Auf dem Weg in das Heilige Jahr 2000 - Hirtenwort des Bischofs von Mainz Dr. Dr. Karl Lehmann zur Österlichen Bußzeit 1999
”Christus gestern, heute, in Ewigkeit: Sein ist die Zeit”
Inhalt
Hirtenwort
1. Lebendige Erinnerung an
die "Fülle der Zeit"
2. Erneuerung des
Glaubens und des Menschen auf dem Pilgerweg der Geschichte
3. Befreiung von Lasten: Internationale Verschuldung
und "Erlaß-jahr"
Vorschlag für die Fürbitten
Anhang
Liebe Schwestern und Brüder im
Herrn!
Mancher mag es vielleicht gar nicht mehr hören: das Wort vom Heiligen Jahr 2000 oder einfach nur von der Jahrtausendwende. Gewiß sind wir von vielen anderen Aufgaben, die täglich auf uns zukommen, beansprucht. So hat uns in Mainz auch der Jubiläumska-tholikentag in Atem gehalten.
Eine Jahrtausendwende ist und bleibt ein äußerst seltenes Ergeignis, an der teilnehmen zu dürfen nicht selbstverständlich ist. Darum soll der Übergang in dieses dritte Jahrtau-send aber auch nicht mit einem Sekundenschlag und dem Knallen der Sektkorken wie an jedem Silvesterabend zu Ende sein. Papst Johannes Paul II. hatte mit dem ihm eige-nen Spürsinn für wichtige, symbolträchtige Ereignisse schon seit dem Jahr 1994 auf die Bedeutung dieser Zeitenwende hingewiesen und für die Jahre 1997 bis 2000 zentrale Themen für einen Glaubensweg vorgeschlagen. Jedes Jahr trug beziehungsweise trägt ein eigenes Gesicht: Jesus Christus - Das menschliche Antlitz Gottes (1997), Gottes Geist in der Welt (1998), Gott der Vater aller Menschen (1999) und Der dreifaltige Gott (2000). Dieser geistliche Weg der Glaubenserneuerung ist zugleich mit einer Wiederentdeckung der Kraft der Sakramente verbunden. An Weihnachten des Jahres 1999 wird der Papst das eigentliche Jubiläumsjahr eröffnen, besonders durch die Öffnung der Hei-ligen Pforte, wie dies zum Beginn jedes Heiligen Jahres geschieht. Die Feier des Heili-gen Jahres gibt es in immer wieder veränderter Gestalt seit der Jahrhundertwende von 1300 und ist mit einer Pilgerfahrt zu den Hauptkirchen Roms verbunden.
Auf dem Weg zum Heiligen Jahr 2000 sind wir schon weit vorangeschritten. In vielen Gemeinden gibt es dafür gute Programme. Ich danke für alle Initiativen und freue mich, wenn in der verbleibenden Zeit noch viele mittun. Es ist nie zu spät. Darum möchte ich Ihnen den Brief zur Österlichen Bußzeit 1999 über dieses Thema schreiben.
1. Lebendige Erinnerung an die ”Fülle der Zeit”
Die Feier des Jahres 2000 erinnert uns zunächst an unsere Zeitrechnung. Es ist ein menschliches Urbedürfnis, sich in der Zeit zu orientieren. Darum erscheint uns auch die Zeitrechnung als das Selbstverständlichste der Welt. Dies ist aber keineswegs so. Es gab immer auch Gegenentwürfe, nicht zuletzt sogar Gegenkalender. Unser Zeitverständnis wird nach vorwärts und rückwärts an der Geburt Jesu Christi orientiert. Unser Kalender ist jedoch in vieler Hinsicht so selbstverständlich geworden, daß wir an den wahren Ur-sprung nicht mehr denken. Für uns Christen ist es gut, wieder neu daran zu erinnern, daß das Kommen Jesu Christi in unsere Welt der Dreh- und Angelpunkt unserer Ge-schichte ist. Die Heilige Schrift nennt die Menschwerdung Jesu Christi ”die Fülle der Zeit” (Gal 4, 4). Schon das Judentum wartete in der Erfahrung vieler Bedrückungen auf eine Vollendung der Zeit, in der Sehnsüchte und Verheißungen erfüllt werden sollten.
