christi Auferstehung.

Und noch eine weitere Symbolik, sie kommt sehr gut in neuen Fenstern zum Ausdruck die das Herabkommen des Heiligen Geistes symbolisieren. Getauft wird man mit Wasser und Geist. Was heißt das? Wasser ist immer schon (auch) ein Zeichen für das Zeitliche. Wasser kann man anfassen, man kann seine Hände in Wasser tauchen, man kann es sehen, spüren, fühlen. Den Geist dagegen kann man nicht sehen, er ist der sinnlichen Wahrnehmung, jedenfalls der unmittelbaren, entzogen. Er steht für den himmlischen, den göttlichen Bereich. Die Fenster, die erst in unserer Zeit eingebaut worden sind, symbolisieren sozusagen das Herabkommen des Geistes. Also auch hier wieder in der Taufekapelle das schon bekannte Bild: der Himmel berührt die Erde. Wie werden mit Wasser, mit dem Zeitlichen, und mit dem Geist, mit dem Ewigen, das wie in diesen Fenstern von oben kommt, getauft. Wir sind endlich-unendliche Wesen.

Warum der Taufstein auf vier Löwen steht, ist unter Kunsthistorikern nicht definitiv geklärt. Sicher ist aber, dass die Löwen in allen Kulturen, selbst in der japanischen und in der chinesischen Kultur, in Mythen auftauchen und dabei einmal den Löwen als den König des Tierreiches, also als besonders mächtiges Tier, symbolisieren und andererseits seine todbringende Gewalt zum Ausdruck bringen. Beide Gedanken, die Macht des Löwen und die Bedrohlichkeit des Löwen haben Christen schon früh in ihre Symbolik schon mit übernommen und den Löwen teilweise in Beziehung zum Auferstehungsgeschehen gebracht. Der große Kirchenlehrer Origines schreibt, dass junge Löwen als ungeformte und leblose Wesen geboren werden. Erst am dritten Tage würden sie durch den Löwenvater angehaucht und so zum Leben erweckt. Durch das Ablecken des Löwenvaters würden sie zu geformten Tieren werden. Es ist durchaus möglich, dass man sich im Mittelalter an diese, wenn auch biologisch nicht richtige Beschreibung des Origines erinnerte und die Vorlage des Kirchenlehrers sozusagen die symbolische Deutung in Zusammenhang mit dem Taufgeschehen abgab. Wenn man der Origines-Darstellung folgt, verkörpern die Löwen hier am Taufstein das, was in der Taufe selbst geschieht. Wie die Löwen am dritten Tage vom Löwenvater zum Leben erweckt werden, so ist Christus von Gott Vater am dritten Tag aus dem Grab auferweckt in das neue Leben der Auferstehung. Durch die Taufe erhalten wir Anteil an dieser Auferstehung Jesu Christi.

Welche Figuren in diesem gotischen Taufbecken dargestellt sind, ist leider schwer auszuma-chen. Die Namen auf den Spruchbändern sind leider nicht mehr lesbar. Vermutlich wird aber eine dieser Figuren Johannes der Täufer gewesen sein. Denn Jesus selbst ist in den Jordan hinabgestiegen und hat sich von Johannes taufen lassen. Er hat sich eingereiht in die große Zahl der Menschen, die zu Johannes am Jordan gekommen sind. Wenn also er sich taufen lässt, wenn er hinabsteigt in das Wasser, heißt dies: er wird Mensch, er solidarisiert sich mit diesen Menschen, er geht ein in das Zeitliche. Bei seiner Taufe hat sich aber der Himmel geöffnet, der Geist kam in Gestalt einer Taube auf ihn herab, heißt es in der Bibel. Und dieser Geist spricht: "Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe." Jesus Christus selbst steht in enger Beziehung mit dem Vater, dem Ewigen, er ist der Gott, der aus der Ewigkeit und in Solidarität zu den Menschen hinabsteigt in das Zeitliche, wobei er sich in Verbindung mit dem Vater, dem Ewigen, weiß.

