Sonntag - woher und wohin?
Vortrag beim Karlsruher Foyer Kirche und Recht zum Thema „Sonntag wozu?" am 15. April 2008 im Dekanatszentrum Karlsruhe
I. „Stirbt der Sonntag am Wochenende?"
Vor einigen Jahren fassten die Vereinten Nationen den Beschluss, künftig nicht mehr den Sonntag, sondern den Montag als den ersten Tag der Woche anzusehen. Als ein Institut der Meinungsforschung vor einiger Zeit nach der Wichtigkeit der Zehn Gebote fragte, kam das Dritte Gebot „Du sollst den Tag des Herrn heilig halten" auf den letzten Platz. Nur ein Drittel der Befragten wollte es noch für heute gelten lassen. Den Sonntag als solchen wollen die allermeisten heftig verteidigen.
Es ist nicht sehr viel mehr als 100 Jahre her, dass durch ein allgemeines Beschäftigungsverbot die Sonn- und Feiertage arbeitsfrei wurden und die Sechs-Tage-Woche zur Einführung kam. Dies war ein Segen für die Menschen, die nun Zeit zur Erholung und zur Entdeckung ihrer Begabungen, zur tieferen Gemeinschaft der Familie und auch zum regelmäßigeren Gottesdienst fanden. Der Sonntag war wesentlich durch den Kirchgang, also das Zusammenkommen der Gemeinde zum gemeinsamen Gottesdienst, bestimmt. Inzwischen ist die Freizeit erheblich ausgeweitet worden und umfasst in unseren westlichen Gesellschaften den Samstag und den Sonntag. Das „Wochenende" bietet so viel Freizeit wie an den Arbeitstagen zusammen. Es ist mehr und mehr die Freizeit des Einzelnen geworden; auch die Mitfeier des sonntäglichen Gottesdienstes wurde zum nur noch privaten Entschluss. Das „Miteinander" schrumpft zusammen. Dies gilt auch in räumlicher Hinsicht: Arbeit und Wohnen, Familie und Freizeit rücken meist auseinander. Die freie Zeit vertreibt man, indem man das riesige Angebot der Freizeitindustrie nützt, das freilich auf seine Weise neue Abhängigkeiten und unaufhörlichen Stress erzeugen kann.
„Stirbt der Sonntag am Wochenende?" Treffend hat so einer die Not des Sonntags in unserer Gesellschaft gekennzeichnet. Die Krise ist also tief und rührt an die Fundamente des Menschlichen.
II. Der Sonntag als Auferstehungstag des Herrn
Die ersten Christen waren der Überzeugung, dass man ohne Sonntag nicht leben könne.[1] Die Zeit der Woche und das ganze Leben bekommen von hier Richtung und Maß. So heißt es in einer sehr frühen christlichen Schrift um 100 nach Christus: „Am Herrentag des Herrn aber versammelt euch, brecht das Brot und feiert die Eucharistie, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habt, damit euer Opfer rein sei. Es soll aber keiner, der mit seinem Nächsten Streit hat, sich mit euch versammeln, bis sie sich ausgesöhnt haben, damit euer Opfer nicht entweiht werde." (Didache 14,1-2).[2] Der Ursprung des Sonntags weist auf die Auferweckung Jesu Christi zurück, die den Jüngern in den Erscheinungen des auferstandenen Herrn zur Gewissheit brachte, dass er lebt. Wahrscheinlich knüpfte man bei der Ausbildung des „Herrentages" (vgl. Offb 1,10) - wie er bald heißt - an die Mahlgemeinschaften des auferweckten Herrn mit seinen Jüngern an (vgl. Lk 24,28-43; Joh 20,19-26), in denen die Anfänge der Feier des eucharistischen „Herrenmahles" (1 Kor 11,20) nach Ostern zu sehen sind. „Herrentag" und „Herrenmahl" gehören von Anfang an eng zusammen.[3]
Der Sonntag verdankt seinen Ursprung der Auferstehung Jesu Christi. Jeder Sonntag ist eine Art wöchentlicher Osterfeier. Jede Feier des Sonntags ist ein lebendiges Gedächtnis und Bekenntnis der Auferstehung.[4] Die Christen versammeln sich um ihren Herrn und legen gemeinsam Zeugnis davon ab, dass Jesus Christus lebt. Er ist nicht im Tod geblieben, wie er auch nicht für sich gelebt hat, vielmehr hat er sein Leben in reinster Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters im Himmel für alle Menschen hingegeben, die Sündenlast der Welt auf sich genommen und so für uns alle neue Gerechtigkeit und unzerstörbares Leben erworben. Seither schenkt Gott in Jesus Christus den Menschen, die an ihn glauben, eine solche „Hoffnung gegen alle Hoffnung" und die Kraft einer Liebe, die stärker ist als der Tod.
Jeder Sonntag erinnert die Christen an diese Zuwendung Gottes zur Welt. Diese Botschaft erreicht nicht zuerst und allein den Einzelnen, sondern Jesus Christus ruft die oft ängstlichen, versprengten Jünger aus ihrer Vereinzelung zusammen und schenkt ihnen einen neuen Raum des Miteinanders, der Hoffnung und der Liebe. Jeden Sonntag hört die christliche Gemeinde den ermutigenden Ruf Jesu Christi wie am Auferstehungstag: „Der Friede sei mit euch!" (vgl. Lk 24,36; Joh 20,19) Das Mahl, in dem er sich selbst in den Gaben von Brot und Wein den Seinen leibhaftig schenkt, schafft die neue Gemeinschaft der Kirche. Gemeinschaft des Gottesdienstes, des alltäglichen Lebens, der Liebe zum Nächsten und auch der Kultur gehören zusammen und durchdringen sich. So werden die Christen an jedem Ort, auch wenn sie eine kleine Gemeinde sind, „Salz der Erde" und „Licht der Welt" (Mt 5,13.14). Darum gehört zu ihnen auch, gerade am Sonntag, das eucharistische Mahl „in Freude und Einfalt des Herzens" (Apg 2,46).
So kann man verstehen, warum Christen von Anfang an Menschen des Sonntags sind. Das „Sonntagsgebot",[5] das aus dem Blickwinkel purer Pflicht nur einen dürftigen Hinweis auf diese reiche Wirklichkeit des christlichen Sonntags leisten kann, ist wie eine Krücke, die den säumigen Jünger an seine erste große Liebe erinnern möchte. Schon immer gab es freilich den Abstand zwischen diesem hohen Anspruch und der Wirklichkeit der Sonntagsheiligung. Die Kirchenväter ermuntern von Anfang an die Mitchristen, fleißiger am Gottesdienst teilzunehmen und rügen auch später den schlechten Kirchenbesuch. Nicht selten ist man in der Geschichte der Kirche der Versuchung erlegen, die äußere Verpflichtung des Sonntagsgebotes und die Autorität der Kirche zu überspannen oder z.T. rigorose Strafmittel anzuwenden. Es bedarf jedoch einer mühsamen Überzeugungsarbeit bis zur Einsicht, dass der, der sich regelmäßig aus dem Gottesdienst ausschließt, eine Einladung Gottes ablehnt, die für ihn nur gut und heilsam ist. Wie lebenswichtig die Eucharistie für die frühen Christen ist, belegen die Akten des hl. Saturninus. Die Märtyrer sterben, weil sie sagen: „Ohne Herrenmahl (dominicum) können wir nicht sein."[6]
III. Der Sonntag im Licht der ganzen Bibel: Tag der Schöpfung und Neuschöpfung
Hinter dem Herrentag steht der Sabbat des Alten Testaments (vgl. besonders Ex 20 und 34, aber auch Dtn, Lev und Amos, Hosea, Jeremia, Ezechiel). Meist schauen wir nur auf die Unterschiede. Der Herrentag hat den Sabbat gewiss abgelöst. Sonntag und Sabbat sind zwei verschiedene Tage geworden und geblieben. Dennoch stehen sie in einer ganz engen Verbindung. Man sieht dies schon daran, dass die Christen das Gebot der Heiligung des Sabbats konsequent auf den Sonntag bezogen. Wir lernen mehr über den christlichen Sonntag, wenn wir uns ‑ ohne den Unterschied zwischen beiden zu leugnen ‑ auf die gemeinsamen Wurzeln besinnen. Gerade heute ist es wichtig, den Zusammenhang nicht zu vergessen.[7]
Die Aufforderung, den Sabbat zu heiligen bzw. zu achten (vgl. Ex 20,8-11 und Dtn 5,12-15), ist breiter bezeugt als jedes andere Gebot und nimmt in der Zahl und Breite der Texte unter den Zehn Geboten den größten Raum ein. Die einfachste Form dieses Gebotes sagt schon fast alles über den Sinn: „Sechs Tage kannst du arbeiten, aber am siebten Tag sollst du aufhören. Selbst in der Zeit des Pflügens und des Erntens sollst du ruhen." (Ex 34,21) „Sabbat" (šbt) heißt in der Tat aufhören mit jeder Arbeit, alle Tätigkeiten unterbrechen und einstellen, schließlich ruhen. Die positive Wendung mahnt uns, den Sabbattag zu „achten" und zu „heiligen". Sabbat und Sonntag bedeuten in der Kultur der Menschheit eine Befreiung vom Joch des unaufhörlichen Arbeitszwanges und ein öffentliches Zeugnis für Gott.