In dieser Fülle der Zeit wird die Geschichte nicht einfach aufgehoben, aber sie ist auch kein bloßes, natürliches Kalenderdatum. Vielmehr ist es das freie und unberechenbare Geschenk Gottes, daß er in einer einmaligen, geschichtliche Tat seinen Sohn in die Welt sandte, um uns zu befreien und zu erlösen. Dieses Datum ist allein in Gottes Hand. Es zeigt auch, daß Gott nach rückwärts und vorwärts der Herr der Welt und aller Zeit ist. So kann der Brief an die Hebräer schon früh bekennen: ”Jesus Christus ist derselbe ges-tern, heute und in Ewigkeit.” (Hebr 13,8)
Das Heilige Jahr erinnert die Christen daran, daß Jesus Christus der einzige und einzig-artige Erlöser ist, der der Welt ein für allemal Heil und Versöhnung gebracht hat. Dies ist nach wie vor auch heute eine große Herausforderung. Denn bei aller Toleranz und Religionsfreiheit sowie in der Hoffnung auf das Heil für alle Menschen stehen die Reli-gionen doch nicht gleich-gültig nebeneinander. Jesus ist die wahre Neuheit, über die hinaus nichts wirklich anderes und Größeres kommen kann. Der Epheserbrief sagt es auf seine Weise von Gott: ”Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.” (Eph 1,10)
2. Erneuerung des Glaubens und des Menschen auf dem Pilgerweg der Geschichte
Der Glaubensweg führt nicht auf Nebensächlichkeiten, sondern auch hier wiederum in das Zentrum und in die Fülle. Der Hl. Vater führt uns z.B. über eine tiefere Kenntnis Jesu Christi, des Geistes und Gott Vaters zum reichen Geheimnis des dreifaltigen Got-tes. Zu diesem Geheimnis führen uns auch die Sakramente der Taufe, Firmung und Eu-charistie, der Vergebung der Sünden und der Salbung der Kranken sowie der Priester-weihe und der christlichen Ehe.
Im Kern ist das Heilige Jahr von Anfang an eine Zeit des Rufes zur Umkehr. Die erste Predigt Jesu lautet darum nicht zufällig: ”Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!” (Mk 1,15) Die Feier eines Heiligen Jahres ist keine Gelegenheit zu einem Triumphalismus des christlichen Glaubens. ”Das Sich-Erfüllen der Zeit Gottes setzt sich in den Aufruf zur Umkehr um. Diese aber ist vor al-lem Frucht der Gnade. Der Geist ist es, der jeden dazu drängt, ,in sich zu gehen` und zu merken, daß er zum Haus des Vaters zurückkehren muß (vgl. Lk 15,17-20). Die Gewis-senserforschung ist also einer der bedeutsamsten Vorgänge der persönlichen Existenz, denn durch sie wird jeder Mensch mit der Wahrheit des eigenen Lebens konfrontiert. So entdeckt er, wie weit seine Handlungen von dem Ideal entfernt sind, das er sich zuvor gesteckt hat.” (Papst Johannes Paul II., Incarnationis mysterium, Nr.11).
Dies betrifft nicht nur den Einzelnen. Die Zeit der Umkehr gilt für die Kirche im gan-zen. Der Hl. Vater denkt hier auch daran, daß die Gemeinschaft des Glaubens selbst schuldig geworden ist und dies demütig bekennen muß. So schreibt er: ”Da ist vor allem das Zeichen der Reinigung des Gedächtnisses: Es verlangt von allen einen mutigen Akt der Demut, nämlich die Verfehlungen zuzugeben, die von denen begangen wurden, die den Namen Christen trugen und tragen.” (Incarnationis mysterium, Nr. 11). Gewiß hat die Kirche viele ausgezeichnete Frauen und Männer, die wir wegen ihrer Untadeligkeit Heilige und Selige nennen, dazu gehört auch die unendliche Schar derer, die ihr Leben in den Augen Gottes geglückt vollenden durften. Der Papst fährt jedoch unbeirrt fort: ”Man muß jedoch eingestehen, daß die Geschichte auch viele Ereignisse verzeichnet, die ein Antizeugnis gegenüber dem Christentum darstellen. Wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib miteinander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorausgegangen sind, auch wenn wir keine persönliche Ver-antwortung dafür haben und nicht den Richterspruch Gottes, der allein die Herzen kennt, ersetzen wollen. Aber auch wir haben als Söhne und Töchter der Kirche gesün-digt ... Unsere Sünde hat das Wirken des Geistes im Herzen vieler Menschen behindert. Unser schwacher Glaube hat viele der Gleichgültigkeit verfallen lassen und von einer echten Begegnung mit Christus abgehalten.” (Incarnationis mysterium, Nr. 11). Der Papst fordert, daß die Kirche ”in diesem Jahr der Barmherzigkeit vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht.” (Nr. 11)
Wir reden viel über ein neues Verständnis von Rechtfertigung, die wir nun als Christen stärker gemeinsam bekennen können. Hier ist ein großes Zeugnis des Papstes in unseren Tagen, das uns hilft, die Gnade Gottes neu zu entdecken. Der Papst selbst hat während seines über 20jährigen Dienstes die unverdiente Heiligkeit der Kirche in vielen Glau-benszeugnissen gepriesen, aber auch nicht gezögert, die Schuld der Kirche bei manchen Verfehlungen klar zu bekennen.
