Gotteslästerung? Umgang mit Blasphemien heute

 

Blasphemie in der modernen Gesellschaft zwischen Kunst und Kitsch, Satire und Entgleisung, Aggression und Verteidigung

Mainzer Perspektiven: Orientierungen 3
Mainz 1996, ISSN 0947-692X
107 Seiten mit 14 Abbildungen (broschiert)
1,00 EUR
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Der Mainzer Religionssoziologe Gerhard Schmied und der Stuttgarter Theologe und Journalist Wolfgang Wunden beleuchten Hintergründe und Motive des Mißbrauchs von Religion und erwägen Möglichkeiten eines kritischen Umgangs.

Inhalt

Barbara Nichtweiß
Zur Einführung

Gerhard Schmied
"Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren"
Blasphemie und anderer Mißbrauch der Religion in der modernen Gesellschaft

1. Vorspann

2. Kulturgeschichtliche Reminiszenzen und begriffliche Abgrenzungen

 

  • a) Archaische Gesellschaft: Tabu und Magie
  • b) Das antike Griechenland: Numinoses, Hybris, Häresie, Atheismus und Religionskritik
  • c) Gotteslästerung in Judentum und Christentum
  • d) Der gegenwärtige Umgang mit Blasphemie

 

 

3. Ebenen der Blasphemie und des Mißbrauchs von Religion

 

  • a) Gegenstände und Ausdrucksformen der Blasphemie
  • b) Grade blaphemischer Verfehlung: Hader mit Gott, Fluch, Witz, Gebet und Meineid
  • c) Ehrfurcht und Skrupel
  • d) Öffentliche und private Blasphemie
  • e) Kirchlich gebundene Blasphemie

 

 

 

4. Aktuelle Diskussionen um Blasphemie

 

  • a) Blasphemische Inszenierungen in der Alltagswelt
  • b) Blasphemien in der Literatur
  • c) Blasphemien in Theater und Film
  • d) Blasphemien in Kabarett und bildlichen Darstellungen
  • e) Blasphemien in der Werbung

 

Exkurs: Kirchenvertreter und moderne Kunst

5. Zur Bedeutung der Blasphemie und des Gotteslästerungsparagraphen in der Gegenwart

6. Blasphemien im Privatraum

7. Gründe für den Bedeutungsverlust der Blasphemie

8. Okkultismus

9. Neue Heiligtümer - neue Blasphemien

 

  • a) Individuum und Sozialstaat
  • b) Natur und Umwelt

 

10. Schluß

 

Wolfgang Wunden
Blasphemie: Ärgernisse als Herausforderung der Christen

 

1. Blasphemie: ein Ärgernis

2. Was den Provokateur zur Blasphemie treibt

3. Konflikte um religiöse Symbole in der Mediengesellschaft

4. Kommunizieren heißt auch: Öffentlich streiten können

5. Christen im Streit mit den Götzen der Zeit

 

Zu diesem Buch

Das Thema der Blasphemie ist in der Gegenwart ein Problem, von dem sich viele religiöse Menschen tief betroffen fühlen. Es entzündet sich immer wieder neu an unterschiedlichen Erscheinungen des öffentlichen Lebens: Film-, Theater- und Kabarettaufführungen mit dreisten Elementen religiöser Satire, respektlos-süffisante journalistische Berichterstattung, Werbebotschaften mit verfremdeten Motiven aus der christlichen Glaubenswelt, politische Demonstrationen vor kontrastiv gesetztem kirchlichem Hintergrund, provokative Darstellungen der bildenden Künste und der Literatur oder auch "nur" gedanken- und geschmacklose Schaufensterdekorationen mit religiösen Symbolen. Viele Christen haben das Gefühl, daß ihr Glaube und die Kirche, zu der sie gehören, immer mehr zur mißbräuchlichen Verwendung freigegeben werden, während anderen Glaubensgemeinschaften viel größerer Respekt entgegengebracht wird oder diese sich zumindest gegen respektlose Übergriffe entschiedener wehren.

