Sturm im Muggelglas.

10 Argumente für Harry Potter - 2003

Vielleicht war es ja einer der Zaubersprüche aus Hogwarts, der dieses Wunder bewirkte: Kinder und Jugendliche, die sonst nicht lesen, kämpfen sich freiwillig durch ein Tausend-Seiten-Buch. Mit dem neuen Band 5 der Harry-Potter-Reihe brennt nun schon seit 6 Jahren weltweit ein Lesefieber ohne Beispiel in der Geschichte der Jugendliteratur. Allein die 13 Millionen starke Startauflage des englischen Originals hätte ausgereicht, um mehrere Güterzüge zu füllen und das mittlerweile sprichwörtlich gewordene Gleis 9 ¾ im Londoner Bahnhof King´s Cross tagelang zu überlasten.

Jane K. Rowling sei Dank! Wir wissen jetzt, dass auch heutige Kinder vom gedruckten Wort in Bann geschlagen werden können, Eltern, Pommes frites und Fernseher stehen lassen, wenn sie denn das richtige Buch in die Hände bekommen haben.

Dieser Erfolg ist nicht wenigen Erwachsenen unheimlich geworden. "Harry Potter ist ... ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur" schrieb Gabriele Kuby im renommierten Rheinischen Merkur (20.11.03). Und die Süddeutsche Zeitung zitiert das Münchener Stadtjugendamt mit dem Urteil "kein Kinderbuch" und vergisst dabei zu erwähnen, dass es sich um eine Altersempfehlung, nicht um ein literarisches Urteil handeln sollte.

Allzu bereitwillig nimmt die Öffentlichkeit diese und ähnliche Warnungen ernst. Irgendwie kann es ja bei diesem Massenphänomen nicht mit rechten Dingen zu gehen. Hier folgen deshalb Argumente für Harry Potter, gedacht als Beitrag, dem Mythos des gefährlichen Buches entgegenzuwirken und die Diskussion auf ein nüchternes Fundament zurückzuholen:

  1. Harry Potter ist ein heilsamer Schock für alle Medienpessimisten, die vom Ende des Buchzeitalters überzeugt sind. Auch wenn Lesen und Lesen lernen sehr viel mühsamer ist als auf die Fernbedienung des Fernsehers zu drücken, ist die Möglichkeit bei einer Erzählung den eigenen Phantasiebildern zu begegnen offensichtlich durch nichts zu ersetzen. Kinder brauchen Bücher, die sie selbst lesen oder aus denen ihnen vorgelesen wird. Zum Menschsein gehört das Erzählen.

     

  2. Harry Potter zeigt die Macht der Leserinnen und Leser. Sie waren es die das Buch entdeckten, auf den Schulhöfen weiter empfohlen haben und Eltern bedrängten das Buch einer bis dahin völlig unbekannten englischen Autorin zu kaufen, der weder der Verlag, noch die Buchfachleute einen Erfolg zugetraut hatten. Als sich dann der Erfolg abzeichnete und die Filmbranche davon profitieren wollte, waren die Leser wieder stärker: weder Verfilmung, noch Fan-Artikel brachten einen vergleichbaren Erfolg. Sobald in der Nacht vom 7. auf 8. November die Kinder in den Buchhandlungen ihren neuen Band in Händen hatten, zogen sie davon. Hexen, Zauberer, Kulissen, magische Büffets, alles war plötzlich nicht mehr interessant. Sie wollten lesen, lesen lesen...

     

  3. Harry Potter stellt die Gewissheit der Erwachsenen in Frage, was denn unter guter Kinder- und Jugendliteratur zu verstehen ist. "Gebt uns Zunder" formulierte Monika Osberghaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.6.2003) als Botschaft an die Autoren. "Kitsch, Blut, Herz und Horror, Tumult und Tränen, laßt es ruhig knallen! Dabei könnt ihr gerne dick auftragen. Gebt uns aber auch genug zu lachen; das können wir übrigens nur, wenn zwischendurch auch mal Häme und Niedertracht erlaubt sind. Seid doch nicht so zimperlich korrekt und prüde. Vor allen Dingen: Lest euch erst mal selber satt, bevor ihr anfangt, etwas für uns zu schreiben. Lest die Klassiker, nicht nur die der Kinderliteratur, füttert euch mit dem Besten, was man durch Bücher erleben kann, und wenn ihr euch dann zum Schreiben hinsetzt, tut es auch zur eigenen Freude".