Dafür gibt es viele Bilder und Symbole, die das Gemeinte konkret und überzeugend veranschaulichen. Immer wieder spricht der Papst von dem ihm besonders nahen Gleichnis vom verlorenene Sohn und dem barmherzigen Vater (vgl. Lk 15, 11-32). Die großen Künstler haben uns immer wieder dieses bewegende Bild neu geschenkt. Da ist die Rede von der pilgernden Kirche und überhaupt vom Menschen als dem Wanderer zwischen zwei Welten. Bei einer Jahrtausendwende spürt der Mensch viel stärker das Geschenk seines Lebens, das fortwährend unterwegs ist, sich wandelt und doch dassel-be bleibt. Der Pilger weiß immer auch um Irrwege und Abwege, erfährt aber auch die Freude der Ankunft am Ziel einer langen Wanderung. Darum spricht der Papst in die-sem Zusammenhang immer wieder von der Notwendigkeit der Erneuerung von Buße und Beichte - zweifellos eine der wichtigsten Aufgaben für die Seelsorge der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Die vielen Mühen, die wir mit Recht in der Gemeindekate-chese auf die Hinführung von Kindern und Jugendlichen zu den Sakramenten der Erst-kommunion und der Firmung verwendet haben, müssen wir im Blick auf Versöhnung, Buße und Beichte in ähnlicher Weise zum Einsatz bringen. Das Öffnen der Heiligen Pforte in den großen Basiliken Roms (St. Peter, Johannes in Lateran und Maria Maggio-re) ist mit dem tiefen Bild der Bibel vom Eingang und besonders Zugang zu Jesus Christus verbunden: ”Ich bin die Tür” (Joh 10, 7.9). Auf Jesus Christus hin allein läßt sich das Psalmwort im vollen Sinne erschließen: ”Das ist das Tor zum Herrn, nur Ge-rechte treten hier ein” (Ps 118, 20; vgl. auch Jes 49, 9f; Ez 34, 12-15). Das Überschrei-ten der Schwelle dieser Türe bedeutet für den Christen damit auch Entschiedenheit und Klarheit im Bekenntnis, ohne daß dies mit irgendwelchen Formen von Fanatismus ver-wechselt werden darf.
