Festvorträge von Bischof Karl Lehmann:

I. Frei aus Gnade
II. Brüchenbau und Brückenbauer in Europa 

 

I. Frei aus Glauben

Zur Situation der evangelisch-katholischen Ökumene nach dem Gemeinsamen Rechtfertigungsdokument Festvortrag am Reformationstag in der Lutherkirche in Wiesbaden

Am heutigen Morgen wurde in Augsburg, der Stadt des Religionsfriedens, die Gemeinsame Erklärung zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Es mag gut sein, am Abend dieses Reformationstages noch einmal zurückzuschauen. Dies ist auch deshalb angezeigt, weil dieser Reformationstag der letzte in diesem Jahrtausend ist und uns mit der eben genannten Vereinbarung an die Schwelle einer neuen Zeit stellt.

Heute ist nach einer fast 470 Jahre alten Geschichte der Trennung verbindlich zum Ausdruck gebracht worden, daß die getrennten Kirchen gemeinsame Aussagen zur Lehre von der Rechtfertigung machen, die damals Ausgangspunkt und letztlich Grund für das Zerbrechen der abendländischen Kirche gewesen ist. Wenn dies angenommen worden ist, dann verlieren auch die Lehrverurteilungen, die sich auf die Rechtfertigungslehre beziehen, wenigstens für die heutigen Partner ihre kirchentrennende Wirkung. Auch wenn man sparsam ist mit Worten wie "historisch", so dürfte dieser beispiellose Tag doch so etwas wie einen Mark- und Meilenstein in der evangelisch-katholischen Ökumene darstellen.

1. Die Unterzeichnung als Ereignis

Dies kann nicht heißen, der Akt der Unterzeichnung allein stelle für sich den definitiven Durchbruch auf der Suche nach der Einheit der Kirche dar. Wir wollen auch gewiß nicht selbstzufrieden ein Jahrhundertereignis feiern. Vielleicht sind wir jedoch auch schon zu bescheiden geworden in der Beschreibung dessen, was erreicht worden ist. Wir müssen das, was in der Stadt des Religionsfriedens geschehen ist, in der ganzen Breite und Tiefe der kirchlichen Wirklichkeit, nämlich in unseren Kirchen, Gemeinden und in der Theologie nachvollziehen und einlösen. Wir müssen alle dazu beitragen, daß die feierliche Unterzeichnung nicht einfach ein ungedeckter Scheck bleibt.

Dieser Tag gibt Anlaß zur Freude und zum Dank. Vielleicht sieht man dies besser, wenn man wirklich etwas in die Geschichte schaut, die tiefen Zerwürfnisse zwischen unseren Kirchen auf sich wirken läßt und so vielleicht besser würdigen kann, was in den letzten Jahrzehnten geleistet worden ist für die nun vollzogene Einigung in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre. Man muß diese gesamte Entwicklung sehen, die auch die "Gemeinsame Erklärung" (= GE) in ein neues Licht rückt. Die Verständigung ist hier besonders schwierig, weil die Lehrgegensätze schon früh hier besonders plakativ zur Geltung gebracht und über Jahrhunderte mit großer Schärfe und besonderer Unerbittlichkeit hochgehalten worden sind. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn diese Zuspitzungen trotz vieler Bemühungen nicht plötzlich wie vom Winde verweht sind. Es gibt aber keinen anderen Weg als eine sorgfältige Aufarbeitung der Grunddifferenzen, an denen im 16. Jahrhundert die Wege auseinandergingen. Für den Laien und engagierten Christen mag es vielleicht manchmal ärgerlich sein, wie viel historische Gelehrsamkeit und geistige Kraft für die Bewältigung dieser Aufgabe notwendig waren und sind. Aber wenn in diesem Zentrum unseres Glaubens und unserer theologischen Überzeugungen keine Verständigung erreichbar wäre, ist jeder andere Konsens auf Sand gebaut. Dies mag auch bis zu einem gewissen Grad die Härte der gegenwärtigen Auseinandersetzungen erklären.

Es wäre aber ein folgenreiches Verhängnis, wenn man die Gemeinsame Erklärung mit den Zusatztexten isolieren und für sich allein übersteigern würde. Es ist öfter darauf hingewiesen worden, daß wir hier nicht nur die Früchte längerer ökumenischer Bemühungen (übrigens schon in den Religionsgesprächen der Reformationszeit bei der Rechtfertigungslehre ansetzend), sondern besonders der vielfach unternommenen, international breit gestreuten und immer wieder intensivierten Forschungsergebnisse mindestens der letzten 40 Jahre ernten dürfen. Die Gemeinsame Erklärung kann nur so knapp und dicht sein, weil man sich über Jahrzehnte immer wieder in größeren Abhandlungen und in knapper Thesenform an den Problemen abgearbeitet hat. Deshalb ist es ganz wichtig, die im "Anhang" ausgewählten, konzentrierten "Quellen", die für diesen langen Prozeß einer gemeinsamen Suche stehen, mit den größeren und ganzen Dokumenten heranzuziehen. Sie untermauern mit ihren immer wieder vielfach vernetzten, bewährten Formulierungen die Gemeinsame Erklärung. Ich habe nicht den Eindruck, daß man bisher das Gewicht der Konsenselemente und das Potential auf eine Einigung hin, das in diesen "Quellen" steckt, genügend wahrgenommen hat.

2. Die Unterzeichnung als Ermutigung

Die Unterzeichnung ist eine große Ermutigung ökumenischer theologischer Arbeit. Wir kennen die jahrzehntelange Klage, die Ergebnisse der theologischen Dialoge würden von den Kirchenleitungen nicht genügend ernstgenommen, die Ökumene leide an dieser Hinhaltetaktik, die Theologen seien müde und resigniert. Nun ist es soweit, daß wir die mit großer Mühe in vielen Ländern erarbeiteten Vorstufen und Teilergebnisse in konzentrierter und neu geordneter Form verbindlich annehmen konnten. Damit wird auch erwiesen, daß die gediegene theologische Forschungsarbeit sich im Lauf der Zeit durchsetzen wird. Freilich müssen wir aus diesem Prozeß auch lernen, daß gerade die professionellen Ökumeniker aus Theorie und Praxis, Theologie und Kirchenleitung Konsens-texte dieser Art zumeist überschätzen. Auch wenn sie wissenschaftlich wohl erwogen und religiös durchaus eindrucksvoll sein können, so sind sie noch nicht mit Leben und Spiritualität erfüllt. Es dauert länger, bis sich jahrhundertealte Denkgewohnheiten und Verhaltensmuster abbauen lassen, und sich eine neue Sprache, die manchmal für alle Partner fremd ist, bewähren kann. In diesem Sinne wurde auch die theologische Zunft durch die nun auf Verbindlichkeit angelegte Erklärung etwas aufgeschreckt, denn offenbar hatte man auf weite Strecken hin die inneren Tendenzen und zahlreichen Belege einer jahrzehntelangen ökumenischen Arbeit relativ wenig mitverfolgt. Die offizielle Ökumene hatte ihrerseits das Zeitmaß, die Breite und die Tiefe der notwendigen Rezeption nicht so recht eingeschätzt. Dies war 1980 mit dem Jubiläum der Confessio Augustana ähnlich, wo z.B. ein gemeinsamer evangelisch-lutherischer - römisch-katholischer Kommentar bald wieder vergessen war.

Deswegen dürfen wir uns die Freude über das nun Erreichte nicht nehmen lassen. Wir haben Grund, dankbar auf die vielen Bausteine zurückzuschauen, die sich nun zur "Gemeinsamen Erklärung" zusammenfügten, die in den Zusatzdokumenten noch wichtige Erläuterungen findet. Wir danken besonders auch all denen, die trotz manchmal sachlich unzureichender und persönlich verletzender Attacken unverdrossen, zuversichtlich und selbstlos ihren Auftrag erfüllt haben. Zur Theologie gehört gewiß der kritische Einwand des einzelnen Experten, aber auch die eher verborgene, nicht weniger wichtige Treue zu einem Auftrag der Kirche.