     

  4. Harry Potter ist kein modernes Märchen. In ihrer Hilflosigkeit, mit den in Details durchaus nicht harmlosen Büchern umzugehen, haben manche Kritiker den Vergleich zu Märchen gezogen. Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied. In einem Märchen ist Gut und Böse personifiziert, es gibt also gute und böse Menschen oder Mächte. "Harry Potter" ist differenzierter. Bereits im ersten Band begegnet uns Prof. Snape als dunkler Gegenspieler von Harry und entlarvt sich am Ende als Lehrer, der ihn vor Angriffen Voldemorts retten wollte. Im neuen, dem fünften Band, begegnet Harry selbst seinen dunklen Seiten. Nein, Rowlings Umgang mit diesem Thema mutet den Lesern ein Menschenbild zu, das in der Kinderliteratur sehr selten ist. Es gibt dunkle und helle Seiten in jedem Menschen. Er reift heran, wenn er seine guten Seiten entfaltet und seine dunklen Seiten bewältigt und integriert. Einzigartig ist auch die Idee, das Internat Hogwart mit vier verschiedenen Häusern auszustatten, von denen eines, nämlich Slytherin, jene Schüler aufnimmt, deren dunkle Anlagen besonders hervortreten. Auch wenn wir es gerne anders hätten: in jedem Menschen gibt es Gut und Böse, ist Rowlings Botschaft. "Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute will" sagt Paulus im Römerbrief (7,21)...

     

  5. Bei Harry Potter entsteht das Böse, wenn jemand versucht, Macht über andere auszuüben und seine Lebenskraft auszusaugen. Bereits im ersten Band lässt Rowling Quirrell, einen Adepten Voldemorts, über Gut und Böse philosophieren: "Ich traf ihn (Voldemort) bei meiner Reise um die Welt. Damals war ich noch ein einfältiger junger Mann, mit dem Kopf voll lächerlicher Vorstellungen über Gut und Böse. Lord Voldemort hat mir gezeigt, wie falsch ich dachte. Es gibt kein Gut und Böse, es gibt nur Macht und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben...". Deshalb heißen die Anhänger Voldemorts auch "Todesesser", und die Dementoren, die unheimlichen Wächter von Askaban, ernähren sich von den Hoffnungen ihrer Häftlinge. Voldemort braucht Blut um wieder zum Leben zurück zu finden. Das Böse als Folge des Machtstrebens - dieser Gedanke dürfte die Weltsicht vieler Kinder auf diesem Planeten nur allzu genau treffen und vielen Erwachsenen nicht passen.

     

  6. Harry Potter hat eine politische Dimension. Machthungrige schließen sich zusammen und bilden wie im Zaubereiministerium eine undurchschaubare Institution. Sie beschneidet Lebensmöglichkeiten, obwohl sie doch gerade zum Schutz der Muggel und Zauberer gedacht ist. Rowling schärft den Blick ihrer Leserinnen und Leser für die janusköpfige Seite aller gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Sie mögen aus der besten Absicht heraus geschaffen worden sein. Ihr Handeln muß hinterfragbar und kritisierbar bleiben. Kann es eine bessere Demokratieerziehung geben, als Kinder und Jugendliche an diesen Gedanken heranzuführen?

     

  7. Harry Potter wird die Diskussion, was denn Kindern "zumutbar" ist, neu beleben. Noch immer gibt es nämlich Erwachsene, die ihre Kindern so lange wie möglich vor den Realitäten dieser Welt behüten wollen. Märchen gelten als zu grausam, in Büchern zur Erstkommunion soll bitte nicht von der Kreuzigung die Rede sein und es sollte nicht zu viele "Problembücher" geben. Wissen diese Erwachsene, welchen Bildern ihre Kinder tagtäglich in den Medien ausgesetzt sind und welche Grausamkeiten die Gespräche bereits im Kindergarten zu Tage bringen? Nein, nicht die Bewahrung ist Ziel einer gelungenen Erziehung, sondern die Bewältigung. Kinder brauchen die Begegnung mit den Schrecken dieser Welt, damit sie Strategien zur ihrer Überwindung entwickeln können. In diesem Sinne ist auch die Empfehlung des Münchner Jugendamts zu verstehen und sie gilt nicht nur für Harry Potter, sondern für den gesamten Alltag: Bleibt im Gespräch, damit Ängste zu Worten werden können.