Es ist erstaunlich, welche wichtigen Hinweise das Alte Testament uns im Einzelnen gibt.
a) Geschenkte Freiheit
Der Ruhetag soll Israel daran erinnern, dass es aus der Knechtschaft in Ägypten befreit wurde (vgl. Dtn 5,15). Ein Leben mit Gott ist allen Machthabern gewachsen. Zu Recht haben die Christen an dieses Heilsereignis des Alten Bundes angeknüpft und in der Auferstehung Jesu Christi die große Befreiung des Menschen gesehen, den nun keine Macht und kein Tod mehr besiegen kann. Am Herrentag möchte uns Gott an diese geschenkte Freiheit und alle Wohltaten der Offenbarung erinnern (vgl. besonders die Texte in der Osternacht-Liturgie).
b) Der Ruhetag: seine Heiligung und sein Segen
Die Aufforderung zur Arbeitsruhe wird mit der Bedeutung des Ruhetages bei der Erschaffung der Welt begründet: „Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte" (Gen 2,3, vgl. Ex 20,11). Gott „heiligt" diesen Tag, d.h. er sondert ihn von den Werktagen ab, entzieht ihn den Zwängen und Bedürfnissen der Arbeitswelt und bestimmt ihn zum Freiwerden für Gott und zum Freisein für die Menschen. Gott, der Herr aller Zeiten, ordnet unsere Menschenzeit. Er „segnet" den Ruhetag mit belebenden Kräften, damit die Zeit des Menschen von ihm aus Frische, Fruchtbarkeit und Halt bekomme. Wie der erste Werktag des Menschen in der Bibel erst nach dem Ruhetag Gottes beginnt, so ähnlich hat die junge Christenheit mit großer Kühnheit statt des siebten Tages den „ersten Tag der Woche" als Ruhetag angesetzt. Für den von Gott befreiten und beschenkten Menschen beginnt die Woche, also das Ganze unseres Lebensgefüges, mit dem Ruhetag, der uns Atem schöpfen lässt. Die Bibel sagt an einer Stelle sogar von Gott: „Am siebten Tag ruhte er und atmete auf" (Ex 31,17). Im AT kommt bei breiter Streuung „der siebte Tag" unter den gezählten Tagen am meisten vor.
Dies hat auch Folgen für unseren Umgang mit der Welt. Wer am Sonntag frei geworden und beschenkt worden ist, sieht auch die Schöpfung neu. Er freut sich an ihrer Schönheit und kann gelassener werden. Er misst nicht alles nur mit dem Kalkül der Nützlichkeit und des Wertes für ihn selbst; er lernt darum auch Schonen und Bewahren. Die Wahrung des Sonntags hat einen hohen Rang bei der Schärfung unserer Verantwortung für die natürlichen Lebensbedingungen. Dies hat darum Folgen über den Menschen hinaus.
c) Die kreatürlich-soziale Dimension
Die Schrift mahnt auch zur Arbeitsruhe am Herrentag, „damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremdarbeiter zu Atem kommen" (Ex 23,12). An erster Stelle wird das geplagte Vieh erwähnt. Die Bibel nennt an dieser Stelle ein soziales Motiv. Es werden Menschen genannt ‑„der Sohn der Sklavin und der Fremde" ‑, die Willkür und Ausbeutung besonders ausgesetzt und schutzlos sind. Der Ruhetag ist gerade wegen dieser besonders Abhängigen und Wehrlosen da. Das Gebot der Ruhe eröffnet auch eine Gleichstellung der Menschen vor Gott und in ihren elementaren Rechten (vgl. dazu Ex 20,10; Dtn 5,14). Die Propheten wehren sich leidenschaftlich, wenn die Menschen den Sinn des Ruhetages nicht erkennen und ihn zu einem Tag der Geschäftigkeit missbrauchen.[8] Im Übrigen gibt es hier eine enge Beziehung zur Schonung der Erde und zur Befreiung der Sklaven in der Brache (vgl. zum Sabbatjahr Ex 23,10 f., Lev 25,5 und Dtn 15,1-11).
Nächstenliebe und Hilfe in Not stehen, wie das Neue Testament deutlich erweist, nicht im Gegensatz zur Heiligung des Herrentages. Unter den wenigen Stellen des Neuen Testamentes, an denen der erste Tag der Woche erwähnt wird, findet sich die Aufforderung, am Herrentag für die Bedürftigen in Jerusalem zu sparen und zu sammeln (vgl. 1 Kor 16,2). Jesus selbst hatte dafür den Weg gewiesen, wenn er in Auseinandersetzung mit einer nur gesetzlichen Beobachtung des Sabbats einschärfte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Mk 2,27).
d) Symbol künftiger Herrlichkeit
Der Ruhetag ist schon im Alten Bund Vorspiel des neuen Himmels und der neuen Erde. Er ist nicht nur ein Tag des dankbaren Gedenkens, sondern vor allem auch ein Tag der Hoffnung und der Zuversicht: Einmal wird volle Freiheit, ungetrübte Freude, endgültiges Heil sein; kein Tod und keine Träne werden mehr sein. Für diese Zusage ist der Ruhetag jetzt schon Unterpfand und Symbol, aber auch Verpflichtung und Mahnung. „Die Israeliten sollen also den Sabbat halten, indem sie ihn von Generation zu Generation als einen ewigen Bund halten. Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein" (Ex 31,16). Im Strom der Zeit darf der Mensch durch den Sabbat Anteil bekommen an der Ruhe, die bei Gott ist (vgl. auch Ex 24,15 ff.). Dies ist Hoffnung für die neue Welt (vgl. Offb 21,4).
Mitten in der Vorläufigkeit und Vergeblichkeit des Menschenlebens ist der Herrentag ein Vorschein unzerstörbaren Lebens und der kommenden Welt. Die junge Christenheit konnte diese Hoffnung aufgreifen, denn in der Auferweckung Jesu Christi ist die Herrschaft Gottes schon angebrochen. Der Sonntag ist also bereits „der Anfang einer anderen Welt" (Barnabasbrief 15,8). So sehen die Christen in der Feier des Sonntags den Aufbruch in die Zukunft Gottes hinein. Jede Eucharistiefeier am Sonntag sagt uns: Der Herr kommt, und wir gehen ihm entgegen. Dies ist keine bloße Flucht in die Ewigkeit, denn solche Zuversicht stärkt die Christen in ihrer Sendung und in ihrem Zeugnis im Alltag der Welt.
Der Sonntag hat für die Christen den Sabbat verdrängt. Aber wir haben gesehen, dass zwischen beiden dennoch eine sehr tiefe Verwandtschaft besteht. Der Tag der Ruhe wird freilich in einen neuen Horizont gestellt: Er ist nicht bloß bestimmt durch den Blick zurück auf Schöpfung und einstige Erlösung, sondern auch durch den Blick auf die Auferstehung Jesu Christi und nach vorn, in die Zukunft Gottes. Der Sabbat ist für den Christen, wie der Kolosserbrief sagt, ein „Schatten des Zukünftigen" (2,17) geworden.