Diese Gedanken hat Johann Sebastian Bach in einer Musik zum Ausdruck zu bringen ver-sucht. In dem lutherischen Katechismus-Choral zur Taufe, der überschrieben ist "Christus, unser Herr, zum Jordan kam" sind die Symboliken des Wasser angedeutet. Man hört das Wasser gleichsam sprudeln. Vielleicht lassen sie bei dieser Musik noch einmal die Gedanken zur Taufe nachwirken, vielleicht denken sie auch nur einmal darüber nach, was sie mit der Taufe verbinden, ob auch Sie sich die Beziehung mit Jesus Christus, die in der Taufe angeboten wird, gönnen wollen.

Orgelmusik


Ägidien- bzw. Marienkapelle

 

Als letztes Zeugnis aus der gotischen Epoche, das wir bei dieser Führung betrachten wollen, ist dieses Marienbild. Es ist zwar erst viel später, lange nach der Gotik hierher gekommen, also nicht für den Wormser Dom eigens geschaffen worden, aber es stammt aus gotischer Zeit. Als der Dom 1689 niederbrannte, ist ja fast nichts mehr übriggeblieben. So war es not-wendig, ihn wieder nach und nach auch mit Kunstwerken aus anderen Kirchen zu füllen. Ob-wohl Maria mehrmals in diesem Dom zu finden ist, wir haben sie schon im Tympanon über dem Eingang gesehen, sie befindet sich in der Nikolauskapelle, wir sehen sie, wenn wir auf den Hochaltar blicken, so ist doch hier der Ort, wo die Menschen Maria in besonderer Weise verehren. Sie kommen vor Maria, entzünden hier ihre Kerzen, rufen Sie als Trösterin oder Fürsprecherin bei Gott an. Hierher kommen die Gläubigen, um im Bild Marias ihre eigene Lebensgeschichte gegenzulesen, ihr eigenes Leid, das sie mit Maria teilen, oder auch ihre Freude, und ihre Hoffnung, wenn sie auf Maria als die gekrönte Frau, wie sie hier dargestellt ist, blicken.

Wer ist denn eigentlich Maria? Die zwei Hauptkomponenten des christlichen Marienglaubens sind hier in dieser Marienfigur symbolisch angedeutet. Maria steht auf einer Mondsichel. Der Mond ist wie die Erde ein Gestirn, das sein Licht nicht aus sich selbst hat, sondern woanders her, von der Sonne, empfängt. Das ist die eine Symbolik: Maria als Empfangende, Maria Empfängnis feiern die Katholiken als Fest am 08. Dezember. Und die andere Seite, Maria die Gekrönte, die Himmelskönigin. Deshalb die Krone auf dem Haupt.

Um was geht es? Letztlich geht es um die Frage: Was macht das Menschsein aus? Maria wird von den Christen als Urbild der Kirche und als Urbild des Menschen gesehen. Sie ist die Gottesmutter, die Mater, wie es lateinisch heißt. Und was macht das Urbild des Menschseins aus? Das erzählt die Mondsichel. Maria ist die Empfangende, sie ist die conceptio immaculata, wie es in der Glaubenslehre der katholischen Kirche heißt. "Conceptio immaculata" heißt wörtlich übersetzt "reine Empfängnis". Besser verständlich wird es, wenn wir "conceptio immaculata" etwas freier übersetzen als "reines, unverfälschtes Konzept des Menschseins", als "unver-fälschtes Konzept der Endlichkeit". Sie ist die Mater, die Materie in personaler Gestalt. Und was macht dieses unverfälschte Konzept des Menschseins aus? Es ist die Bereitschaft des Empfangens. Maria ist die ganz und gar Empfangende, diejenige, die nicht sich selbst zum Gott macht, die nicht allein auf ihr Können und ihre Fähigkeiten setzt, sondern die um ihre radikal endliche Begrenztheit weiß und sich vom Geist überschatten lässt, wie es in der Bibel heißt, die ihre Größe dadurch erhält, dass sie offen ist für das Empfangen, dass sie bereit ist, sich von Gott her beschenken zu lassen. In sofern ist sie ganz und gar jungfräulich oder in einem guten Sinn "gott-los", d.h. frei von allen selbstgemachten Göttern, weil sie nicht sich selbst oder irgendwelche Götzen dieser Welt zum Gott erhebt, sondern sich für den einen Gott im Himmel und sein Vorhaben empfänglich hält. Und durch diese Bereitschaft bringt sie die höchste Frucht der Erde hervor, den Sohn Gottes. Anders ausgedrückt: Maria auf der Mondsi-chel stellt an uns die Frage: Was macht für dich das Menschsein aus? Glaubst du, das Lebens-glück aus eigener Kraft schaffen zu müssen? Setzt du auf deine eigene Fähigkeit, auf dein eigenes Können und auf die Mächte dieser Welt, oder lässt du dir das Lebensglück schenken. Die Antwort von Maria auf der Mondsichel ist: Sei nicht zu stolz, dich beschenken zu lassen. Öffne dich für Gottes Geist und für den Weg, den er dir weist. Das ist die christliche Interpretation des reinen und unverfälschten Menschseins, personifiziert in der Gestalt Mariens.