3. Konsens und Fundament

Entscheidend ist jedoch das Ergebnis des Konsens-Prozesses der Gemeinsamen Erklärung. Für viele ist das Ergebnis vielleicht enttäuschend, denn sie hatten einen umfassenderen Konsens erwartet. Sie finden den Text eher etwas ängstlich und noch mit zu vielen offenen und strittigen Fragen belastet. Vielleicht haben wir manchmal auch einen fragwürdigen Begriff von Konsens im Auge gehabt. Nicht selten erscheint er nämlich als Ideal im Sinne uneingeschränkter Übereinstimmung in allen Dimensionen einer zuvor strittigen Sache. Unsere Texte haben hier und dort noch Spuren einer solchen Vorstellung, die sich wie Eierschalen früherer Überlegungen ausnehmen. Der Konsens-Begriff ist untergründig stark von einem emotionalen und vielleicht sogar logischen Gefälle zur Uniformität hin geprägt. Ein solches Verständnis überfordert uns, weil man so jede Differenz zwischen Katholiken und Lutheranern im Verständnis der Rechtfertigung ausräumen müßte.

Im übrigen hat die klassische Theologie in beiden Kirchen immer auch unterschieden zwischen dem, was Konsens erfordert, und dem was des Konsenses nicht bedarf. Das Verständnis für diesen Unterschied war gerade zwischen dem Bereich der Glaubenslehre und dem Bereich der kirchlichen Riten, Gebräuche und Disziplin weit verbreitet und ausgebreitet. Im übrigen hat man immer auch zwischen fundamentalen und nicht-fundamentalen Glaubenslehren unterschieden. Denken wir nur an die alten Glaubensbekenntnisse und die Katechismen. Das Zweite Vatikanische Konzil bekennt sich seinerseits zu einer "Rangordnung oder Hierarchie der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhanges mit dem Fundament des christlichen Glaubens." (Unitatis Redintegratio, Art. 11) Die christlichen Kirchen können also trotz ihres Getrenntseins im Grundlegenden des Glaubens eins sein. Auf katholischer Seite wurden dabei zwei wichtige Bilder gebraucht, die sich ergänzen. Johannes Paul II. sagte in seiner Ansprache am 450. Jahrestag der Confessio Augustana im Jahr 1980, daß "wichtige Hauptpfeiler der Brücke im Sturm der Zeiten erhalten geblieben sind" und daß wir neu entdeckt haben, "wie breit und fest die gemeinsamen Fundamente unseres christlichen Glaubens gegründet sind". Kardinal Jan Willebrands sagte bei derselben Gelegenheit, "daß die Spaltung von damals nicht bis in den gemeinsamen Wurzelstock gegangen ist und daß das Gemeinsame unseres Glaubens wesentlich tiefer und weiter reicht als das Trennende" (Das katholisch-lutherische Gespräch über das Augsburger Bekenntnis, Dokumente 1977 - 1981, herausgegeben von H. Meyer = LWB Report 10, August 1982, S. 56f und 54).

4. "Differenzierter Konsens"

Aus mannigfachen Gründen stehen die evangelischen und noch mehr die katholischen Theologen dem Gedanken der Fundamentalartikel und einer ökumenischen Anwendung der "hierarchia veritatum" skeptischer gegenüber. Stattdessen hat sich der Begriff eines "differenzierten Konsenses" eingebürgert. Das Wort Konsens wurde im ökumenischen Gespräch ohnehin immer mehr durch qualifizierende Eigenschaftsworte bestimmt: "weitreichender Konsens", "Konsens in der Sache", "wachsende Konvergenz", "fundamentale Gemeinsamkeit". Damit will man sagen, die zur Kirchengemeinschaft erforderliche Übereinstimmung ist in der umstrittenen Problematik durchaus erreicht, aber die Art der Übereinstimmung muß noch näher spezifiziert werden. Ein erreichtes Konsens-Stadium schafft noch nicht Einheit. So meint der Konsens im Prozeß der Einigung eine Vorform voller und sichtbarer Gemeinschaft.

In der "Gemeinsamen Erklärung" hat man für die spezifische Struktur der erzielten Übereinstimmung einen eigenen Begriff geprägt, nämlich "Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre" (vgl. Nr. 5, Nr. 13, Nr. 40). Zwei Elemente sind vor allem wichtig. Einmal handelt es sich um "Grundwahrheiten": Eine Einigung darüber ist zwar noch kein voller Konsens, z.B. in der Entfaltung der ganzen Rechtfertigungslehre, aber es gibt eine Übereinstimmung bezüglich der Fundamente und tragenden Überzeugungen. Falls noch Unterschiede verbleiben, wird diese Gemeinsamkeit nicht einfach aufgehoben. Man hat bewußt nicht formuliert "Konsens in den Grundwahrheiten", sondern hat artikellos und weniger bestimmt von einem "Konsens in Grundwahrheiten" gesprochen. Es könnte also durchaus noch andere Grundwahrheiten geben, bei denen der Konsens nicht oder noch nicht feststeht. Dieser Befund wird immer wieder in verschiedener Form umschrieben, z.B. "ein hohes Maß an gemeinsamer Ausrichtung und gemeinsamem Urteil", "ein gemeinsames Verständnis unserer Rechtfertigung".

Dies führt zu befreienden Feststellungen. Die Gemeinsame Erklärung "enthält nicht alles, was in jeder der Kirchen über Rechtfertigung gelehrt wird" (Nr. 5); sie zeigt jedoch, "daß die weiterhin unterschiedlichen Entfaltungen nicht länger Anlaß für Lehrverurteilungen sind" (Nr. 5). "Die unterschiedlichen Entfaltungen in den Einzelaussagen sind damit (d.h. mit einem Konsens in Grundwahrheiten) vereinbar" (Nr. 14). Es gibt also noch Fragen "von unterschiedlichem Gewicht, die weiterer Klärungen bedürfen", aber es herrscht auch die noch wichtigere Überzeugung vor, "daß das erreichte gemeinsame Verständnis eine tragfähige Grundlage für eine solche Klärung bietet" (Nr. 42). Es gibt also trotz aller Gemeinsamkeit noch offene Fragen in der Rechtfertigungslehre und darüber hinaus, sie haben aber - auch wenn sie gewichtig sind - nicht zur Folge, daß die Einheit der Kirchen nicht gegeben ist. Es gibt also innerhalb der Gemeinsamkeit legitime Differenzen. Sie sind auch nicht grundsätzlich und durchgängig nur die Signatur eines Mangels, sondern sie sind stets davon geprägt, daß die Kirche eine Einheit in Vielfalt, auch in diesem Sinne "Fülle", ist. Das Ausmaß der Verschiedenheit bei einem solchen "differenzierten Konsens" muß freilich jeweils geklärt werden.

5. Die Legitimität des theologischen Vorgehens

Bei vielen bleibt ein Mißtrauen. Nimmt man die Wahrheit in Aussagen gerade des Bekenntnisses, für das viele Menschen Haus und Hof, Heimat und Leben hingegeben haben, ernst? Walten hier nicht zu rasch Beliebigkeit und Manipulation, wie man eine wächserne Nase nach allen Seiten formen kann? Immer wieder werden hier unzulängliche Modelle entworfen und unglückliche Antworten versucht. So sind manche der Meinung, die Annahme der Gemeinsamen Erklärung habe auch eine Aufgabe der Entscheidungen des Konzils von Trient zur Folge. Dies aber wäre ein unannehmbares Mißverständnis.