Aus dem Sabbat wurde der Herrentag, wie er heute noch in den romanischen und slawischen Sprachen heißt. In den germanischen Kulturen wurde nach einigem Zögern die ursprünglich heidnische Bezeichnung „Tag der Sonne" beibehalten; allerdings mit einem neuen Sinn: Jesus Christus ist die aufgehende „Sonne der Gerechtigkeit". Er ist auch das Licht Gottes am Morgen der Schöpfung. Er brachte schließlich am Ostermorgen das Licht des Sieges über den Tod und die Sünde. Ihn erwarten die Christen auch als das Abendlicht ihres Lebens, das aus der Nacht des Todes für immer aufgegangen ist.
IV. In die Gegenwart reichende Akzente
Der Sinn des christlichen Sonntag ist in einfacher, aber tiefer Gestalt in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ausdruck gebracht. Der Artikel 106, der sorgfältig beraten worden ist, bietet eine gute Zusammenfassung: „Aus Apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Pascha-Mysterium jeweils am achten Tage, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. An diesem Tag müssen die Christgläubigen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott Dank zu sagen, der sie ‚wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten‘ (1 Petr 1,3). Deshalb ist der Herrentag der Ur-Feiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll, auf dass er auch ein Tag der Freude und der Muße werde. Andere Feiern sollen ihm nicht vorgezogen werden, wenn sie nicht wirklich von höchster Bedeutung sind; denn der Herrentag ist Fundament und Kern des ganzen liturgischen Jahres."
Ein wichtiger Text findet sich auch in der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, und zwar im Beschluss Gottesdienst.[9] Es soll nur eine Stelle zitiert werden: „Darum kommen die Christen zusammen, um in den wechselnden Situationen des Lebens diese Botschaft immer besser zu begreifen und von ihr durch den Geist Jesu Christi ergriffen zu werden. Sie versammeln sich, um ihre Dankbarkeit gemeinsam auszudrücken, aber auch ihre Schuld und ihr Versagen zu bekennen. Sie können nicht aufhören, von ihrer Hoffnung zu singen und zu träumen, und sehen darin einen unersetzlichen Dienst an der Menschheit. Sie feiern nicht, um dem Alltag zu entfliehen, sondern um ihn in der Kraft Gottes zu bestehen im Dienst am Nächsten. Durch ihre gottesdienstlichen Feiern und durch das, was darin geschieht, erkennen sie ihren Glauben, der sich vollendet, wenn er in der Liebe wirksam wird."[10] Hinweisen möchte ich noch auf das überaus gehaltvolle Apostolische Schreiben von Papst Johannes Paul II. „Dies Domini" vom 31. Mai 1998[11], das leider bis heute viel zu wenig beachtet worden ist.
Diese oder eine ähnliche Ordnung des Sonntags war auch noch lange Zeit bis in das 19. und 20. Jahrhundert gültig. Erst in der Epoche der industriellen Revolution gab es einschneidendere Veränderungen. Im Interesse optimaler Maschinenlaufzeiten wurde die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit für Männer, Frauen und Kinder nach oben getrieben. Es gab Arbeitszeiten von bis zu 16 oder gar 18 Stunden an sechs oder sieben Wochentagen. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen waren katastrophal. 1839 erließ Preußen - übrigens unter starker Mitwirkung der Kirchen - ein Regulativ, das die Arbeit von Kindern unter 9 (später 12) Jahren an Sonntagen verbot und die wochentägliche Arbeitszeit begrenzte.[12] Im Jahre 1887 stellten deutsche Umfragen fest, dass sonntags im Durchschnitt knapp 60 % der Betriebe aus allen Wirtschaftszweigen (Großindustrie, Handwerk, Handel und Verkehr) ganz- oder halbtags arbeiten ließen und dabei rund 42 % der Beschäftigten eingesetzt wurden. 1891 wurde Sonntagsarbeit grundsätzlich verboten, es galt jedoch eine bestimmte Ausnahmeregelung. Es tritt eine völlig neue Situation ein, als mit der Weimarer Reichsverfassung im Jahr 1919 der Schutz des Sonntags Verfassungsrang erhält (vgl. Art. 139). Er gilt als Art. 140 unseres Grundgesetzes weiter: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." Es ist uns kaum mehr bewusst, was für ein wichtiger, wegweisender Schritt dies war.[13]
V. Aktuelle Wandlungen
Ungefähr seit 1960 aber hat sich unter internationalem wirtschaftlichem Druck und wegen des sich weiter verändernden Freizeitverhaltens die Lage wieder geändert. Immer mehr Industriezweigen wird kontinuierliche Sonntagsarbeit zugestanden. Sie steigt vor allem im Dienstleistungsbereich rapide an. In diesem Sinne wurde 1994 ein neues Arbeitszeitgesetz verabschiedet,[14] das frühere Verordnungen von 1895 und 1938 aufhebt und nun in Generalklauseln die erlaubten und verbotenen industriellen und gewerblichen Tätigkeiten erfasst. Die zumeist von den Regierungspräsidenten erlaubten Ausnahmefälle werden kaum veröffentlicht. In dem neuen Gesetz sind in Deutschland mehrmals auch die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit und die Beschäftigungssicherung als Kriterien aufgenommen. Auch das deutsche Ladenschlussgesetz wurde 1996 stark liberalisiert, besonders auch danach in vielen Bundesländern. Der gesellschaftliche Konsens sowie auch z.T. die Rechtsprechung werden in diesen und in anderen Bereichen im Blick auf die Sonntags- und Feiertagsruhe schwächer. Gewerkschaften und Kirchen kämpfen oft in seltener Eintracht für den Erhalt des Sonntags und - freilich in unterschiedlicher Sicht des Samstags - auch des Wochenendes.
Eine wichtige weitere Veränderung erfolgt durch das heutige Freizeit-Angebot und durch den Tourismus. Die Sonn- und Festtage sind in der Gefahr, entweder weitgehend verdrängt oder zum bloßen „Wochenende" zu werden, z.B. zum Ort für Ausflugs- und Sportveranstaltungen. Sie werden so weitgehend ihres ursprünglichen religiösen, kulturellen und anthropologischen Sinnes beraubt und werden zum Anlass für neue Zwänge, von denen der Mensch nach der genuinen Auffassung des Sonntags an diesem Tag gerade befreit werden sollte. Der „Wochenende-Tourismus" und das geänderte Freizeitverhalten greifen tief in das Leben der Menschen ein. Sonntagsbräuche, festliche Kleidung und Sonntagsessen sind zum Teil aufgegeben worden. Die Sinngebung des Sonntags ist so in hohem Maß Privatsache geworden. Manche sind dadurch freilich überfordert und leiden unter „Wochenenddepression" und „Sonntagsneurose". Sie können sich nur mehr durch Arbeit oder einen beinahe ähnlichen Freizeit-Stress ausdrücken. Ihre Fähigkeit zu Muße, Fest und Feier ist verkümmert.[15] Das Wochenende wird über das Verhalten des Einzelnen hinaus von der Vergnügungs- und Unterhaltungsindustrie, vom Sport- und Freizeitbetrieb beherrscht. Dadurch kann vielen gewiss zur Erholung, Unterhaltung und Entspannung verholfen werden, weniger in entsprechendem Maß zur Sinngebung des Sonntags und des Lebens überhaupt. Es besteht kein Zweifel, dass in diesem Zusammenhang auch der drastische Rückgang des Besuchs des Sonntagsgottesdienstes, der nach verlässlichen religionssoziologischen Untersuchungen in vieler Hinsicht ein allgemeiner Gradmesser der Beteiligung am Leben der Kirchen ist, verstanden werden muss.[16]
VI. Notwendige Sorge und bleibende Gefährdung
Hier wird deutlich, dass der religiöse, der kulturelle und der anthropologische sowie der soziale Sinn des Sonntags sehr eng miteinander verbunden ist. Die gemeinsam verbrachte und geteilte Zeit stützt und erhält das Leben in größeren und kleineren Gemeinschaften. Der Lebenszusammenhang vor allem in überschaubaren Gemeinschaften wird dagegen gefährdet, wenn die notwendige Unterbrechung an unterschiedlichen Tagen stattfindet, sodass die Flexibilisierung der Arbeitszeit, die am Anfang meist nur in ihren Vorteilen gesehen wird, offenkundiger wird in den Folgen.[17]
Der Sonntag hat im Übrigen auch die Aufgabe des Schutzes vor einer weitgehenden oder totalen Ökonomisierung des Menschen. Dies wird ja schon im Alten Testament überdeutlich. In einer notwendigerweise stark von Leistung geprägten Gesellschaft schafft gerade der Sonntag, wenn er richtig begangen wird, eine Zone der Freiheit. Er verhilft auch zum Abstand von dem sich immer mehr beschleunigenden Wandel sowie vom Anpassungsdruck des Erwerbslebens. Die Woche öffnet sich darum auch am Sonntag auf das Lebensganze hin, auf die Frage nach dem Woher und Wohin sowie dem Sinn des Lebens überhaupt. So ist der Sonntag eine Form, „Zustimmung zur Welt" (J. Pieper) und zum Leben im Ganzen zu geben und einen Tag der Orientierung, der Vergewisserung des Lebenssinnes sowie der Öffnung auf die Mit- und Umwelt sowie auf Transzendenz und Gott hin zu gewinnen. Insofern ist die Feier des Sonntags, gerade wenn es auch um das Freiwerden von Zwängen geht, ein Erfordernis der Menschenwürde, ein Protest gegen die Vermarktung des Menschen und gegen die Versklavung durch die Arbeitswelt. Es ist aber auch eine Hilfe im Ringen um die Grenzen und negativen Folgen des heutigen Konsumismus.[18] Der Sonntag ist ein Tag der Gemeinschaft, der Kultur und der Pflege gesellschaftlicher Intimräume (Ehe und Familie, Freundschaften usw.) und wirkt so der Vereinsamung und Anonymität in der heutigen Gesellschaft entgegen. So ist er auch der Tag der Gottesverehrung, ja die religiöse Herkunft und Struktur stützen und sichern den Sonntag in seiner eigenen Bedeutung am meisten.
