Predigt des Bischofs von Mainz, Karl Kardinal Lehmann,
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Predigt anlässlich der Bischofsweihe
am Ostermontag, 21.4.2003, im Mainzer Dom
Zwei Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus – zwei neue Bischöfe: Was hat dies miteinander zu tun? Wanderer zwischen zwei Welten, auch zwischen Zweifel und Glaube sind wir immer unterwegs. Aber sie kommen auch, freilich mehr geführt als selbst gesteuert, an ein Ziel. Dieses Ziel ist auch wichtig für das, was wir an diesem Ostermontag-Nachmittag tun. Als die beiden Jünger die Botschaft von Ostern verstanden hatten, brachen sie „noch in derselben Stunde" auf, kehrten nach Jerusalem zurück und verkündeten den anderen Jüngern: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen." (24,34) Dies ist vielleicht einer der ältesten Aussagen zum Ereignis von Ostern, Glaubens-Bekenntnis und freudiger Ausruf!
Der auferstandene Herr erscheint nicht einfach beliebig, sondern er erscheint immer einer konkreten Person oder einer Gemeinschaft. Als der auferstandene Herr nimmt er uns in Anspruch und macht uns zu Zeugen seiner Botschaft und seiner Person. Dies gilt für alle Jünger, aber besonders auch für die, die unter Einsatz ihrer ganzen Existenz und von Amtswegen von ihm künden. Was sollten wir eigentlich anderes erzählen als den Sieg Jesu Christi über Hass und Tod? Hier liegt der Ursprung aller Dienste und Ämter in der Kirche. In einzigartiger Weise sagt es der hl. Paulus: „Denn die Liebe Christi drängt uns... das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!" (2 Kor 5,14.17.20) In seinem Namen bringen wir dieses Evangelium des Friedens und der Versöhnung in alle Zerrissenheiten unserer Welt. Nur deshalb gibt es das Amt.
Darum müssen wir diese Botschaft weitersagen, wie die beiden Emmaus-Jünger es auch nach der Begegnung mit den Elf und den übrigen Jüngern getan haben. Ostern schafft eine unerhörte Dynamik, das Evangelium Jesu Christi in alle Welt hinaus zu tragen. Dazu erhalten wir den Auftrag und die Zusage Gottes: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8) – und auch in Mainz. Die Zeit nach Ostern ist eine einzige Schule der Einübung der Jünger in diesen Dienst an der Botschaft Jesu Christi. „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,19f.)
Diese Sendung Jesu Christi, die im Vater ihren Ursprung hat, ist der bleibende Ursprung auch und gerade des Bischofsamtes. Immer wieder leuchtet dieser fundamentale Auftrag zur Weitergabe des Glaubens in den Texten der Bischofsweihe auf. Am sinnenfälligsten erscheint er, wenn den zu Weihenden das Evangelienbuch während des Weihegebetes auf das Haupt gelegt wird: Dies ist unser einziger Schutz und darunter steht auch das ganze Tun des Bischofs. Dieses zielt auf die ganze Welt. Deshalb wird auch schon von den Aposteln und ihren Nachfolgern gesagt: „Sie haben die Kirche an den einzelnen Orten gegründet als dein Heiligtum, zur Ehre und zum unaufhörlichen Lob deines Namens." (Weihegebet) Das Evangelium Jesu Christi sollen wir treu und unermüdlich verkünden, rein und unverkürzt weitergeben, wie es eingangs in den Fragen an die zu Weihenden hieß.