Wir sehen dank der exegetisch-historischen und hermeneutisch-theologischen Kenntnisse die damaligen Texte in einem lebendigen Fluß und in einem umfassenderen Kontext. Wir erheben uns deshalb nicht dünkelhaft über die Entscheidungen der Väter, aber wir können manches dennoch tiefer verstehen. Man kann z.B. heute besser zwischen der Intention des Gesagten und der sprachlichen Form, den diese gefunden hat, unterscheiden. Man kann eine begrenzte Aussageabsicht erkennen, die man später oft zu sehr ausgedehnt hat. Man hat im harten Gefecht und in der Polemik, die die gegnerische Position gelegentlich auch perspektivisch verkürzt, letztlich doch aneinander vorbeigeredet, wie wir dies auch heute noch in Situationen des Streits feststellen. Indem man solche Begrenzungen und manchmal auch Deformationen erkennen kann, lassen sich einzelne Texte wenigstens in den Extrempositionen entschärfen. Außerdem kann man entdecken, daß die einzelnen Partner nicht immer dieselbe Sprache sprechen. Es gibt unterschiedliche Begrifflichkeiten, andere Zugänge und verschiedene Annäherungsweisen an die Rechtfertigung. Dies betrifft z.B. Grundbegriffe wie Sünde, Konkupiszenz, Heilsgewißheit und Verdienst bzw. Werke. Wir können heute manchmal sicherer erkennen, daß sich diese verschiedenen Verständnismöglichkeiten nicht schlechthin ausschließen müssen, sondern sich nicht selten komplementärhaft ergänzen können. In einer unmittelbaren Kampfsituation kann man dies vielleicht nicht immer deutlich genug wahrnehmen. Sehr viele Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zeigen unmißverständlich, daß in der Situation der Polemik solche Entfremdungen voneinander entstehen können, die Menschen geradzu blind machen können. Vielleicht muß man diese Art von Erkenntnis von innen her kennen, um ihr wirklich ganz zu trauen. aber sie hat natürlich auch ihre Gefahren, die freilich nicht automatisch eintreten müssen. Man kann z.B. nicht alles nur auf verschiedene Sprach- und Denkformen reduzieren. Es gibt nun einmal inhaltliche Aspekte, die Differenzen enthalten, und die man nicht leugnen kann (vgl. Nr. 18 - 39, 43).

Die Gemeinsame Erklärung ist aber darüber hinaus noch viel bescheidener. Sie nimmt sich nicht heraus, über die objektive Wahrheit früherer Aussagen von hoher Warte aus zu urteilen, sondern man fragt sich, ob die heutigen Partner von den damaligen Verurteilungen betroffen sind. So heißt es: "Die in dieser Erklärung vorgelegte Lehre der lutherischen Kirchen wird nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen. Die Verwerfungen der lutherischen Bekenntnisschriften treffen nicht die in dieser Erklärung vorgelegten Lehre der römisch-katholischen Kirche." Dieser wichtige Satz wird auch an zentraler Stelle in der "Gemeinsamen Offiziellen Feststellung" zitiert. Die Erklärung hat in diesem Sinne eine doppelte Zielsetzung, daß sie nämlich die Übereinstimmung in "Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre" erweist und daß die wechselseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts den heutigen Partner nicht mehr treffen. Die wissenschaftliche Forschung und das ökumenische Gespräch haben ja auf ihre Weise auf diesen beiden Wegen die "Gemeinsame Erklärung" vorbereitet.

6. Die ökumenische Bedeutung

Man muß die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Katholischen Kirche mit Augenmaß und Gelassenheit verstehen und werten. Übertreibungen schaden ebensoviel wie Unterschätzungen. Ich verstehe die Gemeinsame Erklärung vor dem Hintergrund einer bald 500jährigen Trennungsgeschichte -wie schon eingangs gesagt - als einen Mark- und Meilenstein auf dem Weg zum Wiedergewinnen der kirchlichen Einheit.

Es sind hauptsächlich zwei Elemente: Bei allen einzelnen Fortschritten standen die gegenseitigen Verurteilungen in der Lehre im Weg. Mancher mag sie in den Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts und in den dogmatischen Entscheidungen des Konzils von Trient als Gerümpel aus einer fernen Zeit verstehen. In Wirklichkeit sind diese Texte in den Kirchen immer noch gültige Aussagen. Man soll sie auch nicht in einem milden, aber überheblichen Licht der Aufklärung einfach beiseiteschieben. Viele Vorfahren haben dafür ihr Leben und ihre Heimat gelassen. Die Amtsträger sind und werden heute noch auf diese Bekenntnisse verpflichtet. Es ist eine Sache der Redlichkeit und der gedanklichen Sauberkeit, sich daran abzuarbeiten und nach Möglichkeit diese Hindernisse abzubauen oder wenigstens zu verringern. Dann ist der Weg freier, um eine noch größere Annäherung festzustellen und auch zu beschleunigen, wie es nicht nur in der Gemeinsamen Erklärung, sondern in vielen gemeinsamen Aktivitäten der Kirchen längst geschieht. Wenn man bedenkt, wie schmerzlich die wechselseitige Verketzerung und der daraus entstandene Streit seit über 450 Jahren die Christenheit vor allem in unserem Land belasten, dann hat man Grund zum gemeinsamen Dank.

Die Augsburger Vereinbarung ist ja auch nicht rasch mit heißer Nadel gestrickt und in den letzten Monaten wieder nach aufgetretenen Schwierigkeiten von Kirchendiplomaten mühsam zusammengeflickt, wie manche meinen, sondern hinter diesem sehr knappen Text stehen viele gediegene Forschungen und intensive ökumenische Gespräche sowie Untersuchungen aus über 40 Jahren. Der Text spricht zwar für sich selbst, aber diese Vorstufen sind wie notwendige Kommentare, jedenfalls wenn man wissenschaftliche Belege sucht.

Die Gemeinsame Erklärung ist bei aller Verbindlichkeit vorerst "Papier". Es gab in der Dialoggeschichte schon viele unwirksam gebliebene Vereinbarungen. Deshalb muß die Erklärung zuerst mit Leben erfüllt werden. Die Texte müssen nun auf vielen Ebenen überhaupt erst einmal zur Kenntnis kommen. Man kann sie ja auch durchaus meditieren. Es tut allen Kirchen gut, wenn über die zentralen Aussagen des Glaubens ausführlicher gepredigt und sie in den Bildungsveranstaltungen eingehender erklärt würden. Die theologische Lehre in allen Ausbildungsgängen kann nicht mehr über die Rechtfertigung und damit über das Bild vom Menschen (Theologische Anthropologie) sprechen, ohne diesen Schlüsseltext gemeinsamen ökumenischen Bemühens zu behandeln. Für die katholische Theologie ist dies wohl so etwas wie eine "authentische Interpretation" des Dekretes des Konzils von Trient über die Rechtfertigung. Natürlich wird auch die Forschung weitergehen, besonders über einige noch strittige Fragen wie "Gerecht und Sünder zugleich", die Heilsgewißheit und das Verständnis der Werke bzw. Verdienste. Es müßte doch möglich sein, bei allen Unvollkommenheiten und Grenzen zu einem solchen Dokument auch dann Ja zu sagen, wenn man an der Sache kritisch weiterarbeiten muß. Hier scheint mir noch weithin die nötige Gelassenheit zu fehlen.

Vielleicht muß man Sofortwirkungen, mittelfristige Erwartungen und längerfristige Annäherungsprozesse unterscheiden. Am Ende zielt vieles auf eine wechselseitige Einladung zur Eucharistie und schließlich die gemeinsame Feier des Herrenmahls. Wenn wir die Gemeinsame Erklärung ernstnehmen und wirklich auch im Leben einlösen, sind wir diesem großen Ziel ein gutes Stück nähergekommen. Aber bis zu diesem Schlußakkord dauert es nach katholischer Auffassung noch einige Zeit. Ich kann die Ungeduld und vielleicht sogar auch das Unverständnis vor allem der Mitchristen verstehen, die bis in die engste menschliche Zelle von Ehe und Familie hinein ohne Schuld die Last der Trennung tragen mußten. Aber wir sollten trotz des Rechts auf aktive Ungeduld verantwortungsvoll mit offenen Fragen im Blick auf Kirche, Amt und Sakramente umgehen.

7. Zur notwendigen Neuinterpretation

In allen Phasen der Vorbereitung der Gemeinsamen Erklärung wird an die große Aufgabe erinnert, die nun beide Kirchen im Blick auf die Zukunft haben, nämlich die Rechtfertigungsbotschaft für fragende Menschen von heute neu zu deuten. Dies ist schon eine seit langer Zeit gestellte Aufgabe. Diese Notwendigkeit ist schon lange schmerzlich bewußt. Die IV. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes hatte 1963 in Helsinki unter dem Leitwort "Christus heute" sich um eine Interpretation des reformatorischen Rechtfertigungszeugnisses für die Gegenwart bemüht. Wie immer man die damals verabschiedeten Dokumente beurteilt, es kam zu keinem überzeugenden Ergebnis. In allen Teildokumenten kommt darum diese Forderung mit Recht - nun von beiden Seiten - wieder auf die Tagesordnung. In der "Gemeinsamen Offiziellen Feststellung" heißt es darum am Ende: "Lutheraner und Katholiken werden ihre Bemühungen ökumenisch fortsetzen, um in ihrem gemeinsamen Zeugnis die Rechtfertigungslehre in einer für den Menschen unserer Zeit relevanten Sprache auszulegen, unter Berücksichtigung der individuellen und der sozialen Anliegen unserer Zeit."