Im Gegensatz zu dieser Fülle von einzelnen Konflikten wird das Problem von antichristlichen und antikirchlichen Blaphemien in der Gegenwart jedoch kaum auf breiter Ebene öffentlich diskutiert: In den Medien werden diese immer wieder aufflammenden Konflikte meistens nur im lokalen Bereich sporadisch reflektiert, und auch aus den Reihen der akademischen Theologie oder der kirchlichen Publizistik werden nur wenige grundsätzliche Überlegungen und Gesprächsbeiträge zum Umgang mit diesen Äußerungen des Zeitgeistes beigesteuert. Im kirchlichen Bereich hat sich vielfach Unsicherheit breit gemacht, ob und wie auf diese Verlegungen religiösen Empfindens zu reagieren sei: durch private Proteste von einzelnen Gläubigen, Beanstandungen seitens zuständiger Gremien und Kommissionen gegenüber den Verantwortlichen in Politik, Kultur und Medien, durch massive öffentliche Mißbilligungen seitens der Kirchenleitungen oder im Gegenteil durch den Verzicht auf einen Protest, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit uaf die jeweiligen blasphemischen Äußerungen und Veranstaltungen zu lenken. Klugheit oder Resignation? Eine generelles, immer und überall anwendbares Rezept für die Entgegnung auf Verunglimpfungen oder herausfordernde Verfremdungen des christlichen Glaubens sowie kirchlicher Personen oder Kultgegenstände gibt es nicht, kann es auch nicht geben. In jedem Einzelfall müssen Nutzen und Nachteil der möglichen Reaktionen abgewogen werden, kommen andere Werte der gegenwärtigen Gesellschaft wie freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit ins Gehege, spielen persönliche Geschmacksurteile und unterschiedliche Standpunkte auch innerhalb der kirchlichen Glaubensgemeinschaft mit hinein.

Ein allzu kasuistischer, das heißt nur von Fall zu Fall entscheidender Umgang mit öffentlichen Äußerungen, die das religiöse Empfinden vieler verletzen, befriedigt auf Dauer jedoch nicht. Denn ganz abgesehen davon, daß es den Christen - und nicht nur ihnen - seit jeher ins Stammbuch geschrieben ist, sich für die Ehre Gottes einzusetzen und Angriffen auf ihren Glauben entgegenzutreten, ist die zunehmende Enttabuisierung von christlichen Glaubensinhalten, sakralen Symbolen und Elementen ein aussagekräftiger Indikator für die gegenwärtige Stellung des Christentums in unserer Gesellschaft. An Zahl und Form von als blasphemisch empfundenen Phänomenen, aber auch an der Art des Protestes wie an dessen (Un-)Wirksamkeit läßt sich ablesen, ob und wieweit Christentum und Kirche hier und heute noch gesellschaftlich und kulturell formende und konsensbildende Kraft haben.

Vor diesem Hintergrund bleiben die hier vorgelegten Analysen und Erörterungen von Prof. Dr. Gerhard Schmied, Akademischer Direktor am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und Dr. theol. Wolfgang Wunden, Leiter des Referats "Planung und Koordination Hörfunk" beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, nicht im Binnenbereich von Theologie und Kirche stehen, sondern nehmen das Phänomen der Blasphemie im größeren Zusammenhang gesellschaftlicher Normen und Handlungsweisen in den Blick. Sie machen deutlich, wie komplex es mit seinen verwandten Spielarten ist und schon immer war. Bei aller zunächst gebotenen Objektivität und Differenziertheit religionssoziologischer Analysen vertreten die Autoren jedoch jeweils auch einen persönlichen Standpunkt in der Deutung gegenwärtiger Erscheinungsformen von Blasphemie und der Frage nach Konsequenzen für ein christlich motiviertes Handeln hier und jetzt.

Ihre Darlegungen mögen darum allen, die sich vom oft respektlosen oder bewußt verletzenden Umgang mit Christentum und Kirche betroffen fühlen, Kriterien zur Beurteilung einzelner Fälle an die Hand geben, das Verständnis für die historischen, gesellschaftlichen und theologischen Hintergründe des Auftretens von Blasphemien erleichtern, aber auch Mut zum entschiedenen Zeugnis für den eigenen Glaubens machen, ohne deshalb für eigene Gefährdungen blind zu werden. Es geht bei diesem Einsatz nicht nur um die Unversehrtheit des Glaubens als solche, sondern auch über die Grenzen der eigenen Glaubensüberzeugung hinaus um die Achtung vor dem unverfügbaren Woher des Menschen und darum auch um den Respekt voreinander, ohne die keine Gesellschaft auf Dauer auskommt: "Die Gottesfurcht führt zum Leben" (Spr 19,23).

Wir danken seitens des Bistums Mainz den Autoren, daß sie ihre Beiträge für diese Publikation zur Verfügung gestellt bzw. eigens dafür erarbeitet haben.

Dr. Barbara Nichtweiß

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