In diesen Zusammenhang gehört für den katholischen Christen und für die Feier des Heiligen Jahres seit alter Zeit der Ablaß. Ich brauche an dieser Stelle nicht ausführlicher darüber zu sprechen. Ohne den Kontext von Vergebung der Schuld, Versöhnung durch Gott und Verantwortung aller füreinander hat die Rede vom Ablaß wenig Sinn. Er ist nicht schon deshalb abzulehnen, weil er am Vorabend der Reformationszeit besonders mißbraucht wurde. Freilich gehört auch dieser Mißbrauch zu den schon genannten Ver-fehlungen, die die Kirche zu bekennen hat. In Mainz denken wir an den Mainzer Erzbi-schof Albrecht Kardinal von Brandenburg, an dessen Verhalten Luthers Einspruch sich besonders entzündete. Aber auch hier gilt ein altes Sprichwort: Der Mißbrauch schließt den guten Brauch einer Sache nicht aus. Der Ablaß gewährt selbstverständlich keine Vergebung der Sünden, aber er mindert den verbliebenen Rest, gleichsam die Über-bleibsel, die als Folge der Sünde auch vom erlösten Menschen innerlich abgebaut wer-den müssen (Dies ist der Sinn der Rede von den ”zeitlichen Sündenstrafen”). Die Kir-che kann hier Anteil an einem ”Schatz” geben, der vor allem von der Erlösung durch Jesus Christus und dann in Folge auch durch die geistlichen Früchte des Lebens vieler heiliger Menschen (”Verdienste”) gebildet wird. Nichts anderes ist der Ablaß. Dazu kann im Kern heute auch ein evangelischer Christ Zugang finden. Aber heute sagen wir mit Papst Paul VI., daß die Christen eine ”heilige und rechte Freiheit der Söhne Gottes” haben, für sich zu entscheiden, ob sie von der Möglichkeit des Ablaßes Gebrauch ma-chen wollen. Wer aber möchte auf eine solche Hilfe zu Umkehr und Buße leichtfertig verzichten? (Vgl. Apostolische Konstitution ”Indulgentiarum Doctrina” vom 1.1.1967, Nr. 11, von Papst Paul VI. und das ”Handbuch der Ablässe”, Bonn 1989, hier auch die genannte Instruktion, S. 69-93, bes. S. 78).
3. Befreiung von Lasten: Internationale Verschuldung und ”Erlaßjahr”
Versöhnung und Vergebung sind für die Bibel, aber auch für die Tradition der Kirche nicht nur eine Forderung an den Einzelnen. Im Alten Testament gibt es die Regelungen des sogenannten Sabbatjahres und des Jobeljahres (vgl. Lev 25,1-13). Dabei spielt die Siebenzahl eine Rolle. Alle sieben Jahre soll das Land im Anschluß an die Ruhe am Sabbat brach bleiben. Die Erde soll nicht erschöpft oder gar ausgebeutet werden. Diese Ruhe für die Kreatur gibt uns auch heute angesichts unserer Umwelt-Probleme genug zu denken.
Neben diesem Sabbat- oder auch Brachjahr gab es aber auch, nun im Abstand von 50 Jahren, das Jobeljahr, das mit dem Erklingen des Widderhorns (= Jobel) begann. Später hat man aus dem Jobel- ein Jubeljahr gemacht. In diesem Jobeljahr sollen die Gefange-nen freigelassen werden, die Schulden getilgt und der Boden den ursprünglichen Eigen-tümern wieder zurückgegeben werden. Im Hintergrund steht die Überzeugung, daß das Land ohnehin nicht dem Menschen, sondern Gott gehört. Es sind zwei Elemente, die für ein solches ”Erlaßjahr” wichtig sind: Ein jeder soll zu seinem Besitz und Eigentum so-wie zu seiner Familie bzw. Sippe zurückkehren. Grundbesitz und Geborgenheit in der Großfamilie waren in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht so etwas wie Freiheit. Sie geben Heimat im ursprünglichen Sinn. Jedes Jobeljahr war eine solche ”Lastenbefrei-ung”. Es will in einer ganz außergewöhnlichen Weise Freiheit und Gleichheit unter den Menschen wieder herstellen. Es geht also nicht um die Aufhebung einzelner kleinerer Ungerechtigkeiten, vielmehr müssen Freiheit und Gleichheit immer wieder grundlegend hergestellt werden.
Diese Forderung hat gewiß etwas mit ungleicher Land- und Güterverteilung, Bodenver-lust, Verarmung und Versklavung zu tun, hat aber als institutionelle Regelung im Alten Testament (vgl. Neh 5) und im frühen Judentum nur ein geringes Echo hinterlassen. Dies muß vorsichtig machen bei jedem Versuch einer unmittelbaren Übertragung in unsere Gegenwart, wenn wir uns heute im Blick auf das Heilige Jahr an diesen alten Traditionen neu zu orientieren versuchen. Sie dürfen aber auch nicht so gedeutet wer-den, als ob es sich nur um fiktive Visionen oder rein endzeitliche Aussagen handeln würde (vgl. auch Jes 61, 1; 34, 8; 63, 4).
