Sturm im Muggelglas - Wiederaufnahme der Diskussion !

10 Argumente für Harry Potter - 2005

Vielleicht war es ja einer der Zaubersprüche aus Hogwarts, der dieses Wunder bewirkte: Kinder und Jugendliche, die sonst nicht lesen, kämpfen sich freiwillig durch umfangreiche Bücher. Jeder neue Band der Harry-Potter-Reihe entfacht wieder ein Lesefieber ohne Beispiel in der Geschichte der Jugendliteratur. Die Startauflage des englischen Originals allein hätte ausgereicht, um mehrere Güterzüge zu füllen und das mittlerweile sprichwörtlich gewordene Gleis 9 ¾ im Londoner Bahnhof King´s Cross tagelang zu überlasten.

Dieser Erfolg ist nicht wenigen Erwachsenen unheimlich geworden. „Harry Potter ist ... ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur“ schrieb Gabriele Kuby im renommierten Rheinischen Merkur (20.11.03). Allzu bereitwillig nimmt die Öffentlichkeit diese und ähnliche Warnungen ernst und wärmt sie angesichts des gerade erschienenen sechsten Bandes wieder auf. Irgendwie kann es ja bei diesem Massenphänomen nicht mit rechten Dingen zugehen. Hier folgen deshalb Argumente für Harry Potter, gedacht als Beitrag, dem Mythos des gefährlichen Buches entgegenzuwirken und die Diskussion auf ein nüchternes Fundament zurückzuholen:

  1. Harry Potter ist ein heilsamer Schock für alle Medienpessimisten, die vom Ende des Buchzeitalters überzeugt sind. Auch wenn Lesen und Lesen-Lernen sehr viel mühsamer ist als auf die Fernbedienung des Fernsehers zu drücken, ist die Möglichkeit, bei einer Erzählung den eigenen Phantasiebildern zu begegnen, offensichtlich durch nichts zu ersetzen. Kinder brauchen Bücher, die sie selbst lesen oder aus denen ihnen vorgelesen wird. Zum Menschsein gehört das Erzählen.
  2. Harry Potter zeigt die Macht der Leserinnen und Leser. Sie waren es, die das Buch entdeckten, auf den Schulhöfen weiter empfohlen haben und Eltern bedrängten, das Buch einer bis dahin völlig unbekannten englischen Autorin zu kaufen. Weder der Verlag noch die Buchfachleute trauten ihr einen Erfolg zu. Als sich dann der Erfolg abzeichnete und die Filmbranche davon profitieren wollte, waren die Leser wieder stärker: Weder Verfilmung noch Fan-Artikel brachten einen den Büchern vergleichbaren Erfolg. Wenn in der Nacht zum 1. Oktober 2006 die Leserinnen und Leser in den Buchhandlungen ihren neuen Band in Händen halten, werden sie wieder einfach davonziehen. Hexen, Zauberer, Kulissen, magische Büffets, all diese Verkaufsgags sind dann nicht mehr interessant. Sie wollen lesen, lesen, lesen ...
  3. Harry Potter stellt die Gewissheit der Erwachsenen in Frage, was denn unter guter Kinder- und Jugendliteratur zu verstehen sei. „Gebt uns Zunder“ formulierte Monika Osberghaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.6.2003) als Botschaft an die Autoren. „Kitsch, Blut, Herz und Horror, Tumult und Tränen, lasst es ruhig knallen! Dabei könnt ihr gerne dick auftragen. Gebt uns aber auch genug zu lachen; das können wir übrigens nur, wenn zwischendurch auch mal Häme und Niedertracht erlaubt sind. Seid doch nicht so zimperlich korrekt und prüde. Vor allen Dingen: Lest euch erst mal selber satt, bevor ihr anfangt, etwas für uns zu schreiben. Lest die Klassiker, nicht nur die der Kinderliteratur, füttert euch mit dem Besten, was man durch Bücher erleben kann, und wenn ihr euch dann zum Schreiben hinsetzt, tut es auch zur eigenen Freude.“
  4. Harry Potter ist kein modernes Märchen. In ihrer Hilflosigkeit, mit den in Details durchaus nicht harmlosen Büchern umzugehen, haben manche Kritiker den Vergleich zu Märchen gezogen. Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied. In einem Märchen ist Gut und Böse personifiziert, es gibt also gute und böse Menschen oder Mächte. Rowlings Umgang mit diesem Thema mutet den Lesern dagegen ein differenziertes Menschenbild zu. Es gibt bei ihr dunkle und helle Seiten in jedem Menschen. Er reift heran, wenn er seine guten Seiten entfaltet und seine dunklen Seiten bewältigt und integriert. Einzigartig ist die Idee, das Internat Hogwart mit vier verschiedenen Häusern auszustatten, von denen eines, nämlich Slytherin, jene Schüler aufnimmt, deren dunkle Anlagen besonders hervortreten. Auch wenn wir es gerne anders hätten: In jedem Menschen gibt es Gut und Böse, ist Rowlings Botschaft. „Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute will“ sagt Paulus im Römerbrief (7,21)...
  5. Bei Harry Potter entsteht das Böse, wenn jemand versucht, Macht über andere auszuüben und seine Lebenskraft auszusaugen. Bereits im ersten Band lässt Rowling Quirrell, einen Adepten Voldemorts, über Gut und Böse philosophieren: „Ich traf ihn (Voldemort) bei meiner Reise um die Welt. Damals war ich noch ein einfältiger junger Mann, mit dem Kopf voll lächerlicher Vorstellungen über Gut und Böse. Lord Voldemort hat mir gezeigt, wie falsch ich dachte. Es gibt kein Gut und Böse, es gibt nur Macht und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben...“.  Das Böse als Folge des Machtstrebens – dieser Gedanke dürfte die Weltsicht vieler Kinder auf diesem Planeten nur allzu genau treffen und vielen Erwachsenen nicht passen.
  6. Harry Potter hat eine politische Dimension. Rowling schärft den Blick ihrer Leserinnen und Leser für die janusköpfige Seite aller gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Sie mögen aus der besten Absicht heraus geschaffen worden sein. Das Handeln der Mächtigen muss hinterfragbar und kritisierbar bleiben. Kann es eine bessere Demokratieerziehung geben, als Kinder und Jugendliche an diesen Gedanken heranzuführen?
  7. Harry Potter wird die Diskussion, was denn Kindern „zumutbar“ ist, neu beleben. Noch immer gibt es nämlich Erwachsene, die ihre Kinder so lange wie möglich vor den Realitäten dieser Welt behüten wollen. Märchen gelten als zu grausam, in Büchern zur Erstkommunion soll bitte nicht von der Kreuzigung die Rede sein und es sollte nicht zu viele „Problembücher“ geben. Wissen diese Erwachsenen, welchen Bildern ihre Kinder tagtäglich in den Medien ausgesetzt sind und welche Grausamkeiten die Gespräche bereits im Kindergarten zu Tage bringen? Kinder brauchen die Begegnung mit den Schrecken dieser Welt, damit sie Strategien zur ihrer Überwindung entwickeln können. Erwachsene sind als Begleiter bei diesem Reifeprozess gefordert. Nicht die Bewahrung ist Ziel einer gelungenen Erziehung, sondern die Bewältigung.
  8. Harry Potter lässt neuen Zweifel am Sinn von Altersempfehlungen entstehen. Jostein Gaarders „Sofies Welt“ lasen Kinder und Erwachsenen gleichermaßen - und jeweils anders. Und in so mancher Biografie großer Denker findet sich als Jugenderinnerung das heimliche Stöbern im Bücherschrank der Eltern. Fernsehbilder dringen von außen ein, Lesebilder entstehen dagegen aus der Phantasie und Lebenserfahrung des Lesers. Man sollte diesem natürlichen Filter vertrauen. Wenn Erwachsene sich an manchen besonders wilden Szenen in den Harry-Potter-Bänden verschlucken, dann wäre es an der Zeit, dass sie mit ihren Kindern das Gespräch suchen. Vielleicht können die ihnen helfen.
  9. Harry Potter entlarvt Magiegläubige. So seltsam es sich anhören mag, gerade in der Kritik an Harry Potter offenbaren sich manche Erwachsene als magiegläubig. Die unermüdliche Harry-Potter-Bekämpferin formuliert: „Damit dringen also Kräfte in unsere Gesellschaft ein, die das Christentum einst überwunden hat“. Man muss sich einen solchen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Offensichtlich ist die Autorin von der Existenz dunkler Mächte überzeugt, die göttlichen Charakter haben. Sie und viele andere erkennen nicht die allegorische, bild- oder symbolhafte Dimension eines Textes. Heute ist es Harry Potter, vor zwanzig Jahren war es einmal Preusslers Kleine Hexe, durch die Kinder angeblich an Schwarze Künste herangeführt werden sollten. Mit derselben Berechtigung könnte man die halbe Weltliteratur angreifen, angefangen bei Goethes Faust. Man darf sich fragen, woher das Gefühl der Bedrohung bei jenen Menschen kommt. Der katholische Religionspädagoge Helmut Jaschke sprach einmal von „Dunklen Gottesbildern“ (Dunkle Gottesbilder. Freiburg 1992). Also eher ein Fall für den Therapeuten als für die Literaturwissenschaft?
  10. Vielleicht ist die Harry-Potter-Welle mit dem Erfolg von Karl May zu vergleichen. Auch dieser Autor hat ganze Generationen geprägt und seine Texte wurden wegen des ungeheuren Erfolgs kritisch beäugt. Lediglich die Medieninszenierung fehlte damals, mit der heute jeder neue Harry-Potter-Band dem Publikum präsentiert wird. Auch Karl May sprach seinen Lesern aus der Seele, lieferte Unterhaltung, Spannung und einen nicht geringen Teil mystischer Weltsicht. Vielleicht werden angehende Literaturwissenschaftler einmal in ihren Doktorarbeiten untersuchen, inwieweit die heile Welt der Indianer der Zaubererwelt bei Harry Potter entspricht – und die Welt der Weißen jener der Muggel. Es ist die Sehnsucht nach einer besseren Gegenwelt, die Karl-May-Leser früher und Harry-Potter-Leser heute antreibt. Kann man es unseren Kindern verdenken, dass sie empfänglich dafür sind?