Und was ist diesem Ja zum Empfangen und den Sich-beschenken-Lassen für eine Zukunft vorausgesagt? Die Antwort gibt die Krone auf ihrem Haupt. Sie wird mit Leib und Seele - so formuliert es das Dogma von 1950 -, d.h. sie wird mit ihrer gesamten Lebensgeschichte, mit ihrem Leid und ihre Freude, mit ihrem Scheitern und mit dem, was sie geleistet hat, von Gott mit der ganz neuen Wirklichkeit des Himmels beschenkt. Sie erhält die Krone des Himmels. Und was Gott an Maria wahrgemacht hat, das ist allen Getauften zugesagt, ja sogar der Menschheit als ganzes. Der Mensch muss nicht aus eigener Kraft das Paradies schaffen. Er kann darauf vertrauen, dass Gott es ihm schenkt. Und am Ende der Zeiten wird die Geschichte der Menschheit in eine ganz neue Geschichte, in die Wirklichkeit Gottes übergeführt.

Auf diesem Hintergrund verstehen Sie jetzt vielleicht besser, warum es ganz gleichgültig ist, ob wir am Südportal die Gestalt auf dem Tetramorph als Kirche, als Ecclesia, oder als Maria deuten. Maria ist das Urbild der Kirche, und die Kirche ist nicht anderes als die Ecclesia, d.h. die Gemeinschaft derer, die sich, wie im Bild Mariens als dem Urbild dargestellt, von Gott zum wahren Menschsein herausrufen und von ihm her mit der neuen Wirklichkeit beschenken lassen.

So gesehen ist auch verständlich, warum die Menschen gerade hierher kommen, um vor dem Bild Mariens ihr eigenes Leben gegenzulesen, um bei ihr neuen Trost zu suchen und sich vor ihrem Bild her immer wieder zusagen lassen: Wer sich nicht stolz ist, sich von Gott beschenken zu lassen, der darf auf eine neues Leben, auf ein Leben in der Wirklichkeit Gottes hoffen, trotz und jenseits allen Leids und aller Ungerechtigkeit in dieser Welt.
Ich möchte Ihnen jetzt Gelegenheit geben, vor Maria eine Kerze anzuzünden und wenn Sie wollen, die Anliegen, die Ihnen am Herzen liegen, vor sie zu bringen. Sie können auch ein-fach nur einen Moment innehalten.

Zum Abschluss an dieser Station lade ich Sie ein, in den uralten Mariengruß des Salve Regina einzustimmen.


Altarraum

 

Treten wir nun ein in den engeren Bereich des Himmels, wenn wir in der Symbolsprache dieser Kirche bleiben,  nämlich in den Altarraum, das von einer neuen Zeitepoche, dem Barock und dessen Lebensgefühl erzählt. Doch bevor wir diesen heiligen Bezirk betreten, bitte ich Sie, in den vorderen Bänken kurz Platz zu nehmen.