Von da aus kann man verschiedene Wege gehen. Ich möchte zuerst unterscheiden zwischen dem Evangelium der Rechtfertigung, also der Rechtfertigungsbotschaft, und der Rechtfertigungslehre, die - sehr stark in der Sprache der Theologie des 16. Jhrs. - theologische Lehrstücke zur Sprache bringt. Der Unterschied muß differenziert gehandhabt werden. Die Lehre will natürlich die Botschaft in einen inneren Zusammenhang und vor allem begrifflich zur Sprache bringen.

Dies scheint mir bis heute ein mannigfaches Problem zu sein. Allzu leicht bleibt man nämlich bei einer Wiederholung oder Paraphrasierung der Worte der Heiligen Schrift stehen, oder aber man flüchtet in eine gewisse Theorie der Rechtfertigung, die dann ihrerseits wieder in Gefahr steht, bei dogmatischen Lehrsätzen und manchmal auch bei einer Doktrinalisierung stehenzubleiben. Diese sind dann den theologischen Kennern vorbehalten. Ich muß gestehen, daß mir der Rückgriff auf diese Sprache nicht selten etwas pathetisch vorkommt. Es gelingt nicht so recht, das lebendige Evangelium der Rechtfertigung unter Zuhilfenahme der Bekenntnisschriften und dogmatischer Einsichten mit der modernen Lebenswelt in Verbindung zu bringen. Deshalb gewinnt man auch den Eindruck, die durchschnittliche Frömmigkeit in Gemeinde und Kirche bliebe von dieser Botschaft merkwürdig wenig berührt.

Ich sage dies nicht aus einer überlegenen kritischen Attitüde. Denn wir haben auch bisher immer schon dieselbe Aufgabe gehabt und müssen uns in Zukunft viel mehr gemeinsam um eine Lösung bemühen. Man muß hier auch auf Luther schauen, der bei aller Vorliebe für die Sprache und Theologie der Rechtfertigung in den Katechismen auf die Terminologie der Rechtfertigung weitgehend verzichtete und dasselbe gerne mit dem Begriff der Heiligung zum Ausdruck brachte. Deshalb scheint es mir auch wichtig zu sein zu erkennen, daß die biblische Botschaft vom Heil in einer großen Bandbreite spricht und viele andere Grundworte erschließt, wie "Befreiung zur Freiheit", "Versöhnung", "Frieden mit Gott", "neue Schöpfung", "Heiligung in Christus Jesus" (vgl. GE Nr. 9 bis 11). So heißt es dann abschließend: "Herausragend unter diesen Bezeichnungen ist die Beschreibung als `Rechtfertigung´ des Sünders durch Gottes Gnade im Glauben (Röm 3,23-25), die in der Reformationszeit besonders hervorgehoben wurde." (GE, Nr. 9) Dies entspricht auch vielen biblischen Untersuchungen.

Dies alles genügt jedoch noch nicht. Eine einfache Umschreibung der Rechtfertigungsbotschaft kann uns vielleicht zunächst weiterhelfen. Der Rechtfertigungsartikel weist auf das Evangelium hin, und zwar als Wort und als Tat der göttlichen Liebe. Gott macht in Jesus Christus unser verwirktes Leben zu dem seinigen und schenkt uns sein Leben, seine Gerechtigkeit. Ihm gehören wir im Leben und im Sterben. Im Kreuz ist über unser Heil und Unheil entschieden worden. Dies ist die Form der Zuwendung Gottes zu uns. Gott liebt bedingungslos und kennt keine Voraussetzung. Jesus ist dem nahe, der in der Sünde seine Verlorenheit und zugleich das Angewiesensein auf Gottes Barmherzigkeit erfährt.

Immer wieder hat sich der Mensch an dieser Wahrheit gestoßen. Wir haben Probleme, die Einfachheit der Rechtfertigungsbotschaft anzunehmen. Aber dahinter steht mehr: Wir unterliegen dem ständigen Druck, das Entscheidende zum Gelingen des Lebens selbst zu verantworten und leisten zu müssen. Wir ertragen es schlecht, bis auf den Grund und Kern unseres Menschseins Empfangende zu sein. Wir schieben uns immer wieder vor und glauben, daß wir uns selbst rechtfertigen müssen und können. Nach dem Evangelium ist dies eine grundlegende Selbsttäuschung, denn nur Gott kann uns letztlich durch Vergebung und Versöhnung retten. Die reformatorische Theologie steigert dies noch durch das dreimalige "allein": sola gratia, sola fide, solus scriptura.

Wenn wir dies heute dem fragenden und suchenden Menschen neu nahebringen wollen, dann werden wir gewiß nicht einsetzen bei Luthers "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Sondern wir müssen die Rechtfertigung radikal neu bedenken von der Erfahrung unserer Leere, Ungerechtigkeit und Absurdität ("Sünde") und von dem her, was Gott im Leben des Menschen bedeutet. In diesem Sinne kann eine Neuauslegung des Rechtfertigungsgeschehens nur von einer radikalen Besinnung auf den Glauben an Gott und die Verlorenheit des Menschen in der Sünde ausgehen. Gerade hier haben wir jedoch schwere Defizite.

Die Verabschiedung der Gemeinsamen Erklärung bedeutet für die Kirchen die heilige Verpflichtung, in dieser Richtung ein neues Verständnis der Rechtfertigung zu suchen.

Dies kann aber nicht gelingen, wenn wir bei alle Treue zur Bibel nur die Worte der Schrift wiederholen oder uns ohne Interpretation der traditionellen Begriffe bedienen. Wir brauchen dringend eine Konfrontation der Rechtfertigungsbotschaft mit der neuzeitlichen Lebenserfahrung, und zwar des Individuums und der menschlichen Gemeinschaft. In diesem Sinne ist die Rechtfertigungsbotschaft heute der Artikel, mit dem Kirche steht und fällt. Es gibt heute nämlich viele Bewährungsfelder, auf denen uns die Relevanz der Rechtfertigung überzeugend aufgehen kann. Ich wähle in aller Kürze fünf Themenkreise, um das Gesagte ein wenig zu veranschaulichen:

· Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt immer wieder zur Einsicht, daß wir eine wahre Sinnhaftigkeit von uns aus nicht herstellen und garantieren können. Alle Suche nach der Selbstverwirklichung des Lebens kommt zur Einsicht, daß wir unseren Daseinsentwurf nicht im Sinne einer totalen Autonomie gestalten können. Wir sind - um Martin Luther aufzunehmen - immer Bettler und Beschenkte. Aber dies darf keine billige Gnade sein. Wenn wir aus der neu geschenkten Freiheit leben, dann müssen wir auch unser Leben ändern.

· Überall stoßen wir auf die Schuldfrage. Das Evangelium verlangt von uns, daß wir Schritte der Aussöhnung suchen, und zwar individuell und kollektiv. Aber wir können von uns aus nicht, wie wir gerne vorgeben, die Vergangenheit aufarbeiten. Wir Menschen können nur durch Gottes Versöhnung uns versöhnen lassen. Wir bleiben allzu gerne nur diejenigen, die immer nachtragend sind, unversöhnlich bleiben und uns endlos und mit vielen Finessen selbst rechtfertigen. Reine Vergebung kommt von Gott wie die Wunder der Schöpfung und der Auferstehung.

· Weil wir soviel im technischen Bereich erfinden, planen, konstruieren und produzieren können, setzen wir immer mehr auch in anderen Lebensbereichen auf das "Machen". Wir sind - auch bei manchen Enttäuschungen - geradezu besessen von der Ideologie der Machbarkeit, stranden aber immer wieder an den Fragen des Leidens und des Scheiterns. In Frage gestellt werden soll nicht die Fähigkeit des Menschen mit seiner schöpferischen Verantwortung, sondern der Wahn, alles selbst und besser machen zu können.