Im Zusammenhang der internationalen Verschuldung vor allem der Entwicklungsländer sehen die Kirchen heute von diesen alttestamentlichen Forderungen her Anstöße, um die Schuldenkrise als ethische Herausforderung zu bewältigen: Arme Länder müssen einen großen Teil ihrer Mittel für die Zahlung von Auslandsschulden aufwenden; da-durch sind sie häufig nicht in der Lage, ihren Bürgern ein menschenwürdiges Leben, Nahrung, Wohnung, Bildung und Arbeit zu sichern. So treten die Kirchen und viele gesellschaftliche Gruppen dafür ein, die Schuldenlast der Entwicklungsländer zu verrin-gern und ihre strukturellen Ursachen sowie ihre bedrohlichen Auswirkungen in der Weltwirtschaft zu beseitigen. Papst Johannes Paul II. selbst hat nicht wenige Male, ge-rade im Zusammenhang des Jahres 2000, eine solche Forderung erhoben: ”So werden sich, im Geist des Buches Levitikus (25, 8-28), die Christen zur Stimme aller Armen der Welt machen müssen, indem sie das Jubeljahr als eine passende Zeit hinstellen, um un-ter anderem an eine Überprüfung, wenn nicht überhaupt an einen erheblichen Erlaß der internationalen Schulden zu denken, die auf dem Geschick vieler Nationen lasten.” (A-postolisches Schreiben ”Tertio millenio adveniente”, 10.11.1994, Nr. 50)
Im Zusammenhang eines solchen Hirtenwortes kann diese umfassende Frage, zu deren verantwortlicher Behandlung auch ein großer ökonomischer Sachverstand gehört, nicht ausreichend behandelt werden (vgl. die Hinweise im Anhang). Aber es ist ein wichtiger Anstoß, den die Christen im Hinblick auf das Jahr 2000 aufnehmen sollten. Dafür gibt es z.B. auch Kampagnen mit Unterschriftensammlungen unter dem Titel ”Erlaßjahr 2000”. Da die verantwortlichen Politiker der großen Industrienationen (”G 8-Gipfel”) im Juni in Köln zusammenkommen, wird diese Forderung besonders dringlich. In die-sem Zusammenhang darf man jedoch nicht vergessen, daß viele Staaten und Finanzinstitute, die Kredite gegeben haben, schon seit längerem einen zum Teil erheblichen Schuldenerlaß durchgeführt haben. Man muß hier auf eine billige Schwarz-Weiß-Malerei verzichten und sehr konkret an Einzellösungen arbeiten.
Das Erlaßjahr gehört in diesem Sinne mitten in die Verkündigung des Evangeliums in der Fülle der Zeit, also besonders auch in das Heilige Jahr. Es ist nicht zufällig, daß die erste Predigt Jesu von Nazareth mit dem Ruf zur Umkehr auch das Erlaßjahr aufnimmt, indem er den bekannten Text aus dem Propheten Jesaja aufgreift: ”Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnaden-jahr des Herrn ausrufe.” (Jes 61,1f / Lk 4,18f). Der weitere Zusammenhang dieses Wor-tes zeigt dabei, daß hier die alte Heilsbotschaft nochmals radikal vertieft und erneuert wird, ähnlich wie es uns auch im Gebet des Herrn überliefert und vertraut ist: ”Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brau-chen. Und erlaß uns unsere Sünden (Mt: Schulden); denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.” (Lk 11,2ff; Mt 6,9-13)
Dies ist nur ein kurzer Hinweis auf die Fülle der Anregungen, die uns auf dem Weg zum Jahr 2000 gegeben werden. Sie führen nicht in irgendein gesellschaftliches Abseits, sondern treffen in die Mitte des christlichen Glaubens. Es geht dabei nicht in erster Li-nie um möglichst viele Sonderaktionen, sondern darum, ein in der Zahl seiner Monate und Tage gewöhnliches Jahr besonders intensiv zu erleben und in außergewöhnlicher Weise zu feiern.
Dazu erhalten Sie in den nächsten Wochen vom Bischöflichen Ordinariat konkrete An-regungen, in die auch Vorschläge der Kommissionen auf der Ebene der Weltkirche und der Deutschen Bischofskonferenz aufgenommen sind. Ich bitte Sie herzlich um Ihr auf-geschlossenes Interesse und um Ihre fruchtbare Mitarbeit. Wir dürfen diese Chance zur Erneuerung des Glaubens und der Kirche nicht verpassen.