     

  8. Harry Potter lässt neuen Zweifel am Sinn von Altersempfehlungen entstehen. Jostein Gaarders "Sofies Welt" lasen Kinder und Erwachsene gleichermaßen - und jeweils anders. Und in so mancher Biografie großer Denker findet sich als Jugenderinnerung das heimliche Stöbern im Bücherschrank der Eltern. Fernsehbilder dringen von außen ein, Lesebilder entstehen dagegen aus der Phantasie und Lebenserfahrung des Lesers. Man sollte diesem natürlichen Filter vertrauen. Wenn Erwachsene sich an manchen besonders wilden Szenen in Harry Potter 5 verschlucken, dann wäre es an der Zeit, dass sie mit ihren Kindern das Gespräch suchen. Vielleicht können die ihnen helfen.

     

  9. Harry Potter entlarvt Magiegläubige. So seltsam es sich anhören mag, gerade in der Kritik an Harry Potter offenbaren sich manche Erwachsene als magiegläubig. Während kein Fall bekannt ist, in dem ein kindlicher Harry-Potter-Leser versuchte, seinen Lehrer zu verhexen, schreibt die bereits erwähnte Gabriele Kuby in dem erwähnten Artikel: "Damit dringen also Kräfte in unsere Gesellschaft ein, die das Christentum einst überwunden hat". Man muß sich einen solchen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Offensichtlich ist die Autorin von der Existenz dunkler Mächte überzeugt, die göttlichen Charakter haben. Sie und viele andere erkennen nicht die allegorische, bild- oder symbolhafte Dimension eines Textes. Hier ist es Harry Potter, vor zwanzig Jahren war es einmal Preusslers Kleine Hexe, durch die Kinder angeblich an Schwarze Künste herangeführt werden sollten. Mit derselben Berechtigung könnte man die halbe Weltliteratur angreifen, angefangen bei Goethes Faust. Man darf sich fragen, woher das Gefühl der Bedrohung bei jenen Menschen kommt. Der katholische Religionspädagoge Helmut Jaschke sprach einmal von "Dunklen Gottesbildern" (Dunkle Gottesbilder. Freiburg 1992) Also eher ein Fall für den Therapeuten als für die Literaturwissenschaft?

     

  10. Vielleicht ist die Harry-Potter-Welle mit dem Erfolg von Karl May zu vergleichen. Auch dieser Autor hat ganze Generationen geprägt und seine Texte wurden wegen des ungeheuren Erfolgs kritisch beäugt. Lediglich die Medieninszenierung fehlte damals, mit der heute jeder neue Harry-Potter-Band dem Publikum präsentiert wird. Auch Karl May sprach seinen Lesern aus der Seele, lieferte Unterhaltung, Spannung und einen nicht geringen Teil mystischer Weltsicht. Vielleicht werden angehende Literaturwissenschaftler einmal in ihren Doktorarbeiten untersuchen, inwieweit die heile Welt der Indianer der Zaubererwelt bei Harry Potter entspricht - und die Welt der Weißen jener der Muggel. Es ist die Sehnsucht nach einer besseren Gegenwelt, die Karl-May-Leser früher und Harry-Potter-Leser heute antreibt. Kann man es unseren Kindern verdenken, dass sie empfänglich dafür sind?

Und doch: Wir sind noch nicht am Ende der Harry-Potter-Reihe angelegt. Die Autorin hat sieben Bände versprochen, fünf sind bisher erschienen. Harry wird älter und seine Leserinnen und Leser wachsen mit. Auch das ist ungewöhnlich. Normalerweise wiederholt eine Reihe sich ständig in Leseanspruch und zentralen Motiven. Hier wächst der Anspruch von Band zu Band. Vielleicht haben wir es eher mit einem Entwicklungsroman in Fortsetzungen zu tun. Viele Spuren sind angelegt, warten aber noch auf die Ausführung. Doch wir sollten abwarten und ein abschließendes literarisches Urteil erst nach dem siebten Band fällen.

Und bis dahin eifrige und vergnügte Leserinnen und Leser sein, die sich nicht irritieren lassen.

Horst Patenge
Diplom-Theologe
Leiter der Büchereifachstelle Mainz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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