· Wir suchen nach Gerechtigkeit. Dies geschieht meist nach unseren Vorstellungen von den gerechten Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Wenn wir in das Evangelium hineinschauen, erscheint Gottes Gerechtigkeit fundamental zugleich mit dem Eintreten für die Schwachen und Verlorenen. Es wäre fatal, menschliche "Leistung" der Rechtfertigung "allein aus Gnade" entgegenzusetzen. Hier ist nach beiden Seiten, einer Leistungsverweigerung und einer Leistungsüberschätzung, viel Unsinn geschehen. Wer die Gaben hat, etwas für die Gemeinschaft und zum Wohl des Menschen zu leisten, wird auch in diesem Sinne beansprucht und gefordert. Aber das Leben dessen, der vor allem aus unverschuldeten Gründen den Leistungsanforderungen nicht gerecht wird, hat auch seine Würde. Die Rechtfertigungsbotschaft kann uns hier nach allen Seiten Neues lehren.

· Freiheit ist ein kostbares Gut, wonach alle streben. Die Menschen haben - wenigstens in den westlichen Zivilisationen - einen großen Zuwachs an Freiheitsrechten gewonnen. Dies kann man im Grundsatz nur begrüßen. Zugleich machen die Menschen jedoch die Erfahrung, daß sie dieser Freiheit vielfach nicht gewachsen sind und sie sich selbst nicht als frei erfahren. Offenbar bedarf es erst einer Befreiung zur Freiheit in Christus (vgl. Gal 5,1), damit wir von ihr einen rechten Gebrauch machen. Dieser tiefe Zusammenhang im Sinne des Titels dieses Vortrags "Frei aus Glauben" bedarf erst noch der vollen Entdeckung im Sinne seiner Bedeutung für das moderne Freiheitsproblem.

Dies können nur einige Andeutungen sein, die bewußt die individuelle und existentielle Dimension mit soziostrukturellen Zusammenhängen verbinden. Dabei haben wir es uns in den letzten Jahrzehnten nicht selten leicht gemacht, indem wir das Thema der Rechtfertigung stark nach außen und in die Sozialwelt hinein proklamiert, uns selbst aber weitgehend verschont haben. Ohne Umkehr im Sinne der Propheten und Jesu gibt es aber kein Christentum. In diesem Sinne werden wir durch eine Erneuerung der Rechtfertigungsbotschaft ganz entschieden als Christen herausgefordert.

In diesem Sinne darf die Gemeinsame Erklärung von Augsburg - wie schon gesagt - kein ungedeckter Scheck bleiben. Nach Augsburg 1999 darf nicht einfach alles so weitergehen wie bisher. Eine Ökumene, die uns nicht gemeinsam näher zu Gott und Jesus Christus und dadurch auch zu den Menschen bringt, verdient diesen Namen nicht. Augsburg 1999 ist eine wichtige Zwischenstation und Etappe, die frischen Mut und neue Kraft verleihen kann. An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend scheint mir dies eine unersetzliche Hilfe und ein kostbares Geschenk zu sein.

Augsburg 1999 erinnert uns auch an Augsburg 1530, als das Augsburgische Bekenntnis vor eine letzte Entscheidung stellte, ob die Einheit der Kirche nochmals gerettet werden könne oder nicht. Vieles stand auf des Messers Schneide. Man kann daran auch erkennen, wieviele nicht-theologische Faktoren an der Situation beteiligt waren. Wir haben jedenfalls nochmals in der Gemeinsamen Erklärung eine beispielose neue Chance erhalten, wieder näher zueinander zu kommen. Augsburg 1999 darf deshalb nicht scheitern. Heute hängt dies weniger von den Mächtigen und den Fürsten ab als vielmehr von uns allen. Die 95 Thesen, die Martin Luther der Tradition nach am Vorabend von Allerheiligen 1517 an die Schloßkirche in Wittenberg heftete, rufen auch uns alle zusammen. Lassen Sie mich nur zwei Thesen an den Schluß stellen. Am Anfang heißt es: "1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: `Tut Buße´ usw. (Mt 4, 17) hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei." In der Mitte finden wir in These 62 die tiefe Aussage, gerade im Blick auch auf die Ablaßfrage: "Der wahre Schatz der Kirche ist das hochheilige Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes."

 

II. BRÜCKENBAU UND BRÜCKENBAUER IN EUROPA

Festvortrag anläßlich der Verleihung der St. Liborius-Medaille für Einheit und Frieden an Herrn Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl in der PaderHalle zu Paderborn

Europa ist schon lange eine Vision. Es waren nicht nur Politiker, sondern vor allem auch Schriftsteller, die gegen den Nationalismus in Europa zu Feld zogen und poetisch-utopisch ein Gemeinschaftsgefühl beschworen, das endlich aus der verwirrenden Vielfalt und der tödlichen Zerstrittenheit herausführen sollte. Oft genug sind sie von denen belächelt worden, die sich als "Pragmatiker" auf das "Machbare" beriefen. Eine neue europäische Kooperation wurde dabei vielfach als Voraussetzung der Friedenssicherung und der Wahrung einer gemeinsamen Kultur verstanden. Die Visionen und Polemiken sind von einer verblüffenden Aktualität. Fast überall lebt die Sehnsucht nach einer Überwindung enger Grenzen, nationalistischer Übersteigerung, ruinösen wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerbs und überholter Kleinstaaterei. Viele trauern noch um den unsinnigen Tod so vieler auf den Schlachtfeldern Europas.

Hinzu kommen heutige Ängste. Jahrzehntelang war Europa in Ost und West gespalten. Die Mauer durch Deutschland und Mitteleuropa schien der einzige wirkliche Gegensatz zu sein. Nachdem sie gefallen ist, zeigt es sich, wie viele Sperren noch in unseren Köpfen sind. Dies gilt für ganz Europa. Alte nationalistische Einstellungen, die wir längst überwunden glaubten, stehten über Nacht wieder auf. Allianz-Muster aus dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit gewinnen in den Beziehungen der Staaten untereinander wieder an Gewicht. Blutige Bürgerkriege, wie im ehemaligen Jugoslawien, zerschlagen jäh unsere Europaträume. Viele glauben auch, wir müßten zu viel für dieses Europa opfern: eine stabile Währung, einen relativ hohen Lebensstandard, viele soziale Errungenschaften, große Freiheiten, kulturelle Vielfalt und regionalen Reichtum. Sie wittern einen mächtigen Verwaltungsapparat, der mit seiner bürokratischen Macht vieles einebnet und in eine gleichmacherische Uniform preßt. Manchen erscheint der Integralismus der Europäischen Union mit seinen vielen Regelungsmechanismen wie das große Tier der Apokalypse. Diese Angst wird zuweilen auch bewußt geschürt.

Aber es darf nicht bei dieser unfruchtbaren Gegensätzlichkeit bleiben. Wir dürfen uns nicht entmutigen und zerreiben lassen zwischen einer Europa-Vision, die an der Wirklichkeit schnurstracks vorbeiläuft, und einem platten Pragmatismus, der keine moralische Kraft aufbringt gegen den Druck der Stärkeren, der Anpassung aller an das, was ist, und der Gewalt derer, die sich rücksichtslos durchsetzen.

Mit diesen allgemeinen Erwartungen, die manchmal eher Wunschbilder sind, und dieser resignierten Einschätzung der Wirklichkeit läßt sich jedoch eine so große Aufgabe wie ein neues Europa nicht erfüllen. Wir müssen uns neu auf die realen Möglichkeiten und unsere Verantwortung besinnen, um die Zukunft gewinnen zu können.

Das neue Europa ist nicht die Wiederherstellung einer früheren geschichtlichen Stufe seiner Existenz, es wird aber auch nicht einfach in den Treibsand einer geschichtslosen Zukunft hineingesetzt. Der wahre Blick in die Vergangenheit kann auch befreiend wirken für die Zukunft. Europa war eigentlich von Anfang an und besonders auch in der Neuzeit immer eine Einheit in Vielfalt. Seine Kultur war aus griechischen, römischen, jüdisch-christlichen, arabischen und humanistischen Wurzeln gewachsen. Immer ging es um die zentralen Ideen der Freiheit, der Menschenwürde und der Verantwortung, die mehr und mehr von den Institutionen der Demokratie geschützt wurden. Die schwierige Aufgabe einer wirklichen Einigung des vielgestaltigen Europa ist durch die Teilung in Ost und West lang verdeckt geblieben. Wir haben eher mit der Dauerhaftigkeit der Teilung gerechnet. Der Ernstfall einer europäischen Einigung aus Ost und West war lange Zeit eher eine Utopie, auch wenn viel davon gesprochen worden ist. Nun besteht die echte Möglichkeit, daß Europa wieder neu zu sich kommt und zu sich erwacht. Die Revolutionen in Mittel- und Osteuropa haben dazu beigetragen, daß in Europa die Geschichte nicht mehr stillsteht, sondern daß sie neu in Bewegung geraten ist.