Diese Bedeutung für die Gesellschaft kann der Sonntag allerdings nur dann gewinnen, wenn er grundsätzlich von allen gemeinsam gehalten wird und nicht jeder in einer „gleitenden Arbeitswoche" einen anderen freien Tag erhält. Selbstverständlich müssen manche Arbeiten auch am Sonntag geleistet werden. Sie sollen jedoch im Interesse aller auf jene Aufgaben beschränkt werden, die für das Gemeinwohl unbedingt erforderlich sind. Die Sorge um den Sonntag ist darum auch nicht nur Sache des Einzelnen oder gar der Kirchen allein, sondern sie muss auch von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, Kultur und Sport mitgetragen werden. Der Sonntag - übrigens ebenso wie der Sabbat - ist freilich in seiner gesamten Geschichte immer wieder von einer schleichenden Erosion durch viele Interessen gefährdet. Dabei gibt es auch verschiedene grundlegende Missverständnisse. Ein besonders bedauerlicher Bruch mit der Tradition ist es, dass - wie eingangs schon erwähnt - die Internationale Organisation für Standardisierung (ISO), eine Unterorganisation der UNO, empfohlen hat, ab 1.1.1970 den Sonntag als letzten Tag der Woche zu betrachten. Diese Regelung ist ab 1975 bindend auch in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt worden, wie man leicht an den Fahrplänen aller Art sehen kann.
VII. Elementare Herausforderungen heute
Die Feier des Herrentags ist die Antwort der Kirche auf das, was Gott in der Geschichte des Heils getan hat und noch tut. Der Sonntag ist jedoch darüber hinaus die Mitte des menschlichen Lebensraumes, das Maß und der Rhythmus für die Zeit des Einzelnen und der Gesellschaft.[19]
1. Das Sonntagsgebot
Die so genannte „Sonntagspflicht" darf nicht äußerlich, d.h. legalistisch verstanden werden. Der Sonntag selbst erschöpft sich auch nicht im Gottesdienst. Wer sich aber immer wieder vom Gottesdienst fordern lässt, dessen Leben kann sich vertiefen und frei werden. Darum ist das recht verstandene Sonntagsgebot nicht eine lästige Pflicht, sondern ein Anruf an unsere Freiheit, unser Leben einzeln und gemeinsam am Sonntag vor Gott zu bringen: einmal innezuhalten im Trott des Alltags, still zu werden und über sich und sein Leben nachzudenken, Fehler demütig zu bekennen, frischen Mut für einen Neuanfang zu fassen, frei zu werden von den Götzen unseres Lebens, uns hellhörig wieder auf die Nächsten hin zu öffnen, unser Gewissen zu schärfen, einen Größeren in unserem Leben als Herrn und Meister anzuerkennen, dem Einzigen die Ehre zu geben und nur den anzubeten, vor dem allein man die Knie beugen darf und kann. Die Erfüllung der „Sonntagspflicht" ist so am Ende eine Wohltat, eine Hilfe zum gelungenen Leben und ein Geschenk erfüllter Zeit.
2. Gegenwärtige Brennpunkte
a) Familie und Freundschaften:
Der Sonntag ist oft darum zerfallen, weil die Gemeinschaft der Familie zerstört ist. Wie viel Gemeinsamkeit gibt es hier noch? Haben wir ein wenig Zeit füreinander: zum Gespräch, zum gemeinsamen Nachdenken, zur Feier, zum Besuch bei anderen, Kranken, Alten, Bedürftigen und Toten, zum unverzweckten Spiel, zur Stille, zum Lesen, zu jener Zuwendung und Zärtlichkeit, die nicht hastig und gierig „haben" und besitzen wollen, sondern den Anderen sein und aufblühen lassen? Wir haben es schon einmal gesagt: Der Sonntag ist ein Tag der Gemeinschaft, der Kultur und der Pflege gesellschaftlicher Intimräume (Ehe und Familie, Freundschaften usw.) und wirkt so der Vereinsamung und Anonymität in der heutigen Gesellschaft entgegen.
b) Die Vereine:
Mit vielen freue ich mich über die große Zahl und die Vielfalt des Vereinslebens in unseren Städten und Dörfern. Dies ist ein wichtiges Gegenmittel gegen das Versinken in Passivität, Langeweile und bloßen Konsumismus. Der Mensch ist aber am Sonntag nicht bloß das Mitglied eines Vereins, der nicht selten einen totalen Anspruch entwickelt, gerade auch auf junge Menschen. Jeder Mensch ist auch das Mitglied einer Familie, Ehepartner, Freund, Glied einer Glaubensgemeinschaft. Auch dafür muss Zeit und Raum sein.
c) Die moderne Arbeitswelt:
Unsere Arbeitswelt ist in großer Veränderung begriffen. Im Namen von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit wird in jüngster Zeit vielfach eine Ausweitung der Sonntagsarbeit gefordert, besonders auch im Hinblick auf die Ladenschlusszeiten. Die Kirche hat für wirtschaftliche Interessen durchaus Verständnis, aber sie bittet die Unternehmer inständig darum, den Sonntag nicht dem Vorrang „ökonomischer Gesetzlichkeiten" zu opfern. Die so genannte „wirtschaftliche Unentbehrlichkeit" ist kein letzter Maßstab, der sich über jahrtausendealte kulturelle Errungenschaften und menschliche Grunderfahrungen hinwegsetzen dürfte. Produktion und Rentabilität sind wichtig, aber sie allein machen nicht den Sinn des Lebens aus. Auch einzelne „Ausnahmen", die in unserer Gesellschaft oft rasch zur Regel werden, können mehr oder weniger schnell zu einem Dammbruch führen, der das Sonntagsruhegebot aushöhlt. Die Kirche fordert darum die Wirtschaft auf, im Interesse der arbeitenden Menschen und ihrer Familien die Kultur des Sonntags zu wahren, und den Staat, im Namen der Menschlichkeit die bestehenden Verfassungsgebote zu achten und die Grenzen von wirklich notwendigen Ausnahmen eng zu ziehen.[20]
d) Sonntagsfeier in getrennten Kirchen?