Der Altarraum ist in dieser Kirche, nicht erst seit dem Barock, aber durch den Barock noch einmal besonders, hervorgehoben als heiliger Bezirk. Wenn wir uns in die Zeit des 12. bis etwas 15. Jahrhundert zurückversetzen, dann hätten wir in diesem Raum überhaupt keinen Einblick. Denn damals wurde der Altarraum vom Volksraum, also vom Schiff der Kirche durch einen sogenannten Lettner, einem bühnenartigen Aufbau getrennt. Dies geschah hier in Worms sowohl vor dem Ost- als auch vor dem Westchor. Der Lettner, das Lektorium, die Bühne, von der aus die Lesungen und andere Proklamationen vorgenommen wurden, auch Choralgesänge, war so etwas wie eine westliche Ikonostase. Im Byzantinischen ist ja die Ikonenwand, die sogenannte Ikonostase, d.h. die Wand zwischen Volks- und Altarbereich seit alter Zeit üblich. Die Ikonen werden dort gleichsam als Fenster zur anderen Welt angesehen. Man lässt sich aus der anderen Welt anschauen und wird dadurch verwandelt. Wie diese Idee nach Europa kam, weiß man nicht genau. Vieles spricht aber dafür, dass die byzantinische Ikonostase als Vorbild für die westliche Form des Lettners gedient hat. Auffallend ist, dass es Lettner im Allgemeinen nur im großfränkischen Bereich in Europa gibt, natürlich mit der Ausstrahlung in die Länder, die sich das karolinische System zum Vorbild genommen haben. Zum Beispiel England. Es gibt die Vermutung, dass Karl der Große sich in Byzanz aufgehalten hat und dort um die Hand einer Frau anhalten wollte, und durch diesen Aufenthalt an der Ikonostase Gefallen gefunden hat. Über diesen Besuch könnte es zum Errichten von Lettnern gekommen sein, die normalerweise in der Zeit zwischen den 12. Und 14. Jahrhundert nur in Stifts- und Klosterkirchen, selten in kleineren Pfarrkirchen gefunden werden. Die Idee, die hinter dem Lettner steckt, ist Überzeugung der Christen, die bis zum heutigen Tag gilt, dass in der Feier der Liturgie Gott selbst gegenwärtig ist und handelt. Wenn also Gott der eigentlich Handelnde in der Liturgie ist, dann ist für ihren Vollzug das, was das Volk tut, keine Voraussetzung. Das eigentliche Geheimnis vollzieht der Priester als Repräsentant Gottes im heiligen Raum. Was dort passiert, kann der Mensch nur ahnen. Das Geheimnis ist so groß, dass es der Mensch nur im Glauben erfassen kann. Die Achtung vor diesem Geheimnis - so die Lettner-idee - gebietet es, einen heiligen Raum zu schaffen, in dem die eigentliche Liturgie vollzogen wird, und einen zweiten Raum, in dem die Menschen beten, Gott loben und preisen, in der Gewissheit, dass er in der Feier der Liturgie selbst anwesend ist und sein Heil vollzieht. 

Wenn im Schiff ebenfalls Liturgie gefeiert wird am sogenannten Kreuzaltar auf der dem Volk zugewandten Seite, ist es jedenfalls die viel einfachere Volksliturgie. Man unterschied im Mittelalter sehr scharf zwischen Kleriker-Liturgie, der eigentlichen Liturgie, und der Volksliturgie, die in diesem Sinne fromme Übung war, für den Vollzug des Heils durch Jesus Christus aber nicht notwendig. Der Lettner entspringt sozusagen der Idee, der Größe Gottes Rechnung zu tragen, in Demut ihm Platz zu lassen, darum wissend, dass wir seine Größe und das was in der Liturgie gefeiert wird, mit unserem Verstand allein ohnehin nie fassen können. Unter diesem Aspekt wird also in dieser Sicht Gott vor allem als der Ferne, als der Unbegreifliche, als der Geheimnisvolle, als der Heilige betont.