Was daraus entsteht, ist jedoch keineswegs eine einfache, überschaubare Größe. Der eiserne Vorhang hat uns bis zur Wende des Jahres 1989 die grundlegende Orientierung sogar relativ leicht gemacht. Geistige Bewegungen und politische Systeme prallten eindeutig aufeinander. An der Mauer konnte man gut sortieren, was der Freiheit dienen sollte und was der Versklavung zugearbeitet hat. Aber in Wirklichkeit war dieses Europa immer äußerst komplex und keineswegs homogen. Vielleicht haben uns im ersten Augenblick unter dem Einfluß eines mitunter recht hochgestimmten Enthusiasmus manche Schlagworte die Vielfalt der inneren Situation etwas vernebelt. Die Bilder vom "gemeinsamen europäischen Haus" oder von der "europäischen Familie" sind nicht falsch, aber sie haben in ihrer Plausibilität über die Schwierigkeiten hinweggetäuscht. Auch das Stichwort "Mitteleuropa" war mehr gefühlsbetont als konkret.

Dies gilt besonders auch im Blick auf die deutsche Situation. Politik und Kultur waren immer abhängig von europäischen Einflüssen. Diese strömten in die Mitte Europas ein, wurden dort aufgenommen, umgeschmiedet, auf schöpferische Weise zu Eigenem verarbeitet und schließlich wieder nach anderen Seiten hin ausgestrahlt. Erst in diesem beständigen Austausch erhält die deutsche Geschichte Eigenart und Kontinuität. Für sich als Nationalstaat fehlt ihr ein gutes Stück dieser Identität. Wir sind eine "verspätete Nation", die besonders vielen Versuchungen ausgesetzt war und bleibt. Die deutsche Kultur und Sprachgemeinschaft kann nicht zur Identität eines Nationalstaates führen. Dies ist in den letzten zwei Jahrhunderten mehrfach mißlungen. In diesem Sinne ist die deutsche Geschichte immer - und sei es auf verborgene Weise - europäisch bestimmt und bestimmend gewesen, gerade auch dann, wenn diesem Europa Wunden geschlagen worden sind. Es ist das Verdienst der großen europäischen Staatsmänner nach dem Zweiten Weltkrieg, daß sie die künftige Bestimmung Deutschlands und die Zukunft Europas, ja der Nationalstaaten und des ganzen Kontinents engstens zusammengesehen haben. Ich brauche nur Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Charles de Gaulle und nicht zuletzt Papst Pius XII. zu nennen. Helmut Kohl ist ein würdiger Nachfolger dieser Pioniere.

Von deutscher Geschichte und damit auch von deutscher Zukunft kann man deshalb auch nur ohne erneute Gefährdungen sprechen, wenn man auf Europa als Herkunft und als zukünftige Größe blickt. Die deutsche Geschichte wird künftig nur eine eigene Identität haben, wenn sie diesen inneren Zusammenhang mit Europa wahrt.

Europas Geschichte ist spannungsvoll und widersprüchlich. Sie hat auch Rückseiten. Es ist eine Geschichte der unaufhörlichen Kriege, des Imperialismus, der Unterdrückung der übrigen Welt, des Ausblutens anderer im Dienste unseres Wohlstands. Sind nicht auch viele Ideale und Träume der Freiheit Vorwand für Anarchie und Willkür gewesen? Die Demokratie kam nur auf Umwegen zu uns. Sie ist nicht der europäische Regelfall. Wir haben heute eine besonders gute Chance. Die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute ist die längste Friedenszeit, die Europa jemals erfahren hat. Die Zukunft Europas ist so offen wie schon lange nicht mehr. Die vielen Nationen dürfen jedoch nicht in den alten Fehler zurückfallen, vorwiegend ihre nationalen Eigeninteressen zu entfalten. Die Nation ist trotz des hohen Ranges, der ihr zukommt, nicht der höchste Wert einer Gemeinschaft. Eine solche Situation der Offenheit, wie sie uns seit 1989 geschenkt ist, hat auch ihre Gefahren, die eine große Wachsamkeit erfordern: Die großen Flügelmächte hielten uns in Schach; wenn sie sich jetzt mit gutem Grund eher zurückziehen, dürfen nicht die alten Bündniskonstellationen aus dem Abgrund der Geschichte auftauchen. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts dürfen sich nicht vergeblich ereignet haben. Der Schatten des deutschen Kolosses in der Mitte Europas ist lang. Die Einheit Deutschlands und Europas brauchen einander. Noch nie waren die Deutschen so eng mit dem Westen, mehr und mehr mit dem Osten und mit dem ganzen Europa verbunden wie heute.

Es braucht eine neue Identität Europas, die freilich nicht nur im politischen Bereich oder in der Übereinstimmung wirtschaftlicher Interessen gründen kann. So wichtig das Zusammenwachsen in der politischen und ökonomischen Dimension auch sein mag, so darf die kulturelle, d.h. geistig-spirituelle und ethische Identität des neuen Europa nicht so vernachlässigt werden, wie dies bisher weithin der Fall war. Die Frage nach diesen geistigen Wurzelkräften des künftigen Europa läßt sich auch nicht durch den bloßen Hinweis auf die je verschiedenen Kulturen in den einzelnen Regionen und Ländern, Sprachen und Nationen oder gar durch den Hinweis auf die weltanschauliche Neutralität und die Religionsfreiheit beantworten. Denn dies würde, spirituell und ethisch gesehen, einen Rückzug auf die Pluralität gleichgültig nebeneinander stehender Weltanschauungen oder einer Fluchtbewegung ganz ins Private gleichkommen. Tendenzen dafür gibt es genug. Hier hat der Westen gewisse Reserven der Länder und Kirchen in Mittel- und Osteuropa noch nicht genügend begriffen.

Die europäische Kultur ist - wie schon gesagt - aus vielen Wurzeln zusammengewachsen. Der Geist Griechenlands und die römische Welt, die Errungenschaften der lateinischen, keltischen, germanischen und slawischen Völker, die hebräische Kultur und auch die islamischen Einflüsse gehören zu diesem Ganzen. Auch wenn die Völker Europas vielleicht häufiger gegeneinander als miteinander gehandelt haben, so entstammen sie doch einer gemeinsamen kulturellen Überlieferung. Es gibt auch keine Epoche, die nicht an diesen geistigen Grundlagen weitergebaut hätte. Europa war immer ein solches Wagnis im Wandel und ist darum auch heute ein "unvollendetes Projekt" (J. Habermas). Es wäre eine Fiktion, sich so zu verhalten, als ob dies je anders gewesen wäre, und es wäre ein Versäumnis, die heute uns gegebene Chance nicht zu ergreifen.

Die Spaltung Europas hat das Schwergewicht auf Westeuropa und die Völker germanischer und romanischer Herkunft verschoben. Wir müssen wieder neu lernen, daß die slawische Welt gleichursprünglich und gleichberechtigt zu diesen Säulen Europas gehört.

Es ist müßig, sich um die Vorherrschaft des einen oder anderen kulturellen Elementes im geistigen Fundament Europas zu streiten. Niemand kann nämlich leugnen, daß der christliche Glaube ganz entscheidend zum bleibenden Wurzelboden Europas gehört. Daran haben auch die Kirchenspaltungen des 11. und 16. Jahrhunderts in Ost und West nichts ändern können, so sehr die einheitsstiftende Kraft des christlichen Glaubens dadurch bis heute empfindlich geschwächt wurde. Europa wurde der erste Kontinent, der sich in seinem ganzen vielgestaltigen Erbe vom christlichen Glauben erfassen ließ und damit die Voraussetzung schuf für eine vom Glauben der Kirche geprägte Einheit und Kultur.