„In der Feier des Sonntags und der Liebe zum Gottesdienst sind evangelische und katholische Christen miteinander verbunden. Um so schmerzlicher ist, dass sie noch nicht in der Lage sind, alle ihre Feste in gemeinsamen Gottesdiensten zu feiern. Das zeigt sich besonders am Sonntag." So heißt es in einem Gemeinsamen Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Den Sonntag feiern" aus dem Jahr 1984. Ich weiß, dass dies vor allem für bekenntnisverschiedene Ehepaare eine blutende Wunde am Leib der Kirche darstellt. Sie ist auch für mich persönlich ein mächtiger Antrieb zur Weiterarbeit am ökumenischen Versöhnungsauftrag der getrennten Kirchen. Zugleich darf ich unsere Partner in den anderen Kirchen inständig um Verständnis dafür bitten, dass die katholischen Bischöfe sich nicht berechtigt wissen, ökumenische Gottesdienste als zureichende Sonntagsgottesdienste anzuerkennen. Diese Gottesdienste können angesichts der Unterschiede, die zwischen uns vor allem im Verständnis der Kirche, näherhin des geistlichen Amtes, des Opfercharakters der Eucharistie, manchmal auch in der Frage der beständigen Gegenwart des Herrn in den verwandelten Gaben bisher noch bestehen, keine Eucharistiefeiern sein. Weil aber der Sonntag von der apostolischen Überlieferung her mit der Eucharistiefeier verbunden ist, müssen die Bischöfe dieses große Erbe der Kirche achten. Wir können die Gleichstellung mit dem Predigtgottesdienst nicht mitvollziehen. Wir haben nicht die Vollmacht, hier andere Wege zu beschreiten. Wir kommen nur weiter, wenn wir uns über die genannten Probleme verständigen können.
VIII. Ökumenische Aufgaben
Jedenfalls muss der Sonntag immer wieder in seiner Unentbehrlichkeit und Unersetzbarkeit für den Menschen verteidigt und geschützt werden. Es gibt dafür immer wieder neue Herausforderungen. Die modernen Revolutionen und der Nationalsozialismus sowie der Leninismus-Stalinismus, besonders auch in der ehemaligen DDR, haben auf ihre Weise immer wieder die Abschaffung oder Umfunktionierung des Sonntags versucht. Sie sind gescheitert.[21]
Die Kirchen haben in ökumenischer Zusammenarbeit während der letzten 20 Jahre vor diesem Hintergrund immer wieder versucht, sich den Herausforderungen zu stellen.[22] Viele katholische Bischöfe schrieben regelmäßig Hirtenworte zur Österlichen Bußzeit über den Sonntag. Das Wort des Papstes wurde schon genannt. Dabei geht es ineins mit dem religiösen Gehalt immer auch um den Sonntag in seiner humanisierenden, sozialen Funktion und in seiner kulturellen Bedeutung.
Über diese Grundbestimmung gewinnt man ökumenisch relativ rasch einen Konsens. Aber man hat oft den Eindruck, dass das ökumenische Gespräch über den Sonntag doch merkwürdig abstrakt und folgenlos bleibt für die Kirchen selbst. Meist geht es um die Arbeitswelt. Diesen Eindruck gewinne ich immer wieder, wenn es z.B. um gemeinsame Gottesdienste am Sonntag geht. Auch wenn es für den Rang des Herrenmahls am Sonntag schon frühe Zeugnisse gibt, so scheint zwischen den Kirchen hier bei aller grundlegenden Einheit eine nicht unerhebliche Mentalitätsdifferenz vorzuherrschen.
Für den katholischen Christen, übrigens wie für die Orthodoxie, gibt es einen unauflöslichen, konstitutiven Zusammenhang zwischen der Feier des Sonntags und der Feier der Eucharistie. Für einen katholischen Christen ist es darum selbstverständlich, dass ein Gottesdienst am Sonntag zunächst und zuerst immer die Eucharistiefeier bedeutet. Natürlich gibt es im Einzelfall eigene Einstellungen und Meinungen. Dies kann aber nichts an der grundsätzlichen, normativen Zusammengehörigkeit beider ändern. Auch wenn in den reformatorischen Kirchen erfreulicherweise am Sonntag mehr und mehr der Gottesdienst mit dem Abendmahl verbunden wird, so bleibt doch eine viel lockerere Verhältnisbestimmung zwischen Sonntag und Herrenmahl. Dahinter steht meist auch das Problem der ekklesialen Struktur und der kirchenbildenden Bedeutung der Eucharistie.[23]
Wenn diese Zusammenhänge bzw. Verstehensvoraussetzungen nicht beachtet werden, gibt es bei der Diskussion um die Gestaltung der Gottesdienste am Sonntag, besonders am Sonntagmorgen, zwischen den Konfessionen unseres Raumes immer wieder Unverständnis, Vorwürfe und Zerwürfnisse.
Im konkreten Dialog, wenn schon darüber geredet wird, spielt in diesem Zusammenhang auch die sogenannte Sonntagspflicht eine Rolle. Ich muss nochmals darauf zurückkommen. Nicht selten entsteht daraus freilich eine Karikatur. Katholiken sind gewiss manchmal in Gefahr, die Sonntagspflicht legalistisch und formalistisch überzubetonen, während die reformatorischen Gesprächspartner in einer so verstandenen „Pflicht" rasch einen typischen Fall von abzulehnender „Gesetzlichkeit" erkennen zu müssen glauben. Die Grundüberzeugung, dass der Herrentag selbst auf die Ur-Feier der Eucharistie zurückgeht und darum ein Gebot zur Mitfeier der Eucharistie am Sonntag dies zum Ausdruck bringt, verkümmert oder entschwindet dabei. Dahinter lauert ethisch der wenig geklärte Zusammenhang von Freiheit - Bindung-Gebot.
Es ist jedoch unerlässlich, dass das ökumenische Gespräch sich viel intensiver diesen Fragen zuwendet, die nicht nur praktischer und besonders pastoraler Natur sind, sondern auch tiefgreifendere theologische Probleme in sich bergen. Es ist auch deswegen nicht verantwortlich, darüber höflich zu schweigen, weil der Gottesdienstbesuch in beiden großen Kirchen in den letzten Jahren und Jahrzehnten dramatisch gesunken ist, bei den Katholiken im Durchschnitt der deutschen Diözesen auf 16%, evangelischerseits gibt es noch keine Gesamtstatistik, die Zählweise ist anders, für den gewöhnlichen Sonntag ergeben sich knapp 5%, am Karfreitag z.B. 4,7%. Trotz des Rückgangs muss man den Gesamtzusammenhang betrachten. Die Teilnehmerzahl ist immer noch höher als z.B. die der Besuche aller Sportveranstaltungen oder Volksfeste einschließlich des Besuches der Museen. Aber was will die gute und notwendige Rede von einem neuen missionarischen Aufbruch konkret erreichen, wenn wir nicht dieses Thema, das Misere und Chance zugleich, gemeinsames Erbe und ökumenische Verpflichtung in einem ist, entschiedener aufgreifen?
Es gibt viele Mittel zu diesem Ziel. Hier gibt es auch neue Wege. Darum haben die Kirchen gerade vor diesem Hintergrund die Einrichtung der Ausstellung „Der siebte Tag" durch die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 2002 und 2003 in Bonn und Leipzig mit Nachdruck begrüßt und dafür gedankt, dass hier eine außerordentliche Gelegenheit besteht, über den Sonntag und seine heutige Gefährdung neu nachzudenken. Solche Ausstellungen mit ihren heutigen Möglichkeiten können uns nicht nur an vergebliche und falsche Versuche der Korrektur unserer Zeitrechnung erinnern, sondern auch zur vertieften Einsicht führen, die nun abschließend in einigen Thesen umschrieben werden soll.