Und doch: Wir sind noch nicht am Ende der Harry-Potter-Reihe angelangt. Die Autorin hat sieben Bände versprochen, sechs sind bisher erschienen. Harry wird älter und seine Leserinnen und Leser wachsen mit. Auch das ist ungewöhnlich. Normalerweise wiederholt eine Reihe sich ständig in Leseanspruch und zentralen Motiven. Hier wächst der Anspruch von Band zu Band. Viele Spuren sind angelegt, warten aber noch auf die Ausführung. Die Kritik nimmt den sechsten Band bisher nur verhalten auf, denn die Aufgabe, die komplexen Handlungsfäden weiter miteinander schlüssig zu verbinden, scheint nicht zur vollen Überzeugung gelungen zu sein. Doch wir sollten abwarten und ein abschließendes literarisches Urteil erst nach dem siebten Band fällen -

und bis dahin eifrige und vergnügte Leserinnen und Leser sein, die sich nicht irritieren lassen.

Horst Patenge
Diplom-Theologe
Leiter der Büchereifachstelle Mainz


Rezensionen zu den Harry-Potter-Bänden finden Sie zum Beispiel beim Borromäusverein. Link zum Borromäusverein...

Der Text der "Zehn Argumente - Sturm im Muggelglas" hier zum Download (pdf, 37 KB)

 

 

Harry Potter Bd 7 Heiligtümer des Todes
Cover Harry Potter Bd 6 Halbblutprinz


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