In diesem Sinne sprechen wir mit Recht von "christlichen Wurzeln" Europas. Niemand will damit behaupten, "Europa" und "Christentum" würden schlechthin zusammenfallen. Eine solche Identifizierung wäre auch nicht im Interesse des Christentums selbst, denn der christliche Glaube ist eine Einladung zur Gemeinschaft mit Gott, die an alle Menschen gerichtet ist. Das Christentum darf in seiner universalen Sendung nicht "eurozentrisch" verkürzt werden. Es hat durch die Kraft des Geistes die Fähigkeit zur Inkulturation bei allen Völkern und in allen Sprachen. Aber niemand wird deshalb leugnen, daß der christliche Glaube der Kultur Europas so sehr Gestalt verliehen hat, daß sie ohne ihn ihre Identität nicht bestimmen könnte. Auch der einzelne Europäer, selbst wenn er sich vom Glauben völlig lossagen sollte, muß sich immer wieder der Frage nach dem Sinn des Christentums und der von ihm inspirierten Kultur stellen.

Die Neuheit und die tief wirksame, ja unverbrauchbare Kraft des christlichen Glaubens zeigt sich in der europäischen Kultur auch dann noch, wenn andere, zum Teil auch entgegengesetzte oder feindselige Tendenzen die Geschichte mitbestimmen. Der christliche Glaube hat auch sehr viele Anstöße für Einstellungen und Einrichtungen gegeben, die - wenigstens später - oft außerhalb der Kirche oder manchmal auch gegen sie verliefen. Man denke nur an den Humanismus, die Rolle der Technik, die Bedeutung der Wissenschaft und die Entdeckung sowie den Rang der Menschenrechte. Auch die konkrete Humanität Europas ist noch in Bewegungen, die dem christlichen Glauben ferner gerückt oder gar fremd geworden sind, vom christlichen Erbe inspiriert, z.B. in Werken der Wohltätigkeit. Heute ist eine solche Herkunft oft vergessen, wird nicht selten verleugnet oder auch entstellt. Aber es bleibt eine ernsthafte Frage, wie weit grundlegende Einsichten des christlichen Menschenbildes, wie z.B. Personwürde, abgespalten werden können vom lebendigen Wurzelgrund des Glaubens, ohne daß sie - wenigstens auf Dauer - ihren authentischen Sinn verlieren. Das Christentum muß heute, gerade auch in gemeinsamer ökumenischer Verantwortung, manches Geistesgut, das aus dem Bereich der Kirche selbst ausgewandert und fast unkenntlich geworden ist, wieder identifizieren, sich neu aneignen und mit seinem eigenen Leben füllen. So ist z.B. Menschenwürde für jede einzelne Person und in jedem Fall nicht aufrechtzuerhalten ohne die Glaubensüberzeugung, daß der Mensch Ebenbild Gottes ist und darin seine Auszeichnung und Würde findet.

Wenn wir von Europa sprechen, blicken wir aus christlicher Verantwortung also nicht primär zurück, träumen nicht nostalgisch von einem romantisch vergoldeten "Abendland" (das es in dieser Gestalt dann doch niemals gab!), sondern sorgen uns um das gegenwärtige und künftige Europa mit seinen Spannungen und Widersprüchen. Dabei sind wir uns bewußt, daß es sich heute in diesem Europa um Zivilisationen handelt, die dazu neigen, in der Gestaltung des menschlichen Lebens von der Beziehung zu einem lebendigen Gott völlig abzusehen und allein den eigenen Kräften der menschlichen Vernunft, der Wissenschaft und der Technik zu vertrauen.

Die Christen müssen entschieden die offene Auseinandersetzung und den geistigen Wettbewerb mit jenen aufnehmen, die das neue Europa unter Ausschluß christlicher Wirkkräfte und erst recht der Kirchen gestalten möchten. Der Glaube an den dreifaltigen Gott und an die unverletzbare Menschenwürde hat gerade nach den Ereignissen der letzten Jahre allen Grund, wieder mutiger, tiefer und überzeugender Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die in uns lebt und die uns erfüllt. Die Christen haben zu viel Kleinglauben, eine zu große geistig-spirituelle Trägheit und Feigheit. Sie brauchen mehr Mut zum Bekenntnis und mehr Freude am Evangelium. Dann brauchen sie auch keine Angst zu haben vor der gegenwärtigen Herausforderung.

Europa darf sich freilich nicht bloß auf sein christliches Erbe von früher berufen, sondern muß durch das heutige Zeugnis der Christen in Stand gesetzt werden, in der Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi neu über seine Zukunft zu entscheiden. Nur unter diesen Voraussetzungen gilt das Wort, daß die Kirche nicht am Ende ist. Dazu brauchen wir Kirchen im Westen die Hilfe und das Beispiel der Schwestern und Brüder in Mittel- und Osteuropa, die ihre Stärke und Freude des Glaubens, lange im Leiden erprobt, nicht um das Linsengericht moderner Anpassung preisgeben dürfen.

Europa hat christliche Wurzeln, aber gerade in dieser Hinsicht ist es heute entwurzelt. Es nützt nichts, ein Klagelied über die Säkularisierung anzustimmen, vielmehr muß sich der Glaube in dem vielstimmigen Chor der Stimmen, die in einer pluralistischen Gesellschaft laut werden, zu Wort melden und behaupten. Es hat keinen Sinn, insgeheim doch auf so etwas wie ein christliches Abendland zu warten, wo die Kirche eine zentrale geistige Führung und Steuerungsfunktion innehätte. Vielmehr muß sie radikal damit ernst machen, daß sie unter den Voraussetzungen von Religionsfreiheit und Pluralismus ihre Stimme ungeschwächt zur Sprache bringt.

Diese Grundsituation ist zwar mit Worten leicht zu akzeptieren, aber es ist viel schwieriger, sie auch von innen anzunehmen. Es wird besonders darauf ankommen, daß die Kirchen in den Ländern Mittel- und Osteuropas sich nicht an irgendwelchen Modellen der Vergangenheit orientieren, wie sie als Kirche in der Gesellschaft stehen und sich zum Staat verhalten. Es ist manchmal erschreckend zu sehen, wie sehr man sich wieder an solche antiquierten Modelle anlehnt - oft aus Verlegenheit. Wir im Westen sind gewiß nicht die unfehlbaren Lehrmeister, dürfen jedoch den Rat geben, den Anspruch des Glaubens in den heutigen Gesellschaften mehr durch Einladung, Argumentation und Überzeugungsarbeit zu vermitteln als mit Hilfe vorwiegend monologischer Erklärungen oder autoritativer Weisungen, die in Einzelfragen durchaus ihren Sinn haben können.

Was die Kirche zuerst tun muß, ist das, was ihre ureigene Aufgabe ist und was sie täglich vollzieht: die Verkündigung des Evangeliums. Alle Erneuerungsbemühungen der letzten Jahrzehnte, auch des Zweiten Vatikanischen Konzils, zielten daraufhin, daß die Kirche selbst immer mehr fähig werde, den Menschen unserer Zeit das Evangelium zu verkünden. Man hat dies mit guten Gründen Neu-Evangelisierung genannt. Der Begriff ist oft genug verdächtigt worden, als ob er einen katholischen Allein- und Sonderanspruch für eine "Rechristianisierung" Europas zum Ausdruck bringe. Die Sonder-Versammlung der ersten Bischofssynode für Europa hat in ihrem Schlußdokument am 13. Dezember 1991 unmißverständlich mit Zustimmung des Papstes klargestellt: "Die Neu-Evangelisierung ist kein Programm zu einer sogenannten ‘Restauration’ einer vergangenen Zeit Europas, sondern sie verhilft dazu, die eigenen christlichen Wurzeln zu entdecken und eine tiefere Zivilisation zu begründen, die zugleich christlicher und so auch menschlich reicher ist. Diese ‘Neu-Evangelisierung’ lebt aus dem unerschöpflichen Schatz der ein für allemal in Jesus Christus erfolgten Offenbarung. Es gibt kein ‘anderes Evangelium’. Mit Bedacht wird sie Neu-Evangelisierung genannt, weil der Hl. Geist stets die Neuheit des Wortes Gottes hervorbringt und beständig die Menschen geistig und geistlich aufweckt. Diese Evangelisierung ist auch deshalb neu, weil sie nicht unabänderlich an eine bestimmte Zivilisation gebunden ist, da das Evangelium Jesu Christi in allen Kulturen aufleuchten kann."