IX. Einige grundlegende Leitsätze
- 1. Wie die Religions- und Kulturgeschichte ausweist, gibt es schon früh für die Zeit des Menschen Rhythmen, welche das Zeitempfinden und die Zeiterfahrung differenzieren und gliedern: Zeitrechnung überhaupt, Kalender, Jahre und Monate, Wochen und Tage.[24] Hier kommen auch die biologischen Rhythmen ins Spiel.[25]
- 2. Immer wieder ist in der Neuzeit der Versuch unternommen worden, vor allem die Sieben-Tage-Woche und den Sonntag abzuschaffen (Französische Revolution, Russische Revolution). Aber diese neuen Konzeptionen, z.B. eine Gliederung in Dekaden („Dekadi"), blieben eine Episode und verschwanden bald wieder. Grund dafür ist offenbar nicht nur die Beständigkeit der Tradition, sondern die jüdisch-christliche Zeitrechnung scheint auch einem anthropologischem Rhythmus zu entsprechen.
- 3. Das grundlegende Element in der Bestimmung des Sabbat/Sonntag ist die „Unterbrechung" des Alltags. In diesem Sinne ist die Unterbrechung eine Art von Widerpart zur Monotonie der Zeit, wie sie von vielen in der Arbeitswelt erfahren wird. Deswegen ist der Sabbat/Sonntags besonders im AT und im Judentum weniger als Forderung und Gebot, sondern als Wohltat und Geschenk verstanden worden. Die den Menschen auferlegte Ruhe dient aller Kreatur als Möglichkeit der Erholung, als Befreiung von Abhängigkeiten. Sie tut auch Not im Blick auf die Gier zum Verbrauch und seiner Steigerung. Dies gilt besonders auch angesichts der heutigen globalen Freizeitindustrie und eines zügellosen Konsumismus.[26]
- 4. Diese „Unterbrechung" hat immer schon ihre Grundlage gehabt in der Gottesverehrung und im Gottesdienst des Sabbat/Sonntags. Gewiss steht diese religiöse Dimension nicht für sich allein. Es gibt sozial plausible Sekundärbegründungen (Arbeitsruhe, Familienzeit, Kulturschaffen, Zeit zur Geselligkeit), aber trotz ihrer wesentlichen Zugehörigkeit zu einem Ensemble der „Sonntagskultur" reichen diese zu einer durchschlagenden Begründung allein nicht aus. Die „Ruhe" bringt den Menschen, gerade auch in seinem einmaligen Wert, in seiner Person- und Menschenwürde, vor Gott. Darum reicht auch eine bloß funktionale Begründung des Sonntags nicht, wenigstens auf die Dauer. - Die Einladung zum Gottesdienstbesuch („Sonntagsgebot") muss freilich, wie das im Grunde immer schon war, eine engere Verbindung eingehen mit den Kultur- und Freizeitbedürfnissen des Menschen.
- 5. Gerade der moderne Mensch braucht die „Unterbrechung" und damit auch die Differenzierung der Zeit überhaupt und der Zeitsituationen, in denen er lebt. Ohne eine solche Gliederung wird leicht die gesamte Zeit gleich-gültig. Im Zeitalter der Beschleunigung bedarf es deshalb gerade der „Entschleunigung", zu der wesentlich die Erfahrung der „Unterbrechung" gehört, besonders auch in Muße und Besinnung, Fest und Feier, Sonn- und Feiertag. Sonst lernt der Mensch auch nicht mit seiner befristeten Zeit umzugehen. Die „knappe Zeit" bekommt unter diesen Voraussetzungen einen anderen und neuen Sinn. Im Übrigen ist der Wechsel in unserer Zeitrechnung auch anthropologisch wichtig, weil dieser Rhythmus, z.B. der Woche und des Sonntags, eine Wiederholung schafft, durch die der Mensch im bestem Sinn des Wortes entlastet wird.[27] Hier muss freilich zwischen einem sinnlosen Trend zum Immer-Gleichen und einer anthropologisch angemessenen Wiederholung unterschieden werden.
- 6. Diese Situation schafft eine besonders sensible Lage. Man kann durch gesetzliche Maßnahmen allein den Sonn- und Feiertag nicht sichern. Insofern bleibt der Sonn- und Feiertag auch in einer staatlichen Ordnung grundsätzlich verletzlich. Unser Grundgesetz nennt in Art. 139 WRV in Verbindung mit Art. 140 GG - ausnahmsweise - den Sinn des Sonntags und der Feiertage (als „Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung"), um dessentwillen die Garantie besteht. Die „seelische Erhebung" kann der Staat von sich aus nicht verwirklichen, für die Arbeitsruhe kann er nur die äußereren Rahmenbedingungen sicherstellen. „Hier kommen Verfassungserwartungen zu Wort, vernehmlicher als sonst im Text des Grundgesetzes. Doch auch hier bleiben sie in ihrer Sprachfassung unvollständig und im Kern undeutlich. Sie werden nicht vollständig verbalisiert. Die primäre Verfassungserwartung wird räumlich überhaupt nicht angesprochen: die christliche Heiligung des Sonntags und der (kirchlichen) Feiertage; diese ratio ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte und aus dem (auch grundgesetzlichen) Kontext der Kirchenartikel. Dem Staat obliegt es, für die ‚äußere Heilighaltung mit seinen Machtmitteln' einzustehen."[28]
- 7. Die Sonntags-Garantie in Art. 139 WRV/140 GG ist durch ein eigentümliches Ineinander von religiösem Erbe und kulturellem Erbe gekennzeichnet. „Ein wesentliches Stück der christlichen Überlieferung ist als Bestandteil der öffentlichen Ordnung und der politischen Kultur so festgelegt, dass der einfache Gesetzgeber nicht nur nicht darüber verfügen kann, sondern dass er im Gegenteil den Auftrag hat, die Sonntage durch konkrete Regelungen zu schützen. - Diese institutionelle Garantie mit ihren Schutzwirkungen findet eine zusätzliche Legitimation in einer sozialpolitischen Zielsetzung: dem Menschen soll ermöglicht, er soll von den Zwängen des Arbeitslebens befreit werden ... Dieser Grundrechts- bzw. Freiheitsbezug (gemeint ist das Verhältnis von Art. 139 WRV / Art. 4 GG einerseits und Art 137 Abs. 3 WRV anderseits) ist sowohl bei der gesetzgeberischen Ausgestaltung als auch bei der administrativen Handhabung vorrangig zu berücksichtigen. Nach näherer gesetzlicher Regelung müssen erforderlichenfalls andere grundrechtliche Garantien, z.B. Meinungs-, Versammlungs-, Gewerbe-Freiheit dahinter zurücktreten."[29] Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 15.3.1988 formuliert diesen Sachverhalt so: „Durch die Artikel 140 GG, 139 WRV wird die Institution des Sonntags als ein Grundelement sozialen Zusammenlebens und staatlicher Ordnung geschützt."[30]
- 8. Wenn die institutionelle Schutz-Garantie des Sonntags, die auch die Feiertage[31] betrifft, ein Beleg dafür ist, dass der Sonntag wirklich ein „Grundelement sozialen Zusammenlebens und staatlicher Ordnung, ja ein Bestandteil auch der politischen Kultur ist", dann verdienen sie eben diesen Schutz gerade auch deshalb, weil sie die Identität unserer Kultur im weitesten Sinne prägen und bewahren. Sie gehören dann zu jenen Institutionen, die das „kulturelle Gedächtnis" einer Gesellschaft ausmachen und gerade heute besonderer Pflege bedürfen.[32] Sie haben freilich durch ihre schon erläuterte Struktur als „Unterbrechung" eigene Gesetzlichkeiten, die mit dem „memoria-Charakter" des biblischen Glaubens zusammenhängen.[33] Nicht zuletzt dies ist ein Grund, warum bei der Begründung der Sonntagskultur und der „Unterbrechung" der Gottesdienst bzw. die Gottesverehrung nicht nur historisch ein konstitutives Moment bleibt. Deshalb gibt es auch einen engeren Zusammenhang von Religionsfreiheit und Schutz von Sonn- und Feiertagen, und zwar im Sinne einer institutionellen Garantie und eines Individualrechtes.