Die andere Seite, die wir heute hervorheben und die ebenfalls von Anfang an zum christlichen Glauben gehört, ist die Idee, dass Gott den Menschen nahe ist, so nahe, dass er selbst Mensch geworden ist, dass er sich mit den Menschen sogar identifiziert hat und von sich sagen konnte: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan." Christentum ist der Versuch, die Spannung auszuhalten zwischen Gott als dem ganz Fernen und Gott dem ganz Nahen. Insofern ist das Christentum im Prinzip eine Kritik an dem von der Aufklärung formulierten und bis heute nachwirkenden Vernunft-Glauben. Die Auf-klärung und die in ihrem Gefolge im 19. Jahrhundert aufkeimende Religionskritik sind angetreten, den Himmel zu entleeren. Man will den Menschen von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung führen und erklärt als Mittel dazu, der Mensch müsse von religiösen Weltbildern befreit werden. Wenn der Mensch nur auf seine eigene Vernunft setze, könne er das Lebensglück, gleichsam den Himmel auf Erden, selbst schaffen. D.h. die Moderne nimmt den christlichen Gedanken der Menschwerdung Gottes radikal ernst, verlagert das Jenseits ins Diesseits - wir können es an den vielen Erlebniswelten heute ablesen. Die Erlebniswelten sind sozusagen der Versuch, den Himmel hier auf Erden zu schaffen. Die Moderne vergisst dabei aber, was dem Christentum eigen ist, dass es das Eingehen Gottes in die Welt an Weihnachten immer in einer Spannung zu Unverfügbarkeit Gottes, d.h. zu seiner Rückkehr in den verborgenen Ursprung an Ostern, sieht. Die Lettner-Idee hat mehr den Gott als den ganz Anderen betont, die Moderne betont den Gott hier in der Welt und das Christentum versucht in der Spannung eine Balance zwischen beiden zu finden. Ich lade Sie nun ein, in diesen heiligen Raum zu treten.

 

Im Altarraum

 

Der Altarraum in seiner heutigen Gestalt verdankt seine Ausgestaltung keinem Geringeren als Balthasar Neumann, dem großen Barockbaumeister. Nach dem großen Dombrand von 1689 ist von der Innenausstattung des Domes fast nichts mehr übrig geblieben. So war es denn auch notwendig, den Chorraum neu zu gestalten. Das tat man mit den im Barock üblichen Mitteln.

Wenn man den Barock verstehen will, so muss man sich vor Augen halten, dass er nördlich der Alpen relativ bald nach dem 30-jährigen Krieg eingesetzt hat. Gerade in einer Zeit, in der die Erfahrung von Leid und Tod lebendig war, haben die Menschen gespürt, dass nicht nur das Elend zum Leben gehört. Das Leben hat auch eine andere Seite. Zum Leben gehört auch der Himmel. Man setzt also die Idee, die schon dem romanischen Dom zugrunde lag, die in der Gotik weitergeführt wurde, fort, allerdings mit anderen Gestaltungsmittel. Der Himmel soll auf die Erde heruntergebaut werden. Alles wird prunkvoll gestaltet. Für Gott und seinen Himmel kann nichts prunkvoll und großartig genug sein. Der Altar verliert zunehmend seine Bedeutung als Tisch des Abendmahls und wird zum Thron für den Tabernakel, für den im dort aufbewahrten eucharistischen Brot gegenwärtig geglaubten Gott. Und die Barockkirchen werden als ganzes zu einem himmlischen Thronsaal gestaltet. Soweit ist man hier in Worms nicht gegangen. Die Decke des Schiffs hat man beispielsweise nicht barockisiert, sondern die alten Gewölbe weitgehend wiederhergestellt. Ob das aus Respekt vor dem Raum oder aus finanziellen Zwängen geschah, weiß man nicht. Tatsache ist jedoch, dass man sich mit der typisch barocken Gestaltung weitgehend auf den Altarraum beschränkt hat.