Etwas anderes als diese Weisheit Gottes für uns Menschen können wir nicht bringen. Mindestens kann alles, was wir sonst geben, nur Ausdruck dieser einzigartigen Gabe Gottes an die Menschen sein. Auch dies verbindet uns mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Es ist ja immer wieder die Frage, was uns mit ihnen gemeinsam ist. Was ist das Verbindende in der Gemeinschaft der Zeugen damals und heute, sodass wir unbeschadet der Einzigartigkeit der Apostel mit Recht beim kirchlichen Amt von einer apostolischen Nachfolge sprechen dürfen? Es ist nichts, was wir außer unserem guten Willen von uns aus beisteuern könnten. Wir sind wie die ausgebrannten Emmaus-Jünger immer Bettler vor Gott. Der Herr allein gibt uns die Ermächtigung und den Auftrag, in seinem Namen zu sprechen und zu handeln. Und dies ist im Kern damals und heute dasselbe. Wir sind nicht benachteiligt, weil wir heute leben und in diesem Abstand von der Jesuszeit „Jünger zweiter Hand" (S. Kierkegaard) sind.
Uns verbindet das lebendige Erbe, das Vermächtnis Jesu Christi, dem wir dienen sollen. Da ist zuerst das Wort Gottes. Jesus, das Wort Gottes selbst im Sinne des Johannesevangeliums, leitet uns immer wieder an, das Buch der biblischen Botschaft zu lesen, zu verstehen und für unser Leben zu deuten. So wie er es mit den beiden Jüngern unterwegs tut, brauchen wir ihn auch heute als den inwendigen Lehrer, der uns den Sinn der Schrift erschließt. „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht." (24,27) Es ist darum nicht zufällig, dass die Aufgabe des kirchlichen Amtes, ganz besonders des Bischofs, vornehmlich und zuerst in der Verkündigung des Glaubens gesehen wird, die das Zeugnis des Lebens einschließt. So heißt es im Zweiten Vatikanischen Konzil: „Ihrer apostolischen Aufgabe sollen sich die Bischöfe zuwenden als Zeugen vor allen Menschen. Sie sollen sich nicht bloß um die kümmern, die schon dem obersten Hirten nachfolgen, sondern sich mit ganzem Herzen auch jenen widmen, die irgendwie vom Weg der Wahrheit abgewichen sind oder die Frohbotschaft Christi und sein heilbringendes Erbarmen nicht kennen ... Bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zu lehren, sollen sie den Menschen die Frohbotschaft Christi verkünden; das hat den Vorrang unter den hauptsächlichen Aufgaben der Bischöfe." (Missionsdekret, Art. 11, vgl. auch Kirchenkonstitution, Art.25)
Aber so wenig dies bei den Emmaus-Jüngern reicht, genügt dies bei uns heute. Das Wort wird besonders wirksam, wenn es zum Sakrament wird, in dem Jesus Christus in kreatürlichen Zeichen und ganz nahe leibhaftig unter uns gegenwärtig wird. So rührt uns Jesus nochmals intensiver und nachdrücklicher an. All dies gipfelt im dichtesten Zeichen, nämlich der Eucharistie. „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn." (24,30f.) Ihre Augen waren immer noch gehalten und ihr Herz war unverständig, bevor er mit ihnen das Brot brach und ihnen beim Mal Anteil an ihm gab. Dann erkennen sie, dass sie dies auch vorher schon spürten: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?" (24,32)
Auch heute sind uns wie damals die beiden Tische des Wortes Gottes und der Eucharistie geschenkt. Der Aufgabe, diesen doppelten Grundauftrag des auferstandenen Herrn unablässig zu verwirklichen, dient das kirchliche Amt in den verschiedenen Ausgestaltungen des Diakons, des Priesters und des Bischofs. Darum enthält dieses Amt nichts Spektakuläres. Aber die Neuheit des Evangeliums ist immer noch jünger und erfrischender als alles, was sich vordergründig aktuell gibt. So wollen wir alle, wie die Jünger von Emmaus, begeisterte Jünger des Herrn sein. Dank sei dem Herrn der Kirche, dass er immer wieder Berufungen weckt und Menschen immer wieder Ja sagen zu diesem Dienst. Darum wollen wir es wagen. Amen.
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copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz
Es gilt das gesprochene Wort
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