- 9. Ein wichtiges Element in der heutigen Diagnose unserer Gesellschaft ist die immer knapper werdende Zeit. Das „Zeitalter der Beschleunigung" verlangt einen besonderen Umgang mit der Zeit. Die notwendige, immer wieder geforderte „Entschleunigung" geschieht vor allem auch im Sinne einer „bodenständigen Transzendenz", die sich in der konkreten Wiederkehr und Wiederholung der Sonn- und Feiertage spiegelt.[34] Diese „Spiritualität der Zeit", die die notwendige Distanz zur Welt schafft, ist gerade auch in der globalen Dynamik einer Weltgesellschaft notwendig, die versucht ist, alles gleichzuschalten.[35]
Aus alledem ergibt sich die Frage, wie weit der Staat heute, auch um den Menschen gegen sich selbst zu schützen, den Sonntag wirksam gegen einen unersättlichen ökonomischen Zugriff zu verteidigen.[36]
Literatur-Auswahl
Zunächst sei auf die Artikel Sabbat/Sonntag in den großen Lexika verwiesen: Lexikon für Theologie und Kirche, Religion in Geschichte und Gegenwart, Theologische Realenzyklopädie, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Neues Bibellexikon, Lexikon des Mittelalters usw. Leider enthält das Historische Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland „Geschichtliche Grundbegriffe" keinen entsprechenden Artikel. Hier sin nur die Veröffentlichungen zum Thema im engeren Sinn verzeichnet.
- C. S. Mosna, Storia della Domenica dalle origini fino agli inzi del V secolo, Roma 1969,
- W. Rordorf, Sabbat und Sonntag in der Alten Kirche, Zürich 1972 (Auswahl von Texten),
- A. M. Altermatt u.a. (Hg.), Der Sonntag. Anspruch - Wirklichkeit - Gestalt, Würzburg 1986,
- J. P. Rinderspacher, Am Ende der Woche. Die soziale und kulturelle Bedeutung des Wochenendes, Bonn 1987,
- E. Schudlich, Die Abkehr vom Normalarbeitstag. Entwicklung der Arbeitszeiten in der Industrie der Bundesrepublik seit 1949, 3 Bände, Frankfurt 1987ff.,
- H. Przybylski u.a. (Hg.), Das Ende gemeinsamer Zeit? Risiken neuer Arbeitszeitgestaltung und Öffnungszeiten, Bochum 1988,
- R. Richardi, Grenzen industrieller Sonntagsarbeit. Ein Rechtsgutachten, Bonn 1988,
- J. Wilke (Hg.), Mehr als ein Weekend? Der Sonntag in der Diskussion, Paderborn 1989,
- A. J. Heschel, Sabbat. Seine Bedeutung für den heutigen Menschen, Neukirchen 1990,
- H. Marré/J. Stützing (Hg.), Der Schutz der Sonn- und Feiertage = Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche (24), München 1990,
- K. Koch, Ist der Sonntag noch zu retten? Unzeitgemäße Fragmente, Stuttgart 1991,
- H. Maier, Die christliche Zeitrechnung, Freiburg 1991,
- R. Guardini, Der Sonntag, gestern, heute und immer, Mainz 1992,
- G. Schulze, Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt 1992, 8. Auflage 2000,
- P. Cornehl u.a. (Hg.), „... in der Schar derer, die da feiern", Göttingen 1993,
- G. Schmidtchen, Lebenssinn und Arbeitswelt, Orientierung im Unternehmen, Gütersloh 1996,
- O. Nuss, Der Streit um den Sonntag, Idstein 1996,
- P. Knorn, Arbeit und Menschenwürde (Sozialenzykliken) = Erfurter Theologische Studien 73, Leipzig 1996,
- H. W. Opaschowski, Einführung in die Freizeitwissenschaft, 3. Auflage, Opladen 1997,
- R. Weiler (Hg.), Der Tag des Herrn. Kulturgeschichte des Sonntags, Wien 1998,
- F. Fürstenberg (Hg.), Der Samstag, Berlin 1999,
- J. P. Rinderspacher u.a., „Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage". Die soziale und kulturelle Bedeutung des Wochenendes, Bonn 2000,
- H. Förster, Die Feier der Geburt Christi in der Alten Kirche = Studien und Texte zur Antike und Christentum, Band 4, Tübingen 2000 (wichtig für die Zusammenhänge mit dem Sonnenkult),
- Museum der Arbeit (Hg.), Sonntag!, Kulturgeschichte eines besonderen Tages, Hamburg 2001,
- Chr. Markschies, Zwischen den Welten wandern. Strukturen des antiken Christentums = Fischer Taschenbuch, Europäische Geschichte, Nr. 60101, Frankfurt 2001 (1. Aufl. 1997), 47-50,
- H. W. Opaschowski, Wir werden es erleben. Zehn Zukunftstrends für unser Leben von morgen, Darmstadt 2002,
- H. W. Opaschowski, Was uns zusammenhält. Krise und Zukunft der westlichen Wertewelt, München 2002,
- H. Schmidinger (Hg.), Wovon wir leben werden. Die Ressourcen der Zukunft, Salzburger Hochschulwochen 2002, Innsbruck 2002,
- H. Petri, Der Verrat an der jungen Generation. Welche Werte die Gesellschaft Jugendlichen vorenthält, Freiburg 2002,
- M. Herzog (Hg.), Der Streit um die Zeit = Irseer Dialoge 5, Stuttgart 2002,
- Am siebten Tag. Geschichte des Sonntags. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn-Leipzig 2002/2003, Sankt Augustin 2002,
- G. Muri, Pause! Zeitordnung und Auszeiten aus alltagskultureller Sicht, Frankfurt a. M. 2004,
- M. Spaeth, Gewonnene Zeit - verlorenes Heil? = Studien zur Traditionstheorie 10, Berlin 2007,
- I. Bacchiocchi, Deine Zeit ist meine Zeit. Der biblische Ruhetag als Chance für den modernen Menschen, Hamburg o.J. (Verf. ist Adventist, promovierte an der Pont. Univ. Gregoriana, Rom).
[1] Vgl. Ignatius von Antiochien, Brief an die Magnesier 9,2.
[2] Vgl. W. Rordorf (Hg.), Sabbat und Sonntag in der Alten Kirche = Traditio Christiana II, Zürich 1972, z.B. 134. Dazu Chr. Markschies, Kaiserzeitliche christliche Theologie und ihre Institutionen, Tübingen 2007, 160 ff.
[3] Vgl. dazu auch K. Lehmann, Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift = Questiones disputatae 29, 2. Auflage, Freiburg i. Br. 1969, 185-191, 354-358.
[4] Vgl. dazu die wichtige Aussage zum Pascha-Mysterium in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Art. 106
[5] Vgl. R. Bärenz, Das Sonntagsgebot, München 1982; B. Forte, Perché andare a Messa la Domenica, Roma 2005.
[6] W. Rordorf, a.a.O., 177.
[7] Vgl. L. Trepp, Der jüdische Gottesdienst, Stuttgart 1992, 19 ff., 39 ff., 57 ff. u.ö. (vgl. Reg.: 312); ders., Die Juden. Volk, Geschichte, Religion, Reinbek bei Hamburg 1998 (Neuausgabe), 298 f., 336 ff.; A. J. Heschel, Der Sabbat, Neukirchen 1990; A. Wénin, Le Sabbat dans la Bible, Reihe: Connaitre la Bible, Bruxelles 2005 (Lit.).
[8] Vgl. Am 8,5; Jes 1,13; Jer 17,21 ff; Hos 2,12 ff; Neh 13,15 ff; vgl. auch Ex 16,20 ff. Vgl. dazu H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, München 1973, 200 ff.
[9] Vgl. Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg 1976, 198-206.
[10] Ebd., 198.
[11] = Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 133, Bonn 1998.
[12] Vgl. R. Koselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution, Stuttgart 1987 (Sonderausgabe), 622-626.
[13] Vgl. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Am siebten Tag. Geschichte des Sonntags, St. Augustin 2002; vgl. R. Richardi, Grenzen industrieller Sonntagsarbeit. Ein Rechtsgutachten, Bonn 1988, 40 ff. (Hinweise auf R. Smend, G. Kaisenberg, G. Anschütz, C. Schmitt, G. Dirksen).
[14] Zuletzt geändert durch das Gesetz zu Reformen am Arbeitsmarkt vom 24.12.2003. Weitere Gesetze und Änderungen vgl. bei H. Lampert/A. Bossert, Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Europäischen Union, 16. Auflage, München 2007, 292 ff.; H. Lampert/J. Althammer (Hg.), Lehrbuch der Sozialpolitik, 7. Auflage, Berlin 2006, 168-173, bes. 170.