Hier soll nichts an Prunk fehlen. Und der Altar selbst als Thron Gottes kann nicht prachtvoll genug gestaltet sein. Er soll die Blicke auf sich ziehen. Und so wie das eucharistische Brot im Tabernakel in einem sogenannten Ziborium, d.h. in einem Kelch mit Deckel, aufbewahrt wird, wird hier der ganze Altar zu einem großen Ziborium. Deshalb die Krone über Altar und Tabernakel. Interessant ist, dass links und rechts neben dem Tabernakel und den beiden Engeln nicht nur Petrus, der Patron dieser Kirche, dargestellt ist, sondern auch Paulus. Petrus und Paulus, die beiden Säulen, auf denen die Kirche steht, die beiden Apostel, deren Fest die Kirche als gemeinsames Fest am 29. Juni feiert. Interessant dabei ist, dass der Barock bei der Gestaltung dieser beiden Figuren die Wirklichkeit nicht einfach beschönigt, die beiden Apostel glorifiziert, sondern Petrus, den ersten "Papst", in so zeigt, dass er vom Tabernakel wegschaut. Warum? Das verrät der Hahn. Noch bei letzten Abendmahl hat Jesus vorhergesagt, dass ihn einer in dieser Nacht verraten wird. Dies werde geschehen, bevor der Hahn kräht. Petrus wehrt ab, er werde den Herrn nicht verraten. Bei der Gefangennahme Jesu ist es Petrus, der den Soldaten sagt, er kenne Jesus nicht. Kurz darauf kräht der Hahn. Deshalb die Darstellung hier in Abwendung des Gesichtes vom Tabernakel. Anders Paulus. Er hat nach diesem Bild bereits den Wandel vom Saulus zum Paulus, d. h . vom Christenverfolger zum großen Christusbekenner und Missionar, der das Evangelium in die Welt hinausträgt, hinter sich. Er blickt auf den Tabernakel, dem Aufbewahrungsort der konsekrierten Hostien, des Leibes Christi. Damit wird auch deutlich, welche Spannbreite die Kirche ausmacht. Sünder und Heilige haben bei Christus Patz. Sein Nachfolge- und Erlösungsangebot gilt allen, nicht nur einer auserwählten Elite und kleinen Schar.

Die Liturgie selbst wird im Barock als himmlisches Schauspiel gesehen. Sie ist sozusagen die Inszenierung der Lebens, Sterbens und der Auferstehung Christi und der nicht endenden Herrlichkeit im himmlischen Jerusalem. Das Altarbild ist das Bühnenbild, der Chorraum wird, um eine größere Bühne zu erhalten, nach vorne in das Schiff hinein erweitert, und das Chorgestühl ist der Sitz der 24 Ältesten im himmlischen Jerusalem. In der geheimen Offenbarung des Johannes wird das himmlische Jerusalem ausführlich beschrieben, und dort heißt es in 4,4: "Und rings um den Thron standen vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste in weißen Gewändern und mit goldenen Kränzen auf dem Haupt." Dass man barocker Übertreibung folgend nicht nur in Form des Chorgestühls 24 Throne für die Ältesten errichtet, sondern gleich zweimal 24 Throne, stört nicht. Das himmlische Jerusalem kann man sich nicht herrlich genug vorstellen. Und dass zu einem heiligen Theater Zuschauer gehören, ist ebenfalls selbstverständlich. Sie nehmen im Schiff Platz. Mit dem Vollzug der Liturgie selbst haben sie nichts zu tun. Schauspieler sind andere und der Hauptdarsteller ist der Priester, der Jesus Christus repräsentiert.