Die Kirche leistet auch für das künftige Europa das Beste, wenn sie ihrem eigenen Auftrag treu bleibt. Dann baut sie nämlich durch ihre Verkündigung und den Religionsunterricht, ihre Theologie und ihre vielfältige Präsenz in der Gesellschaft die Werte auf, die einer Erneuerung bedürfen: die Menschenwürde, das Menschenbild, das Ethos des Alltags, die Verwirklichung einer Einheit in den "Grundwerten" mitten in aller weltanschaulichen Vielfalt. Es besteht kein Zweifel, daß zu diesen Aufgaben auch die Vertiefung und Verbreitung der christlichen Sozialethik gehört, wie sie in der katholischen Soziallehre eine in der Kirche verbindliche Gestalt gefunden hat. Was hier an gesellschaftlichen Gestaltungsprinzipien formuliert worden ist, bedarf gewiß der Konkretisierung. Wenn in jüngster Zeit sogar in den Maastrichter Verträgen das Prinzip der Subsidiarität angeführt wird, gewiß in Anlehnung an die Tradition der Katholischen Soziallehre, dann ist dies nur ein Beleg dafür, wie solche Gestaltungsprinzipien gleichsam über Nacht eine überraschende Bedeutung erhalten. Hier wäre vieles zu sagen über die vielen Felder, auf denen vor allem Laien sich für den Aufbau eines neuen Europas aus dem Geist des Christentums einsetzen: Förderung der Würde des Menschen, Ehrfurcht vor dem unantastbaren Recht auf Leben, Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit, Rolle von Ehe und Familie, Sorge um das Gemeinwohl, Bewahrung der Schöpfung, Verantwortung für die Medien. Es wäre von der Frauenfrage bis zur Gesundheitspolitik ein weiter Katalog von Anwendungsgebieten, der hier entfaltet werden müßte.

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, die in ihren eigenen Strukturen immer wieder neu um die Balance von Einheit und Vielfalt ringen muß. Deshalb wird die Kirche einerseits gewiß für wirksame Strukturen einer europäischen Einigung eintreten, aber auch den Integrationsprozeß kritisch begleiten. Brüssel darf nicht eine große Planierraupe werden, die auf dem Weg zur Integration besonders die regionalen Kultureigenheiten niederwalzt. Die Modernisierung ist nicht so unschuldig, wie sie sich gibt. Sie gefährdet und zerstört oft auch unreflektiert z.B. religiös geprägte Milieus.

Neben den europäischen Einheitskonzepten sind die nationalen und regionalen Besonderheiten der europäischen Länder nicht minder wichtig. Es gibt eine Einheitsbesessenheit, die ungeniert an der Vielheit der Sprach-, Denk- und Lebensformen Europas vorbeigeht. Die Kirchen werden hier gerade durch ihre feste Verwurzelung in den einzelnen Ländern eine Europa-Mentalität fördern, die das verbindliche Allgemeine bejaht, ohne die Bedeutung des Lokalen und Regionalen zu verwischen.

Die Kirche denkt weltweit. Sie kann Europa nicht ohne die anderen Kontinente begreifen. Es wäre nämlich das verhängnisvolle Zeichen eines kollektiven Egoismus, wenn das neue Europa sich selbstzufrieden von den Nöten der übrigen Welt zurückziehen würde. Dafür gibt es leider einige Anzeichen. Aber dies dürfen wir nicht hinnehmen. Im Gegenteil, Europa muß möglichst bald seine weltweite Verantwortung gegenüber den Armen, unterentwickelten Völkern, der Hungersnot, der Schuldenlast, vielfältiger Ungerechtigkeit und der Bedrohung der Schöpfung unter Beweis stellen. Die Migrationsbewegungen und das Nord-Süd-Gefälle werden von den künftigen Europäern verlangen, daß sie immer wieder über ihre eigenen Interessen hinausgelangen und sich den noch stärker werdenden Nöten der Weltgesellschaft zuwenden.Hier ist ja auch schon vieles geschehen.

Das größte Hindernis für die Aufgabe der Kirchen, ihre eigene Verantwortung für Europa mit voller Kraft und glaubwürdig zu vertreten, ist ihre Gespalten- und Zerrissenheit. Gewiß gibt es auf fast allen Gebieten eine ermutigende ökumenische Zusammenarbeit in den letzten Jahrzehnten. Auch findet man in den Europa-Initiativen der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen Europas viele gemeinsame Tendenzen. Ich nenne nur die Evangelisierung als erste Aufgabe. Wenn wir einander näher kommen, kann dies nur gelingen, wenn wir gemeinsam und einzeln mehr auf die Mitte zugehen, die nur Jesus Christus sein kann. Die heute erfolgte Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg bedeutet in dieser Hinsicht eine neue Dynamik.

Die diesjährige Verleihung der St. Liborius-Medaille findet in einer ganz besonderen Stunde statt, die mit dieser Sicht Europas eng zusammenhängt. Das Erzbistum Paderborn feiert im Anschluß an die Erinnerung der Begegnung Karls des Großen und Papst Leo III. im Jahr 799 in diesem Jahr sein 1200jähriges Bestehen. Die eindrucksvolle Austellung "Kunst und Kultur der Karolingerzeit", die bis auf den letzten Tag über 250.000 Menschen angezogen hat, ist eine lebendige Illustration dieses Heiligen, dessen 1600. Todestag vor 2 Jahren gefeiert worden ist. Viele große Bischöfe, die auch als Heilige verehrt werden, haben damals und später immer wieder die Straßen Europas gekreuzt und sind Zeugen dieser Einheit in Vielfalt. Ich denke nur an den heiligen Adalbert, der so viele Länder, Städte und Kirchen Europas miteinander verband. Wir haben bei den verschiedenen Feiern gespürt, welche geistige Kraft von dieser mannigfachen Verbundenheit ausging, um dieses Europa zusammenzuhalten. Dies galt nicht nur für das Wirken zu Lebzeiten, sondern auch für die vielfache Verbundenheit jenseits des Todes. So haben die beiden Diözesen von Le Mans und Paderborn einen "Liebesbund ewiger Bruderschaft", einen Freundschaftsvertrag geschlossen, als die Reliquien des heiligen Liborius im Jahr 836 nach Paderborn übertragen worden sind. Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt hat in den 25 Jahren seines Wirkens diese über tausend Jahre alte Tradition in ganz besonderer Weise gepflegt. Heute sehen wir dank vieler neuerer Forschungen deutlicher, daß die Verehrung des heiligen Liborius eine Brücke durch das ganze christliche Europa geschlagen hat. Schon in einer alten Handschrift aus dem 9. Jahrhundert, die heute in Zürich aufbewahrt wird, wird Liborius als "Pontifex", als Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen gesehen. Diese im Glauben gegründete Vermittlung zwischen Gott und den Menschen hat auch die Menschenwelt auf eine besondere Weise geeint.

Dies ist ein guter Hintergrund, um an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, wenn nun zum letzten Mal die St. Liborius-Medaille in diesem Jahrhundert vergeben wird, einen Mann zu ehren, der ganz bewußt als Christ und Katholik an dieser neuen Einheit Europas, die er als Historiker gut kennt, weitergebaut hat, zumal er im Zweiten Weltkrieg gerade noch den Schrecken der Gewalt, die auch zu Europas Geschichte gehört, erfahren hat. Aus dieser vermittelnden Kraft des christlichen Geistes hat er vor zehn Jahren die Gunst der Stunde ergriffen und zusammen mit anderen Politikern das damals unglaubliche Wagnis Wirklichkeit werden lassen, nämlich die Einheit Deutschlands zu schaffen. Ich freue mich, daß Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl in dieser Situation die St. Liborius-Medaille erhalten wird. Es trifft sich dabei gut, daß wir Bischöfe - in diesem Fall Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, Weihbischof Reinhard Marx und ich - soeben von der Zweiten Europäischen Sonder-Bischofssynode in Rom zurückgekehrt sind. Die Europa-Idee und die Europa-Bewegung lassen sich nicht zurückdrängen. Aber es braucht lebendige und unerschrockene Zeugen dafür.