[15] Vgl. dazu immer noch und immer wieder J. Pieper, Muße und Kult. Mit einer Einführung von Kardinal Karl Lehmann, München 2007 (Neuausgabe), vgl. 11-42, 129-133.
[16] Vgl. dazu K. Lehmann, „Ohne Sonntag können wir nicht leben." Ein ermutigendes Wort zum Sonntagsgottesdienst, Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit 2007, Mainz 2007; vgl. auch ders., Frei vor Gott, Freiburg i. Br. 2003, 85 ff.
[17] Zu den verschiedenen Zeitrechnungen vgl. Th. Vogtherr, Zeitrechnung, München 2001, 47 ff., 55 ff., 59 ff., 114 ff.; H. Maier, Die christliche Zeitrechnung, 4. Auflage, Freiburg i. Br. 1997; G. Dohrn-Van Rossum, Die Geschichte der Stunde, München 1992; B. Adam, Das Diktat der Uhr, Frankfurt a. M. 2005; W. Kaempfer, Zeit des Menschen, Frankfurt a. M. 1994.
[18] Vgl. K. Lehmann, Zur Frage nach den Werten im Dialog zwischen Wirtschaft und Kirche Vortrag bei der Tagung einer internen Konzernführungskräftetagung der Commerzbank AG am 11. April 2008 in Glashütten/Taunus; dazu besonders H. Rumbach-Thome Kirchliche Konsumkritik und Grundzüge einer Christlichen Ethik des Konsums, Inauguraldissertation zur Erlangung des Würde eines Doktors der Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Internetveröffentlichung:
http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/RumbachThomeHeike/diss.pdf; vgl. auch zum Ganzen R. Minnerath, Gegen den Verfall des Sozialen, Freiburg i. Br. 2007.
[19] Zur Entwicklung der kirchlichen Sozialethik zu unserem Thema vgl. P. Knorn, Arbeit und Menschenwürde. Kontinuität und Wandel im Verständnis der menschlichen Arbeit in den kirchlichen Lehrschreiben von Rerum novarum bis Centesmus Annen = Erfurter Theologische Studien 73, Leipzig 1996 (Lit.); Kompendium der Soziallehre der Kirche, hrsg. vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Freiburg i. Br. 2006, 257 f., 260 f., 284.
[20] Für die künftige Entwicklung vgl. H. W. Opaschowski, Wir werden es erleben, Darmstadt 2002; ders., Deutschland 2020, Wiesbaden 2004, 79 f., 85 ff. u.ö.; G. Gamm u.a. (Hg.), Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2004; H. Przybylski u.a. (Hg.), Das Ende gemeinsamer Zeit? Risiken neuer Arbeitszeitgestaltung und Öffnungszeiten, Bochum 1988; G. Muri, Pause! Zeitordnung und Auszeiten aus alltagskultureller Sicht, Frankfurt a. M. 2004.
[21] Vgl. H. Maier, Die christliche Zeitrechnung, 100 ff.; Th. Vogtherr, Zeitrechnung, 103 ff., 114 ff.; W. Reinhard, Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie, München 2004, 581 ff.
[22] Vgl. die Gemeinsamen Worte „Den Sonntag feiern", 1984, „Der Sonntag muss geschützt bleiben", 1985, „Unsere Verantwortung für den Sonntag", 1989, das Sozialhirtenwort „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", 1997, und „Menschen brauchen den Sonntag", 1999.
[23] Vgl. Eucharistie. Positionen katholischer Theologie, hrsg. von Th. Söding, Regensburg 2002; M. Barba (Hg.), „O giorno primo ed ultimo." Vivere la Domenica tra festa e rito, Roma 2005.
[24] Dazu H. Lenz, Universalgeschichte der Zeit, Wiesbaden 2005; H.-J. Braun, Elemente des Religiösen, Zürich 1993, 80 ff., 135 ff.; U. Eco u.a., Das Ende der Zeiten, 2. Auflage, Köln 1999, 241 ff.; H. M. Baumgartner (Hg.), Das Rätsel der Zeit, Freiburg i. Br. 1993.
[25] Vgl. D. Lloyd/E. L. Rossi (Hg.), Ultradian Rhythms in Life Processes, New York 1992; A. M. Meier-Knoll, Chronobiologie. Zeitstrukturen des Lebens, München 1995.
[26] Vgl. H. W. Opaschowski, Einführung in die Freizeitwissenschaft, 2. Auflage, Opladen 1994.
[27] Vgl. M. Spaeth, Gewonnene Zeit - verlorenes Heil? Zum christlich verantworteten Umgang mit der Zeit im Zeitalter der Beschleunigung = Studien zur Traditionstheorie 10, Berlin 2007; H. Weinrich, Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens, 3. Auflage, München 2005; K. A. Geißler, Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben, Freiburg i. Br. 2001 (früher: Zeit leben. Vom Hassen und Rasten, Arbeiten und Lernen, Leben und Sterben); B. Kemper (Hg.), Der Trend zum Event, Frankfurt 2001; M. Gronemeyer, Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit, Darmstadt 1993; dies., Die Macht der Bedürfnisse. Überfluss und Knappheit, Darmstadt 2002; dies., Immer wieder neu oder ewig das Gleiche. Innovationsfieber und Wiederholungswahn, Darmstadt 2000, R. Hank, Arbeit - Die Religion des 20. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1995, 105 ff., 126 ff.; D. Kamper/Chr. Wulf (Hg.), Die sterbende Zeit, Darmstadt 1987.
[28] J. Isensee/P. Kirchhof (Hg.), Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschlands, Band V: Allgemeine Grundrechtslehren, Heidelberg 1992, § 115, Randnr. 168, 438.
[29] A. Hollerbach, in: Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschlands, Band VI: Freiheitsrechte, Heidelberg 1989, § 140, Randnr. 60/61, 628 f.
[30] Die Öffentliche Verwaltung 1988, 642 (zitiert in: A. Hollerbach, ebd., 629, Anm. 163).
[31] Vgl. ebd., § 140, Randnr. 62, 630.
[32] Zum Begriff des kulturellen Gedächtnisses vgl. J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999; A. Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 2003; dies., Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, 23 ff., 205 ff., 217 ff., 235 ff., 250 ff. Soweit ich sehe, werden die Sonn- und Feiertage nicht ausführlicher in diesem Zusammenhang des „kulturellen Gedächtnisses" behandelt, wie überhaupt Fest und Feier trotz ihrer großen Bedeutung in vielen Theorien der Religion wenig Berücksichtigung finden bei den Erörterungen über Identitätsstiftung und Identitätswahrung in den Kulturen.
[33] Vgl. dazu J. B. Metz, Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg i. Br. 2006, 123-157 (Lit.). Leider kann diese wichtige Perspektive hier nicht näher verfolgt werden. Vgl. R. Langthaler, Gottvermissen - Eine theologische Kritik der reinen Vernunft (J. B. Metz), Regensburg 2000.
[34] Vgl. dazu M. Spaeth, Gewonnene Zeit - verlorenes Heil?, 332-338 (vgl. dort die wichtigen Hinweise auf P. Sloterdijk, Weltfremdheit, Frankfurt a. M. 1993; D. Sölle, Mystik des Todes, Stuttgart 2003).
[35] Vgl. K. Lehmann, Die Zeit, die uns davonläuft. Erläuterung einer Dimension in der Signatur unserer Gesellschaft, in: H. Hesse (Hg.), Zukunftsfragen der Gesellschaft. Vorträge des Symposions der Akademie der Wissenschaften und der Literatur = Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse, Jahrgang 2001, Nr. 2, Mainz-Stuttgart 2001, 11-15; K. Koch, Ist der Sonntag noch zu retten? Unzeitgemäße Fragmente, Ostfildern 1991.
[36] Vgl. aus arbeitsrechtlicher Sicht R. Richardi, Der Sonn- und Feiertagsschutz im Arbeitsleben, in: Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche 24: Der Schutz der Sonn- und Feiertage, Münster 1990, 117-180 (mit Leitsätzen, Literatur und Diskussion).
(c) Karl Kardinal Lehmann
Es gilt das gesprochene Wort