Was ebenfalls zum heiligen Schauspiel gehört, ist die großartige Musik, deshalb die Darstellung der Musikinstrumente auf dem Chorgestühl. Die Musik verkündet die Herrlichkeit Gottes, sie leiht dem Unaussprechlichen, dem gegenwärtigen Gott, eine Sprache und sie verkündet gemeinsam mit der Predigt, die ihren Platz auf der Kanzel hat, die Größe dessen, was uns Menschen einmal erwartet, wenn wir die Schwelle vom Zeitlichen ins Überzeitliche endgültig überschreiten. Dass der Barock die Kanzel, den Ort der Verkündigung des Evangeliums, nicht auf der heiligen Bühne, sondern im Kirchenschiff einen Platz eingeräumt hat, hat rein praktische Gründe. Von dort ist die Akustik, um verstanden zu werden, günstiger. Was aber bleibt, ist die symbolische Aussage: Alles zur Ehre Gottes, das Wort und die Musik.
Lassen Sie mich noch einen letzten Gedanken entfalten. Heute wird nicht mehr am Hochaltar die Heilige Messe gefeiert, sondern am neu hinzugekommen Zelebrationsaltar. Er führt uns wieder in die Anfänge dieses Baus, dieses Doms, und gleichzeitig in die aller ersten Anfänge des Christentums zurück. In die Anfänge des Christentum, weil der Altar jetzt wieder als Holzaltar an einen Tisch erinnert und die Mahlgemeinschaft betont, so wie es am Beginn des Christentums der Fall war, als man sich um die Tische in den Privathäusern versammelt hat. Und er führt uns in die Anfänge des Baus dieser Kirche zurück, weil er wieder annähernd dort steht, wo ursprünglich einmal der Altar wohl gestanden ist, nämlich unter dem Ostchorturm. Und gerade an diesem Ort taucht noch einmal eine ganz eigene und vielsagende Symbolik auf. Zum einen weist der Turm nach oben, dem Himmel entgegen. Was Christen in der Eucharistie am Altar feiern, ist ein himmlisches Geschehen. Zum anderen geht er vom Quadrat in ein Octagon über. Die Vier war in der mittelalterlichen Zahlensymbolik immer schon die Zahl, die für das Endliche, für das Zeitliche steht. Sie erinnert an die vier Jahreszeiten, sie erinnert an die vier Himmelsrichtungen, sie erinnert an die vier Kontinente, die im Altertum bekannt waren. Und die Acht steht seit jeher für den Bereich des Unendlichen und Ewigen. Noch heute wird die Unendlichkeit in der Mathematik durch eine querliegende Acht dargestellt. Die Acht ist die Zahl jenseits der Sieben. Sieben setzt sich zusammen aus der Drei und der Vier. Drei ist in der christlichen Zahlensymbolik der göttliche Bereich. Sie steht für den dreifaltigen Gott. Vier ist die Zahl der Endlichkeit. Drei und vier ergibt die Sieben, die Har-monie zwischen göttlichem und endlichem Bereich, den Bereich der Schöpfung. In sieben Tagen hat Gott die Welt geschaffen. Und die Acht ist die Zahl der Neuschöpfung, die Zahl jenseits der Sieben, der neuen Wirklichkeit, der Ewigkeit. Wenn Sie also nach oben blicken in den Turm, der zum Himmel weist, so erzählt er von dem, was am Altar gefeiert wird. Die Ewigkeit berührt die Zeit. Der ewige Gott bricht ein in unsere Zeit. Den Himmel müssen wir nicht aus eigener Kraft in der Endlichkeit schaffen, er kommt uns von oben her zu. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, die am Altar gefeiert werden, öffnet sich immer wie-der von neuem dieser Himmel. Die Antwort für dieses Geschenk Gottes ist der Dank. Eucharistie heißt Danksagung. In der Eucharistie danken Christen dafür, dass Jesus Christus uns durch seinen Tod und seine Auferstehung das Tor zur neuen Wirklichkeit in der Ewigkeit geöffnet hat. Der Altar wird sozusagen zum Grenzstein zwischen Himmel und Erde.

Gerade dieser Einbruch der Ewigkeit in die Zeit und die Antwort des Menschen im Dank hat die Orgelmusik immer wieder als Motiv aufgegriffen. Lauschen wir ihren Tönen.

 

Musik

 

Wir sind an den Abschluss der Führung gekommen. Nur einen Teil der Elemente, die der Wormser Dom uns vor Augen stellt, haben wir uns betrachtet. Aber ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass dieses Gotteshaus nicht nur ein kulturell wertvolles Denkmal ist, sondern auch eine mit architektonischen und künstlerischen Mitteln gestaltete öffentliche Proklamation des christlichen Glauben. So unterschiedlich die einzelnen Generationen und Epochen diesen Glauben auch zum Ausdruck gebracht haben, immer war es der Versuch, den Dom als eine Stück Himmel auf Erden zur Entfaltung zu bringen und dem Menschen auf seine Grundfrage nach dem Ziel des Lebens, die hoffnungsvolle Zusage zu geben, dass er dann, wenn er sein Leben auf Jesus Christus setzt, einmal in eine neue, nicht von ihm herzustellende Wirklichkeit gelangen wird, deren Größer er hier auf Erden anfanghaft erfahren, in ihrer Vollendung aber nur erahnen kann. Herr Zerfaß wird nun die Führung mit einem Postludium beschließen. Ich wünsche Ihnen noch einen guten und erholsamen Samstagnachmittag und hoffe, dass Sie mit den einen oder anderen Gedanken mit nehmen und sich an ihn wieder erinnern, wenn Sie dieses großartige Gotteshaus betreten.

 

Wolfgang Fischer