In diesem Sinne erteile ich Ihnen allen aus ganzem Herzen die Segensfülle des
Dreieinigen Gottes,
des + Vaters, des + Sohnes und des + Heiligen
Geistes.
Ihr Bischof von Mainz
Vorschlag für die Fürbitten
V:Herr Jesus Christus, mit Deiner Menschwerdung ist die Fülle der Zeit
an-gebrochen. Du hast der Welt Heil und Versöhnung gebracht. Dich rufen
wir an:
·Führe Deine pilgernde Kirche in das neue Jahrtausend, mache
sie offen für die Her-ausforderungen der Zeit und hilf ihr, Deine
befreiende und heilende Botschaft den Menschen zu künden.
Antwortruf
(Gl 563):
gesungen: Christus gestern, Christus heute, Christus in
Ewigkeit.
oder gesprochen: Erhöre uns Christus.
·Hilf uns, die
Botschaft der Versöhnung glaubwürdig in unserem Gemeindeleben zu bezeugen
und zu leben.
·Stärke alle Bemühungen, durch Katechese und Gespräch
Umkehr und Versöhnung, vor allem durch das Sakrament der Buße, wieder neu
zu beleben.
·Ermutige uns zu weiteren Schritten auf dem Weg zur Einheit
der Christen und hilf uns, durch Versöhnung alte Barrieren und Trennungen
abzubauen.
·Laß den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft das
Schicksal der Menschen in der Dritten Welt nicht gleichgültig sein,
sondern bestärke sie, die Entwicklungsländer in gerechter Weise zu
entschulden.
·Laß alle in unserer Gesellschaft die gemeinsame
Verantwortung für eine gerechte Welt erkennen und gib uns die Bereitschaft
zu teilen.
V:Herr Jesus Christus, Du bist derselbe gestern, heute und
in Ewigkeit. Auf Dich hoffen wir alle Zeit. Amen.
Arbeitshilfen
Zur Vorbereitung des Heiligen Jahres
Papst Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben ”Tertio millennio adveniente”, 10. November 1994, herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 119)
Papst Johannes Paul II.: ”Incarnationis mysterium”. Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000, 29. November 1998, herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofs-konferenz (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 136)
Auf dem Weg zum Heiligen Jahr 2000: Arbeitshilfen für das erste, zweite und dritte Vorberei-tungsjahr, herausgegeben vom Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für das Heilige Jahr 2000, Bonn 1997 - 1999
Zentralkomitee Großes Jubiläumsjahr 2000: Kalender für das Heilige Jahr 2000, 21. Mai 1998
Christus 2000. Texte und Anregungen zur Feier der Jahrtausendwende, hrsg. vom Landeskir-chenamt Kassel, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel 1998
(Von vielen anderen evangelischen Landeskirchen sowie katholischen Diözesen wurden eben-falls Arbeitshilfen veröffentlicht, die hier nicht alle genannt werden können.)
Zur Frage von Schuld und Schuldenerlassen
Päpstliche Kommission Justitia et Pax: Im Dienste der menschlichen Gemeinschaft. Ein ethi-scher Ansatz zur Überwindung der Internationalen Schuldenkrise, herausgegeben vom Sekreta-riat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1987 (= Arbeitshilfen 50)
Die internationale Schuldenkrise - eine ethische Herausforderung, herausgegeben vom Sekre-tariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1988 (= Die Deutschen Bischöfe / Kommission Weltkirche 7)
Papst Johannes Paul II.: Wir fürchten die Wahrheit nicht. Der Papst über die Schuld der Kirche und der Menschen, Graz / Wien / Köln 1997
”Schulden dürfen das Überleben nicht gefährden”. Kirchliche Texte zur internationalen Schul-denkrise - Eine Synopse, hrsg. von Südwind e.V., Siegburg 1998
Gemeinsames Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ”Internationale Verschuldung - eine ethische Herausforderung”, Bonn / Han-nover 21. Oktober 1998
Hans Tietmeyer: ”Ein genereller Schuldenerlaß für die ärmsten Entwicklungsländer?” Einige Überlegungen aus ökonomischer und ethischer Sicht, hrsg. von der Katholischen Sozialwissen-schaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach, Köln 1999 (= Kirche und Gesellschaft 256)
Copyright: Bischof Karl Lehmann, Mainz